Dass die Jurastudentin Simona Risi Kurse über Sigmund Freuds Traumdeutung besucht, erscheint auf den ersten Blick verwunderlich. Auf den zweiten wird klar, dass die 22-Jährige alles andere ist als eine Ausnahme: Sie ist eine typische Studentin der kleinen Wirtschaftsuniversität im schweizerischen St. Gallen. Denn wenn die Schweiz auch gemeinhin nicht für ihre Schnelligkeit bekannt ist – die Uni von Simona Risi hat alles getan, um mit diesem Klischee aufzuräumen.

Als 29 europäische Bildungsminister 1999 den einheitlichen Hochschulraum für den Kontinent beschlossen, schlugen die Reformer zu: Als erste Hochschule der Schweiz konzipierte St. Gallen ein Studiensystem, das den Bologna-Anforderungen entsprach und mehr als das: Als hätten sie es geahnt, schufen sie eine Studienstruktur, die viele der Probleme, die heute andernorts beklagt werden, gar nicht erst entstehen lassen sollte – den starren Studienaufbau etwa und die mangelnde Freiheit in der Wahl der Inhalte.

Ganzheitlich sollte der neue Bachelor in St. Gallen sein. Simona Risi jedenfalls hat während ihrer Ausbildung drei Säulen durchlaufen: ein Kernstudium, in dem der Pflichtstoff gelehrt wird, das Selbststudium mit verschiedenen Formen von virtuellen Tutorien zur Vor- und Nachbereitung und die dritte Säule, sozusagen als Horizonterweiterung für alle Studenten, das Kontextstudium. Wirtschaftswissenschaftler setzen sich mit der Geschichte Indiens auseinander, Juristen lernen die Grundlagen der Philosophie kennen, alle miteinander vertiefen sie ihre Sprachkenntnisse.

»Manchmal sieht man den Bezug zum Hauptstudium nicht sofort«, sagt Simona Risi, »aber irgendwann merkt man dann: Oh, das bringt mich ja weiter.« Sie selbst hatte im Kurs Rechtspsychologie ein Aha-Erlebnis: Da tauchten Inhalte der Psychoanalyse wieder auf, die sie im Traumdeutungsseminar schon kennengelernt hatte. Im Hauptstudium halfen sie ihr, die Perspektive des Täters einzunehmen: »Wir sind es gewohnt, alles ganz nüchtern abzuwägen, aber es ist erhellend, sich mal richtig in die andere Seite hineinzuversetzen.«

Bei ganzheitlicher Betrachtung der Schweiz allerdings zeigen sich ähnlich wie in Deutschland nicht alle Studenten zufrieden mit dem Bachelor an ihrer Universität. Die Schweiz hat die Bologna-Reformen besonders schnell umgesetzt: Seit dem Wintersemester 2007/08 studieren die Erstsemester aller Fächer, auch der Medizin, an allen Hochschulen nach dem neuen System. Auch in Luzern haben die Studenten seit mittlerweile sieben Jahren ihre Erfahrungen mit dem Bologna-System gemacht. Luzern ist die jüngste Universität der Schweiz, erst mit der Gründung der Rechtswissenschaftlichen Fakultät im Jahr 2000 erhielt sie den Status zuerkannt.

Bashkim Rexhepi ist 27 und studiert im zweiten Semester Politik als Hauptfach in Luzern. »Das Laisser-faire, das ich heutzutage bei vielen Jugendlichen wahrnehme, passt nicht zu einer Uni«, sagt er. Und: »In der Gesellschaft muss man aber etwas leisten, damit man weiterkommt, das ist in der Uni nicht immer der Fall.« Bashkim Rexhepi ist Vater eines anderthalbjährigen Sohnes, gibt neben der Uni Nachhilfe in Mathematik und erfasst Daten für Firmen. Die meiste Zeit aber nimmt sein Engagement für die Hochschulpolitik in Anspruch. Da bleibt so wenig Raum für das Studium, dass es sich für ihn lohnt, Seminare mit geringen Anforderungen zu wählen.

Das Problem, findet er, ist, dass es diese Seminare eben immer noch gebe. Wo bleibt da die Vergleichbarkeit der Studienleistungen? Seine Wahrnehmung deckt sich mit den ersten Ergebnissen einer Umfrage unter rund 4700 Schweizer Studierenden, die von der Schweizer Rektorenkonferenz und den Studierendenverbänden im vergangenen Jahr in Auftrag gegeben wurde. Rund 80 Prozent der Studierenden bemängeln danach, dass sie für einen Credit-Point in verschiedenen Veranstaltungen unterschiedlich viel leisten müssen. Und fast 60 Prozent der Studenten der Geistes- und Sozialwissenschaften fühlen sich vom Bachelor-Master-System nicht genügend auf die Erfordernisse des Arbeitsmarkts vorbereitet.