Die Hauptstadtbewohner entscheiden am Sonntag über eine Frage, die Berlin tief spaltet: Bleibt Ethik ein Pflichtfach für alle Schüler? Oder dürfen sie in Zukunft Religion als Alternative wählen? Der Anlass der Abstimmung liegt vier Jahre zurück: Damals führte der rot-rote Senat obligate Ethikstunden für alle Siebt- bis Zehntklässler ein. Die Regelung stieß auf den erbitterten Protest der Kirchen. Sie sahen das Fach Religion, das in Berlin nur als freiwilliges Wahlfach angeboten wird, noch mehr an den Rand des schulischen Kanons gedrängt. Die Initiative Pro Reli hat daraufhin einen Volksentscheid angestrengt. Sie will erreichen, dass Religion wieder verpflichtend gelehrt wird. Doch wie sieht der Religionsunterricht in Deutschland aus? Was wissen wir über die Glaubensstunden im Klassenraum?

Warum ist Religion kein Fach wie jedes andere?
Weil der Staat für den Religionsunterricht in Deutschland nicht allein zuständig ist, sondern mit den Kirchen zusammenarbeiten muss (res mixta), und zwar bei den Lehrinhalten, der Ausbildung und der Auswahl der Lehrer. So sieht es das Grundgesetz vor. Der Staat muss dem Religionsunterricht einen festen Platz im Lehrplan einräumen. Unter anderem heißt dies, dass die Religionslehrer Noten vergeben, die im schlimmsten Fall eine Versetzung gefährden können.

Dennoch kann niemand zum Religionsunterricht gezwungen werden. Für Schüler, die keiner Kirche angehören oder sich vom Fach abmelden, gibt es einen Ersatzunterricht, der je nach Bundesland mal Ethik, mal Philosophie heißt. Während im Westen Deutschlands weit mehr als zwei Drittel der Schüler Religion wählen, ist es im Osten umgekehrt. In Sachsen-Anhalt etwa belegen mehr als drei Viertel aller Schüler das Fach Ethik.

Eigentlich sollen die Glaubensstunden "konfessionsgebunden" unterrichtet werden. Das heißt: Katholische Lehrer unterweisen katholische Schüler nach katholischen Lehrplänen. Das Prinzip beginnt sich jedoch langsam aufzulösen. So unterrichtet ein Drittel der Lehrer in Baden-Württemberg Schüler der anderen Konfession. Im Ruhrgebiet findet man Schulen, in denen dem katholischen Religionslehrer mehr Muslime als Christen gegenübersitzen.

Ist Berlin die einzige Ausnahme von der Regel?
Nein, auch andere Länder folgen nicht dem Normalmuster des Religionsunterrichts. So haben die Kirchen in Bremen überhaupt keinen Zugang zum Klassenraum. Dort unterrichtet der Staat das Fach, genannt "Biblischer Geschichtsunterricht". Neben christlichen Kindern nehmen auch konfessionell ungebundene Schüler sowie Muslime teil. Wie Berlin nehmen die Schulbehörden der Hansestadt die sogenannte Bremer Klausel des Grundgesetzes in Anspruch. Sie entbindet jene Länder von der Pflicht zum regulären Religionsunterricht, die schon vor dem 1. Januar 1949 keinen obligatorischen Religionsunterricht kannten.

In Hamburg dagegen bietet die evangelische Kirche einen sogenannten Religionsunterricht für alle an. Die Lehrer behandeln ethische wie religiöse Fragen aus der Perspektive verschiedener Glaubensrichtungen. Muslime, Juden und Buddhisten sind an der Gestaltung des Lehrplans beteiligt. Die katholische Kirche dagegen hat sich weitgehend auf ihre Privatschulen zurückgezogen, von denen es in der Hansestadt besonders viele gibt.

Das Bundesland Brandenburg lässt sich am besten mit Berlin vergleichen. Hier haben die Schulbehörden 1996 das Fach "Lebenskunde-Ethik-Religionskunde", kurz LER, eingeführt. Die Lehrer sollen neutral Kenntnisse über Religionen und Weltanschauungen vermitteln und Lebensorientierung geben. Anders als in Berlin können sich die Schüler vom LER jedoch abmelden und stattdessen katholischen oder evangelischen Religionsunterricht belegen. Kirchen und Landesregierung führten den Streit um LER damals mit ähnlichen Argumenten und gleicher Leidenschaft wie die Kontrahenten im jetzigen Kulturkampf in Berlin. Mittlerweile haben sich beide Fächer jedoch angenähert. Vielerorts arbeiten Religions- und Ethiklehrer zusammen.