Albert Darboven trinkt bis zu 15 Tassen Kaffee am Tag, Wolfgang Wille vier. Das sagt viel über diese beiden deutschen Kaffeekönige. Der eine herrscht in Hamburg, im Norden, wo die meisten Menschen einen Kaffee mögen, dessen Oberfläche tiefschwarz glänzt wie Klavierlack, der andere sitzt in München, im Süden, wo man es liebt, wenn ein kleiner Schaum darauf schwimmt. Vielleicht könnte man sagen: Für den einen zählt das pure Koffein, für den anderen das Aroma.

Natürlich würden beide diese Vereinfachung zurückweisen, denn so simpel ist es nicht mit dem Kaffee, man muss ja nur mal in den Probenzimmern der Röster die Bohnen liegen sehen: Noch sind sie roh, die Farbe changiert von Olivgrün bis Grau. Wie Erdnüsse sehen manche aus, andere wie Kürbiskerne, wie Erbsen. Und jede schmeckt, geröstet und aufgebrüht, anders: nussig bis blumig das Aroma, voll bis wässrig der Körper, elegant bis essigartig die Säure. Der Kaffeekenner bemüht fast so viele Worte wie der Weinexperte, wenn er beschreibt, was er trinkt.

Die Vorfahren von Albert Darboven, 73, und Wolfgang Wille, 68, haben – zusammen mit den Jacobs und der Tchibo-Familie Herz – die Deutschen zu Kaffeetrinkern gemacht. Noch immer sind die beiden Männer Konkurrenten im ewigen Wettstreit um die besten Bohnen. Die Auslese der Früchte ist ihr Metier, die Suche nach der idealen Mischung. So wie beide in ihrem gemeinsamen Hobby als Züchter von Vollblutpferden stets darauf bedacht sind, die besten Eigenschaften von Stuten und Hengsten zu vereinen, in der Hoffnung, ein noch perfekteres, ein noch schnelleres Pferd zu bekommen. Übrigens sind alle deutschen Kaffeerösterfamilien auch Pferdezüchterfamilien, vielleicht nicht von ungefähr.

Albert Darboven führt in vierter Generation die Hamburger Rösterei J. J. Darboven. Wolfgang Wille ist der Chef der Kaffeesparte von Dallmayr. Sein Vater war es, der aus dem Münchner Delikatessenhandel ein Kaffeeimperium machte. Darboven und Wille, zwei Patriarchen, letzte mittelständische Familienunternehmer der von Konzernen dominierten Branche. Zwei Leben für den und mit dem Kaffee.

Albert Darboven empfängt in seinem Wohnzimmer, nicht dem in seiner Villa im Hamburger Westen mit Blick auf die Elbe – "Wohnzimmer" heißt auch der Raum im ersten Stock der Firmenzentrale in Hamburg-Billbrook, mit Blick auf Parkplatz, Sattelschlepper, Kaffee-Silotürme. Den Röstgeruch in der Luft nimmt Darboven nur noch wahr, wenn er ein paar Tage weg war. Ein runder Tisch, darauf Tassen mit Kaffeepflanzendekor, grün gepolsterte Stühle – das alles scheint ein wenig in die Jahre gekommen und verströmt das Flair der Siebziger.

Albert Darboven erscheint, wie man ihn aus der Werbung für seinen Idee-Kaffee kennt: das graue Haar elegant gewellt, Nadelstreifenanzug, Einstecktuch, rosa Hemd, orangefarbene Krawatte mit Pferdemotiv. In den Spots saß er früher auf einem weißen Sessel mitten im Rapsfeld, in einem Flussbett, im Wald, jetzt nimmt er Platz auf dem Chefstuhl mit dem Messingschild an der Lehne: "AD". "Mit zwölf", sagt er, "wusste ich, dass der Kaffee mein Lebensinhalt würde."

Eigentlich hätte er nach Amerika auswandern sollen. In Hamburg wollte er im Sommer 1948 gemeinsam mit der Mutter bei einem wohlhabenden Großonkel auf die Ausreisepapiere warten. Da kam der alte Herr, den der Junge bis dahin nicht gekannt hatte, zur Küchentür der Reetdachvilla herein und sagte: "Du wirst mal mein Nachfolger sein."

Der kinderlose Arthur Darboven adoptierte Albert, der bis dahin Hopusch geheißen hatte, und gab ihm den Namen der Kaffeedynastie, die er führte und die Johann Joachim Darboven 1866 begründet hatte. Der Junge erwies dem Onkel wie dem Kaffee seine Dankbarkeit, indem er den Rücken krumm machte als Schauermann – so nannte man die Männer, die früher im Hafen per Hand die Schiffe be- und entluden.

Von dem Moment in der Küche an gehörte Albert Darboven zur Upperclass, aber im Grunde wollte er sein wie die Hamburger Jungs, die im Hafen arbeiteten, das jedenfalls sagt er, und man ist geneigt, ihm zu glauben. Denn obwohl er den Umgang mit Prinzen und Honoratioren gewohnt und mit einer Prinzessin verheiratet ist – manches spricht dafür, dass er ein einfacher Mann geblieben ist.

Im Internat machte er den Realschulabschluss, das reichte ihm. Er wollte raus in die Welt, raus zum Kaffee, der seine aufputschende Wirkung schon entfaltet hatte. Selten fällt in Hamburg der Name Albert Darboven, ohne dass ihm "der Hanseat" vorangestellt würde. Unter einem Hanseaten stellt man sich einen gediegenen Kaufmann von liberaler Geisteshaltung vor, und im Fall von Darboven denkt man an den Mäzen, den Polopartner von Prinz Philip und Prinz Charles. Darboven gehörte zu den besten Polospielern Deutschlands; erst vor drei Jahren hat er mit dem Sport aufgehört.

Als er Mitte der fünfziger Jahre durch Mittelamerika reiste, um eine Einkaufsagentur für verschiedene Kaffeeröster aufzubauen, war er wohl vor allem ein Revolverheld. Er fuhr von Plantage zu Plantage und sandte Telegramme heim, in denen stand, welche Konditionen er ausgehandelt hatte. Nicaragua, Costa Rica, El Salvador – auf dem Pferd ritt er durch diese fremden Länder, in denen diese zauberhafte Kaffeepflanze blühte und man nicht ohne Revolver aus dem Haus ging, "sonst war man kein Mann".