Venezuelas Präsident Hugo Chávez ist der selbst ernannte Freund der Armen und Entrechteten, doch auch die Zunft der Buchhändler kann sich auf ihn verlassen. Chávez ist der Reich-Ranicki der Linken. Bei seiner Rede vor der UN-Vollversammlung 2006 beschimpfte er nicht nur seinen amerikanischen Kollegen George W. Bush ("Gestern war der Teufel hier. Es riecht noch immer nach Schwefel"), er empfahl seinen Zuhörern auch Noam Chomskys Hegemony or Survival: America’s Quest for Dominance. Innerhalb von Tagen schnellte das Buch auf der Bestsellerliste des Onlinehändlers Amazon von einem vergessenen Platz 160000 auf Rang sieben.

Am Wochenende hatte Chávez wieder einen Lesetipp für die Welt, vor allem aber für den amerikanischen Präsidenten. Beim Amerika-Gipfel in Trinidad und Tobago überreichte er Barack Obama Die offenen Adern Lateinamerikas des uruguayischen Journalisten Eduardo Galeano. Stunden später landete der Titel auf Platz 17 der Bestsellerliste.

Galeanos Buch, das vor fast vierzig Jahren erstmals erschien, ist eine Anklage des Kolonialismus und ein ebenso erschütterndes wie erhellendes Stück Wirtschaftsgeschichte. Minutiös beschreibt Galeano, wie sein mit Reichtümern gesegneter Kontinent jahrhundertelang von fremden Mächten ausgeplündert wurde. Von den spanischen Konquistadoren, die nach Lateinamerika ausgezogen waren, "um Gott und Seiner Majestät zu dienen und auch, weil dort Reichtümer vorhanden waren", wie es ein Gefährte Hernán Cortés’ beschreibt. Unzählige Indianer verendeten in den Silberminen, um einen gewaltigen Schatz zutage zu fördern, der die spanische Krone doch nicht reich machte. Sie war mit Hypotheken belastet und übertrug im Voraus fast alle Silberladungen an Bankiers in ganz Europa. "Spanien besaß die Kuh, andere tranken die Milch", schreibt Galeano. Nach den Konquistadoren kamen die britischen Handelsleute. Die junge heimische Industrie hatte keine Chance gegen die überlegene Wirtschaftsmacht, 1837 beschrieb ein britischer Konsul einen typischen argentinischen Gaucho: "Man betrachte alle seine Kleidungsstücke, man prüfe alles, was ihn umgibt, und wird kaum etwas finden, was nicht englisch wäre." Die Herren wechselten, den Briten folgten die Amerikaner, eines aber blieb gleich: Lateinamerika konnte das koloniale Erbe nicht überwinden, immer blieb es in einer ungerechten Wirtschaftsordnung gefangen, die ihm nur eine einzige Rolle zuwies – die des ewigen Rohstofflieferanten.

Man braucht kein Kenner der Chávezologie zu sein, um den Wink zu verstehen: Obama solle bitte schön Schluss machen mit einer Politik, die Lateinamerika als Hinterhof begreift. Der sagte hinterher: "Ich dachte, es wäre eines seiner eigenen Bücher, und wollte ihm schon eines von meinen schenken." Chávez könnte sie empfehlen. Schließlich geht es auch in Obamas Büchern um Unterdrückung: die der Afroamerikaner. Denn die Welt ist längst nicht mehr so einfach, wie sie mal war.