Der Flatscreen der Akademiker

Es gibt immer nur zwei Sorten von Menschen: Es gibt Männer, und es gibt Frauen. Es gibt Teetrinker und Kaffeetrinker. Es gibt Nassrasierer, und es gibt Trockenrasierer.

Und für jede Sorte Mensch gibt es die richtige Espressomaschine.

Sogar für Teetrinker. Es ist nämlich nicht auszuschließen, dass auch die mal den perfekten Gastgeber spielen wollen und tolerant genug sind, nach dem Essen außer Darjeeling Risheehat First Flush SFTGFOP 1 auch eine Tasse Espresso zu servieren. Auch für sie gibt es Maschinchen. Die machen den Kaffee nicht aus Bohnen oder Pulver, sondern aus "Pads" oder "Kapseln". Na ja.

Dann gibt es diese Schraubkannen. Unterteil, Einsatz, Oberteil, alles aus Aluguss mit einem schwarzen Bakelithenkel. "Maschine" ist da zu viel gesagt, "Espresso" meistens auch, aber sie sind ideal für männliche, Kaffee trinkende Nassrasierer, die sich nicht abhängig machen wollen von Technik und Atomstrom. Schraubkannen funktionieren schließlich auch auf einem Lagerfeuer.

Doch von diesen Dingern soll hier nicht die Rede sein. Wer sich einmal an dem Bakelithenkel die Finger verbrannt hat, weiß, warum. Das wirklich interessante Thema sind ohnehin die richtigen Espressomaschinen. Sie kosten nicht 16,50 Euro wie eine Schraubkanne, nicht 99 Euro wie ein Kapselmaschinchen, sondern bis zu 2000 Euro. Dafür könnte man in Neapel fünf Jahre lang seinen täglichen Frühstücks -caffè trinken. In der Bar um die Ecke, mit Bedienung. Aber die richtigen Espressomaschinen sind für den modernen Großstadtintellektuellen das, was für den Rest der Menschheit der Flatscreen ist, ein Fernseher, den man auch an die Wand hängen kann: Je größer, desto besser. Oberfläche gern in Klavierlack, zur Not auch in gebürstetem Edelstahl. Bedienung per Touchscreen kommt gut. Und die Leuchtanzeigen bitte in Blau!

Nun gibt es auch unter den Espressomaschinen zwei Sorten: die Siebträger und die Vollautomaten. Und es gibt – auf Internetforen wie www.kaffeeforum.de und www.kaffee-netz.de – erbitterte Glaubenskriege zwischen ST-Fans und VA-Anhängern. Verglichen damit, ist FC St. Pauli gegen Hansa Rostock ein müdes Kaffeekränzchen.

Denn die Gräben sind unüberbrückbar. Wer eine Siebträgermaschine in seiner Küche stehen hat, kann seinen Gästen täglich beweisen, was er bei dem sündteuren Espressokurs neulich beim Barista-Weltmeister gelernt hat: Kaffee mahlen, die richtige Menge in den Siebträger füllen, mit dem "Tamper" festdrücken (mit Kraft und Fingerspitzengefühl!), Siebträger einsetzen, Schalter umlegen… Siebträgermaschinen gibt es auch mit weiblich runden Formen und in gefälligem Rot.

Der Flatscreen der Akademiker

Vollautomaten dagegen sind männlich. Eckig. Markant. Man darf es ihnen ruhig ansehen, dass sie ein Wunderwerk der Technik sind. Dass in ihnen ein "intelligentes auto valve system" lauert, dazu ein hochwertiges Keramikmahlwerk namens "silent ceram drive", und dass sich die Maschine mittels "calcnclean" geradezu freiwillig säubert und entkalkt.

Das nun ist das Gerät, das zum Mittelpunkt der Designerküche wird. Die so viel gekostet hat wie ein 3er BMW, die aber eigentlich nur dazu dient, hin und wieder die Sushi vom Bringdienst anzurichten.

Und nachher einen Espresso zu machen. Oder einen Latte macchiato, einen Cappuccino? Alles nur ein Knopfdruck, lässig, aber hoch konzentriert. Der Reaktor mahlt die Bohnen, presst das Wasser mit gleichbleibender Temperatur und 19 Bar Druck durch den Kaffee, piepst aufmunternd, wenn der Ristretto fertig ist.

Und der männliche, Kaffee trinkende Trockenrasierer tut, als sei das alles die selbstverständlichste Sache der Welt. Noch jemand Kaffee? Wolfgang Lechner