Wollen Sie mal außergewöhnliche Gastronomie erleben in Deutschland? Es gibt ein Café, dort serviert ein Herr, der von seiner Respekt einflößenden Art her nicht anders genannt werden kann als "der Herr Ober", in Weste und Hemd. Man bestellt einen Palatschinken und bekommt ihn mit dampfender Schokoladensoße und viel Sahne. Und dann passiert etwas Unerhörtes. Man bestellt einen Kaffee, und der Herr Ober kommt mit einem kleinen Tablett, gerade groß genug für eine Tasse und für eine kleine Portion Kaffee – im Kännchen.

In einem kleinen, 0,35 Liter Heißgetränk fassenden Kaffeekännchen. Man möchte heulen vor Rührung, muss aber leider aussteigen, sonst landet man in Tschechien. Denn das gemütliche Kännchen begegnet uns natürlich nicht in einem deutschen Café, sondern im Speisewagen des Schnellzugs von Berlin nach Prag. Auf deutschem Boden ist das Kännchen so gut wie ausgerottet. Es ist schwer, in der Gastronomie noch eines zu finden.

Und noch schwerer, jemanden zu finden, der das bedauert. Die "Portionskanne", wie das Kännchen in der Fachsprache der Hotellerie heißt, hat nie viele Freunde gehabt. Und dafür kann sie selbst wenig. Als die Autoren Susanne Frank und Timothy Sonderhüsken vor einigen Jahren eine mehr als 300 Seiten starke Anthologie des angeblich typisch Deutschen zusammenstellten, betitelten sie diese mit Draußen nur Kännchen.

Jener Standardsatz, mit dem das Bedienungspersonal den Gästen einst die Bitte verweigerte, draußen in der Sonne eine einzelne Tasse Kaffee zu genießen, ist also noch immer Synonym für deutsche Kleingeistigkeit. Obgleich man heute kaum mehr ein Kännchen serviert bekommt, selbst wenn man es möchte.

Noch immer wird einem mehr Kaffee aufgenötigt, als man trinken möchte. Nur dass er nicht mehr "Kaffee im Kännchen", sondern "Coffee to go" heißt und nicht mehr in Porzellan kommt, sondern in einem Pappbecher, der einem die Finger verbrennt. Wo ist der Fortschritt?

Hersteller von Hotelporzellan, etwa die bayerische Firma Bauscher, wissen zum Kaffeekännchen nur Deprimierendes zu berichten. Man habe zwar die Portionskanne noch im Programm, die Nachfrage sei aber stark zurückgegangen. Es gebe zu viele Konkurrenten am Tisch. Gläser für den Latte macchiato, kleine Tässchen für den Espresso, große Schalen für den Milchkaffee. Der Filterkaffee sei eben nur noch ein Heißgetränk von vielen. Aber auch dieser wird nicht mehr im Kännchen serviert, sondern im "Pott" – dem großen Becher, wie er etwa bei Starbucks Verwendung findet.

In keiner "Coffee-Bar" würde man heute noch ein Kännchen finden. Dabei wäre das klüger. Im Kännchen bleibt der Kaffee nämlich lange warm. Der Kaffeepott aber kühlt schnell aus. Ein klarer Rückschritt: Denn das Warmhalteproblem war ja der Grund, warum im 18. Jahrhundert, neben den Teekannen aus Metall, überhaupt Kaffeekannen aus Porzellan gefertigt wurden. Und der Kaffeekanne im Haushalt geht es kaum besser als ihrer kleinen Schwester im Café.