Café Vetter, Marburg

Der Zauber alter Universitätsstädte liegt im allerengsten Beieinander-Seyn von deutscher Provinz und deutscher Weltlust. Ein Ort, an dem diese Gestimmtheit geradezu körperlich erfahrbar wird, sofaknarzend, kaffeeduftend, akademisch palavernd, ist das Café Vetter hoch überm Lahntal, am alten Reitweg zum Landgrafenschloss. Wer sonntags hingeht, dem weht vom Blüthner-Flügel der Soundtrack einer studentischen Dolce Vita entgegen, nicht mehr ganz von dieser Welt. Die Konditorenfamilie Vetter führt ihr Café in vierter Generation, seit bald hundert Jahren. Immer wieder sieht man Damen und Herren mit dem nostalgischen Seufzer eintreten: Ach ja, hier war’s! Erste Semester, erste Liebe, erste Lebensprüfungen. Natürlich muss man Marburg verlassen, diese liebenswerte Melange aus bäuerlich-breitem Oberhessisch und höherer Spinnerei. Aber die Mürbe des Baumkuchens im Vetter, die Musik vom Flügel her an einem nebligen Wintersemestersonntag – das bleibt.   Wolfgang Büscher

Café Vetter, Reitgasse, Marburg/Lahn, Tel.: 06421/ 25888

© Café Vetter

Café Wien, Sylt

Ach, Kaffeehäuser, alte Damen mit Hüten, Schachspieler, Tabakdampf, wo gibt’s das noch oder wieder? An jeder Ecke kann man heute etwas heißes Schwarzes schlürfen, wenn auch der Geschmack nicht immer stimmt, vom Ambiente mal ganz abgesehen. Und was ist mit der Konditorei diesseits von Brownie und Bagel? Ich bin dankbar, wenn der Kuchen nicht aus dem Gefrierfach kommt. Er sollte wohltemperiert sein, wie Rotwein.
Meine Lieblingskuchenausgabestelle ist das Café Wien in der Westerländer Strandstraße, wenige Hundert Meter vor der Nordsee. Die Lübecker Nusstorte schmeckt hier besser als in Lübeck. Es ist die Sahne. Sie ist mit Meeresluft aufgeschlagen. Nach dem ersten Bissen möchte man am liebsten gleich eine ganze Torte verspeisen. Beim letzten Bissen stellt sich dann eine ganz leichte Übelkeit ein, dieses typische Tortengefühl, und nichts, nichts möchte man mehr. Herrlich!
Zeitungen gibt es im Café Wien, immerhin. Bloß: Um dort zu sitzen und zu lesen, dafür ist es dann doch zu ungemütlich, weil die gestressten Kellnerinnen noch unwirscher sind als die gestressten Urlauber.   Ulrich Stock

Café Wien: Strandstraße 1, Westerland/Sylt, Tel.: 04651/ 5335

© Café Vetter

Kaffehaus Riquet, Leipzig
Manche Trends sind uralt, und nur weil uns die aufgeschäumten Getränke heute so neu vorkommen, wollen wir nicht vergessen, dass es zu Zeiten der "alten Kaffeehäuser" deren 30 allein in der Stadt Leipzig gab. Das war um die vorletzte Jahrhundertwende, als sächsische Händler ihre guten Beziehungen zum Orient gern öffentlich ausstellten: Zum exotischen Gesöff reichte man einheimisches Gebäck. Diese Tradition eines weltläufigen Lokalpatriotismus wird heute noch im Café Riquet gepflegt. Auf halbem Weg zwischen Nikolaikirche und Rathaus steht einer der vormals originellsten Neubauten Leipzigs mit chinesisch inspirierten Dachtürmchen und Gesimsen im Jugendstil. Drinnen im denkmalgeschützten Gastraum, unter der gläsernen Theke, stehen die Haustorten: Marzipan, Nuss, Nougat, Sacher, dazu Eierschecke und vor allem Leipziger Lerchen. Diese Makronentörtchen werden noch nach dem Rezept aus dem 19. Jahrhundert gebacken, sie sind ein Trend von anno dazumal und schmecken am besten in Kombination mit einem simplen altmodischen Kaffee.   Evelyn Finger
Kaffeehaus Riquet, Schuhmachergäßchen 1, Leipzig, Tel.: 0341/9610000

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Café Pennekamp, Kiel
Nur Holz und Glas, Licht und Wasser. Das Café Pennekamp in Kiel erinnert an moderne skandinavische Orte der Einkehr, es liegt direkt an der Kieler Förde, und zum Chili-Kakao, zur Weinschorle, zum Milchkaffee oder Weißbier hört man beim leichtesten Wind die Stahlseile der Segelboote an die Masten schlagen.
Zu hausgebackenem, einzigartig leckerem Holzofenbrot servieren die Besitzer selbst gemachten Obatzter, überbackene Birnen mit Weichkäse und rosa Pfeffer oder Rührei mit Räucherspeck. Im Sommer klappt das Café seine Fensterfronten auf, sodass man die Sonne genießen kann, ohne gebraten zu werden.
Besonders schön aber ist es im eiskalten Winter, wenn der Sturm wild ums Haus fegt, die Gischt über die Kaimauer spritzt und eine der großen Fähren Kurs auf Oslo oder Göteborg nimmt – direkt hinter der Kaffeetasse.   Susanne Gaschke

Café Pennekamp, Kiellinie 9, Kiel, Tel.: 0431/ 5346962

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Café Graf Anton, Freiburg

Kaffeehäuser sind Rettungsinseln für den Großstädter. Ich wohne auf dem Land, bin also meist nicht auf sie angewiesen. Nur wenn ich ins benachbarte Freiburg fahre, locken mich die Annehmlichkeiten der Edelgastronomie des Hotels Colombi. Dazu gehört das Café, wo ich gern zwischen anderen Nichtstuern sitze, meinen Cappuccino trinke, ein Croissant esse und mir von den liebreizenden Damen eine Tageszeitung bringen lasse. Im Sommer findet das Ganze unter fünf großen Kastanien vor dem Haus statt. Auch dies ein Privileg, weil die Umgebung des Colombi von den in dieser Studentenstadt üblichen Kaugummiflecken nicht verunreinigt ist. Und es gibt hier so viel zu beobachten: die eleganten Menschen an den Nebentischen, die Spatzen bei der Krümelsuche und die Polizisten hinter den Parkuhren. Vom Angebot der hauseigenen Konditorei mache ich keinen Gebrauch, denn für die Naschsucht ist der Küchenchef Alfred Klink zuständig, der unter demselben Dach, in einem der gepflegtesten deutschen Restaurants (dem besten der Stadt), in der Zirbelstube, für mein Wohlbefinden sorgt.   Wolfram Siebeck

Café im Hotel Colombi, Rotteckring 1, Freiburg, Tel.: 0761/21060

Wo liegt Ihr Lieblingscafé und was essen Sie dort am liebsten? Schicken Sie uns eine Mail mit Adresse und Speisetipp an mein-cafe@zeit.de!