Wer die Traumzeit bereisen will, muss den Geschichten der Ahnen folgen. Wer die Ahnen verstehen will, muss die Sprache der Tiere, der Steine, des Wassers und der Sterne sprechen. Wer die Sterne beschwören will, muss die rituellen Gesten beherrschen, die von den Ureinwohnern Australiens 50.000 Jahre lang eingeübt, doch in 200 Jahren Kolonisation beinahe vergessen wurden. Kann man das Vergessene zurückholen? Daran arbeiten sie noch an diesem sonnigen Herbsttag im April, in der Lagerhalle am anderen Ende der Welt. Sydney ist ein Wald aus spiegelnden Wolkenkratzern, und die Halle, die am Ufer der Walsh Bay liegt, vibriert vom Stampfen nackter Füße. Sieben Krieger mit blutrot bemalten Oberkörpern tanzen den Sternengruß. Er beginnt mit dem Senken federgeschmückter Köpfe, wird vorbereitet durch rhythmisches Wirbeln der Arme, geht über in trommelnde Verbeugungssprünge, um schließlich in eine ausholende Gebärde der rechten Hand zu münden, die himmelwärts weist. "Dommeluuu! Tebbe tebeee!", singen sie und wenden die schweißnassen Gesichter dem Himmel zu. Es ist nicht leicht für die Großstadttänzer, Kontakt zum Sternbild des Kriegers Tagai aufzunehmen, der das Kreuz des Südens trägt. Es ist nicht leicht, die Rituale der ältesten noch praktizierten Menschheitskultur am Leben zu halten und die verlorene Traumzeit wiederzufinden.

Früher lebten alle Aborigines in der Traumzeit. Die grimmigen Krieger, die rotznasigen Kinder, die Mütter, die Greise – sie alle waren aufgehoben im ewigen Kreislauf des von Generation zu Generation vererbten Wissens. Jeder Stamm kannte seine Traumpfade, die die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft verbanden. Songlines lautet das Wort, das der Schriftsteller Bruce Chatwin dafür gefunden hat. Es beschreibt die Spiritualität der Aborigines ebenso wie die staubigen Wege zu ihren Kultstätten. Es meint eine Religion ohne Götter, aber voll elementarer Schöpferkräfte, die der Mensch entfesseln muss.

Die Stücke handeln von Regenmachern und Krokodilflüsterern

"Wir tanzen das Universum herbei", sagt Elma Kris in einer Trommelpause. Die Choreografin mit dem dunklen Gesicht steht vor der Spiegelwand, unter den torbogenförmigen Bambusstangen des Bühnenbildes, im pazifischen Licht, das durch die offene Hallentür fällt. Sie demonstriert, wie das Himmelwärtsweisen aussehen muss. Elma ist 37 und hat im Gegensatz zu fast allen anderen Mitgliedern der Bangarra Dance Company als Kind noch die alten Tänze gelernt. Sie stammt von den Torres-Strait-Inseln im fernen Norden, wo sich mehr Traditionen als in den meisten einstigen Stammesgebieten erhalten haben. Emeret LuSehr alte Dinge heißt das Stück, das sie der Körpersprache der Insulaner entlehnt hat. Es handelt von Regenmachern, Krokodilflüsterern und Schildkrötenjägern. Es beruht auf dem Glauben, dass jeder Mensch jede beliebige Gestalt annehmen kann und dass der Kreativität keine Grenzen gesetzt sind. Wenn Bangarra Ende April zum Tanzfestival Movimentos nach Wolfsburg kommt, wird das Publikum der Autostadt eine Ahnung davon bekommen, dass nicht der technische Fortschritt, sondern Kultur der eigentliche Motor der Menschheitsgeschichte ist.

Sydney hat viele Häfen, und auf dem stillen Pier Nummer vier, umkreist von gemächlichen Fähren und eiligen Wassertaxis, befindet sich seit zwanzig Jahren das Domizil der ehrwürdigsten modernen Tanztruppe Australiens. Bangarra bedeutetet "Feuer entfachen", deshalb prangt an der Fabrikhallentür als Signet eine Flamme in Form eines Kriegerkopfschmucks. Doch hier wird keine Folklore produziert. Die Tänzer sind Ethnologen auf der Suche nach unvergänglichen Formen des Menschseins, letztlich nach Utopien eines harmonischen Miteinanders. Wenn sie sich in Emeret Lu zu Kreisen formieren, wenn sie die fremd-vertrauten Signale für Glaube, Liebe, Hoffnung setzen, dann fragen sie aus dem weiten Raum der Geschichte heraus nach Möglichkeiten der Zukunft. Bush , Boomerang , Spirit , Walkabout, Corroboree heißen die Choreografien, die nicht das Alte glorifizieren, aber mit den Augen der Alten auf die Entfremdungserscheinungen der postkolonialen Gegenwart schauen: auf das Brutale, das Intolerante, das Erstarrte. Bangarra unterläuft in seinen Körperbildern das Traumfängerklischee vom edlen Wilden, aber erst recht das Feinbild vom primitiven Wilden, der an seiner Unfähigkeit, in der kulturell nivellierten westlichen Konsumgesellschaft glücklich zu werden, selber schuld sei. Dabei bleiben die Krieger als Kriegerdarsteller erkennbar in einem Als-ob-Theater, das die eigene Nostalgie reflektiert. Sein Repertoire liest sich wie ein jahrtausendealtes Glossar , doch seine Dynamik entsteht erst durch den zeitgenössischen Zugriff auf das Erbe.

Wer bei Bangarra tanzt, hat Aborigines als Vorfahren, aber könnte nicht einfach ins Outback zurückkehren. Die fruchtbaren Küstenstreifen sind mit Städten zubetoniert, die Wüsten sind Hoheitsgebiet der Trucker, die einst streng respektierten Grenzen zwischen den Clans sind verwischt. Schwer zu sagen, wo die indigene Generation MTV zu Hause ist. Selbst Elma Kris, die ihre Klans noch kennt (Wagadagam, Sipingur, Gebarra) und ihre Totems aufzählen kann (Seekuh, Krokodil, Schlange), hat eigentlich wegen Michael Jackson zu tanzen begonnen. Das ist das Erste, was sie über sich erzählt: wie sie als Teenager vorm Fernseher den Moonwalk übte. Elma steht neben der Musikanlage und vollführt auf roten Flipflops nochmal den berühmtesten Körpertrick der Achtziger, dies katzenhafte Rückwärtsgleiten in Zeitlupe. Die Mannschaft von Emeret Lu wirkt ohnehin wie eine Popband. Eine Tänzerin ist rothaarig, ein Tänzer sieht britisch, einer spanisch, einer chinesisch aus. Politisch korrekt würde man sie Aboriginals and Torres Strait Islanders nennen, sie selbst sprechen von ihrer bloodline, die ein letztes schwaches Band zur Vergangenheit ist.

Stephen Page wird nie das Gelächter vergessen, als er auf einem traditionellen Fest als Einziger die rituellen Tanzschritte nicht beherrschte. Damals war er nach Arnhemland im Northern Territory gereist, ein Halbstarker aus Brisbane zu Gast bei den Hütern der Traumzeit. Vielleicht war der Moment, in dem Page seine eigene Geschichte als Phantomschmerz empfand, ein Antrieb, Direktor von Bangarra zu werden. Stephen Page, geboren 1965, leitet das Ensemble nun seit 20 Jahren. Er ist ein blasser Mann in Turnschuhen, der auch Musikvideoclips choreografiert. Normalerweise sitzt er in einem mit Bildschirmen und CDs vollgerümpelten Büro neben dem Probensaal. Fragt man ihn nach seiner Herkunft, erzählt er die typische Kolonisationsgeschichte: wie die Urgroßväter abgeschlachtet, die Großeltern vertrieben und die Eltern zum Schweigen gezwungen wurden. Er selbst hat sich in der Schule noch wegen seiner Abstammung geschämt. "Sie assimilieren dich so sehr, dass du in ihrer Negativität gefangen bleibst." Gegen dieses Negative eine eigene Bewegungsfreiheit zu setzen ist seine Alternative. Er fügt Bruchstücke der Geschichte zusammen und ergänzt sie durch Stilelemente aus klassischem Ballett, Jazz, Breakdance. Sein größter Triumph war der Olympia-Auftritt Tausender Ureinwohner, den er im Jahr 2000 choreografierte. Monatelang reiste er in alle Himmelsrichtungen, sammelte bei den Clans das Material, probte mit Jugendlichen in den Städten. Awakening hieß die Wiederauferstehungszeremonie, die manchem Europäer Tränen der Scham in die Augen trieb, weil sie den letzten Kontinent feierte, der im Namen der Aufklärung verheert wurde.