Noch nie habe ich in einem Café gesessen, und mein Gegenüber hat dieses oder auch nur Ähnliches gerufen: "Yummy, yummy, toll, dass es zum Kaffee einen Keks gibt, der nicht nur kostenlos ist, sondern sogar noch gut. Den verleibe ich mir gleich mal ein. Oder willst du ihn haben?" Die wenigen Male, die ich erleben durfte, dass der auf dem Untertassenrand mitgelieferte, eingeschweißte Keks tatsächlich aufgegessen wurde, war mein Gegenüber kurz davor, unterzuckert in die Bewusstlosigkeit abzugleiten, und gleichzeitig war der Kuchen aus. In allen anderen Fällen geht der Keks zurück in die Küche, und weil er ja auch noch folienverpackt ist, fürchte ich, kommt er von dort früher oder später wieder zurück.

Wenn überhaupt, schätzen die Deutschen Kekse nur, wenn sie umsonst sind oder sehr billig. Kekse kauft man in 400-Gramm-Packungen im Supermarkt. Ich erinnere mich gut an einen Einkauf vor rund zehn Jahren, als eine Bekannte, die eine Zeit lang in England gelebt hatte, im Souterrain von Karstadt eine Packung Walker’s Pure Butter Shortbread erstand, und ich dachte: Was muss man blöd sein, für eine Packung Kekse fünf Mark auszugeben. Ich war, wie so viele Deutsche, nicht kekssozialisiert. Kekse sind in Deutschland die wenig geliebten Geschwister der Kuchen und Torten; sie sind Kinder- oder Alte-Tanten-Lebensmittel.

Vor ungefähr drei Jahren beobachtete ich, wie Menschen in Paris eine Schlange bildeten, die aus einem Laden herausreichte und sich dort noch einige Meter fortsetzte. Bei näherem Hinsehen verstand ich, dass diese Menschen sich anstellten, um an eine Art von Keksen zu gelangen, die mir bis dahin unbekannt war – Macarons, zu Deutsch: Makronen, in diesem Fall von dem Patissier Pierre Hermé gebacken. Es sind kleine Baiserkekse aus Mandelmehl, leicht und luftig, etwas größer als ein Fünfmarkstück, in deren Mitte sich nach dem Prinzenrollen-Prinzip eine weiche Creme befindet.

Bei Hermé gibt es diese Kekse in mehr als zwanzig Geschmacksrichtungen, die außerdem saisonal variieren, und man kann den Pariser Keksfreunden dabei zusehen, wie sie mit der gleichen Freude, mit der Kinder sich für Eissorten entscheiden, zwischen Kekssorten wählen. Die Pariser tun dies zumeist mit großer Geübtheit, kaum ein Kunde stockt, bis er seine zehn oder fünfzehn Kekse zusammengestellt hat. Verkäufer verpacken die Kekse in bunte Schachteln, versehen diese mit Schleifen und verfrachten das Kunstwerk in stabile Papier- taschen, sodass die Kunden diese Schachteln nach Hause tragen wie unsereins Parfümflaschen oder Goldschmuck. Mein Pariser Begleiter klärte mich darüber auf, dass diese Kekse vor allem verschenkt werden, wenn man zum Essen eingeladen ist. Wer einen auf dicke Hose machen will, kauft bei Pierre Hermé oder Ladurée.

Ein Macaron kann bis zu zwei Euro kosten. Dafür bekommt man in einer deutschen Konditorei fast ein Stück Sahnetorte. Darin steckt ihr Geheimnis: In Macarons zu investieren bedeutet, sich nicht nebenbei ein bisschen Zucker zuzuführen oder aus Lange- weile eine ganze Schachtel zu leeren. Man isst bei dem Preis meist nur einen Keks, dann ist es gut. Und wer Macarons geschenkt bekommt, muss sie verteilen, statt sie zu horten: Sie werden innerhalb weniger Tage hart. Auch in diesem Sinne sind diese Kekse wie frische Blumen.

Macarons wurden bereits im Mittelalter erfunden. Es heißt, Marie Antoinette sei eine Liebhaberin der Kekse gewesen, und als vor drei Jahren Sophia Coppola einen Film über diese Königin drehte, leistete sie damit auch Entwicklungshilfe in Deutschland. Die Macarons wurden bekannt.

Seither finden sich Backanleitungen in Zeitschriften, und tatsächlich eröffnete im Untergeschoss des Berliner Kaufhauses Lafayette eine Zweigstelle von Ladurée, dem Pariser Konditor. Es war ein Zauber von nur einigen Monaten Dauer. Inzwischen ist Ladurée aus Deutschland wieder verschwunden. Stattdessen werden bei Lafayette, in geringerer Auswahl und mit weniger Pomp, ähnliche Macarons verkauft, die leider nicht ganz so gut schmecken. Es scheint, als habe Deutschland die Keksprobe nicht bestanden. So viele Schokoladen-Macarons, wie man aus Frust darüber essen müsste, würden einen dann doch ruinieren.