Er ist der Idealgast des St. Oberholz, ich kenne ihn von den Webseiten, die das Café umschwirren wie Gerüchte eine schöne Frau. Ich will nicht hinglotzen. Ich verabscheue es, andere Leute zu begaffen oder begafft zu werden. Aber nun sitze ich hier seit gut einer Stunde und spüre, wie die Moral sinkt. Was, zum Teufel, tut der kreative Herr am Nebentisch? Das wüsste ich gern. Feilt er am Entwurf eines neuen Berlin-Logos? Am Sound eines Kurzfilms? Am ersten Satz seines ersten Romans? Etwas in dieser Art wird es wohl sein, zwitschert der Mythos von St. Oberholz.

Ein Brausen ist in der Luft, das Aufbrausen der Espressomaschine, in immer neuen Wellen braust es durchs Café. Und in den großen Fenstern läuft der Berlin-Mitte-Dauerclip. Jault eine Ambulanz vorüber. Ziehen Berlin-Mitte-Touristen vorbei. Cruist der Wagen einer Spedition durchs Bild – ihr Name ist identisch mit dem einer jungen Künstlerin, die gerade aufsteigt, und seltsamerweise fotografiert sie immerzu Möbel in leeren Räumen. Alles ist so seltsam.

Ist denn alles Kunst geworden? Sind wir alle gefangen im Traum von St. Joseph Beuys? Und war dessen richtiger Name nicht Professor Beuys-Oberholz?

Ich habe hingeschielt. Mehrmals. Über alle erreichbaren Schultern, ich weiß jetzt Bescheid. Alles flattert hier. Flattert zwischen Ernst und Zerstreuung hin und her: Tabellen, Webseiten, Texte – Facebook, Mails, Fotos.

Eine Amerikanerin chattet durch die Welt, unterdessen schreibt sie einen langen Text. Und der Franzose vor seinen Grundrissen von Berliner Altbauwohnungen ist zweifellos Architekt, und sein Lieblings-Weltbildprovider ist CNN. Und der Idealgast? Flattert auch. Er ist abwechselnd in den Beständen eines großen Berliner Kunstmuseums und in denen seines Privatlebens unterwegs.

Plötzlich gibt eine Dame dem Geist von St. Oberholz unfreiwillig Ausdruck. Sie bittet die Wirtin um Besteck für ihren Salat, was ihr peinlich ist, weil alle hier sich selbst bedienen, und nur sich selbst. Wissen, was zu tun ist, ist wichtig für den, der hier eintritt. Die Arme hat das Besteck nicht gefunden.

"Grundsätzlich bin ich selbstständig!", ruft sie lachend und eine Spur zu laut ins Café, als man ihr stumm Messer und Gabel reicht. Selbstständig, auch das ist wichtig für den, der eintritt. Man ist das hier. Aus lebensästhetischen Erwägungen.

Nichts Neues also – das Club-Prinzip, das Spiel von Auslese und Peinlichkeit, gehört zur Großstadt, und keines ihrer Milieus spielt es gnadenloser als dasjenige, das sich so ultraprogressiv gebärdet.