Nicht eine Platte hat mein Leben verändert, sondern das Tonbandgerät, mit dem ich Platten aufnahm. Als Zehnjähriger bekam ich ein Philips-Vierspurgerät, und damit "schnitt ich mit", wie die Radiomoderatoren das nannten, und zwar so ziemlich jedes Stück, das gut anfing. Zur schönsten Quelle wurde mir der Südwestfunk mit seinen Jazzsendungen, die Joachim Ernst Behrendt so hörbar glücklich moderierte, als säße ein Hungernder vor dampfenden Tellern – er moderierte, als liefe ihm das Wasser im Munde zusammen.

Wichtig war aber auch der Südfunk. Der spielte LPs am Stück, ohne Gequatsche und ohne Werbung. An einem regnerischen Abend im Herbst 1972 nahm ich Thick as a Brick auf. Die Platte der englischen Band Jethro Tull galt als rätselhaft und genial; das "Konzeptalbum" war in das Papier einer Dorfzeitung geschlagen und erzählte von der Welt aus der Sicht eines menschenfeindlichen Wunderkindes namens Gerald Bostock. In Wahrheit war Thick as a Brick das Werk des Tull-Chefs Ian Anderson. Anderson wirkt aus heutiger Sicht wie ein Vorfahr von Hagrid und Dumbledore, ein magischer bärtiger Schrat, der auf einem Bein stehend Querflöte spielen konnte.

Der SDR sendete feierlich das ganze Album, der Moderator schwieg, wie heute kein Moderator mehr schweigt, und ich "schnitt mit". An einer betörenden Stelle, der Glockenspiel-Piano-Passage zu Beginn der 17. Minute, fiel der Strom aus, der Radioton sackte weg, und das Licht flackerte. Es war, als hätte unser Haus einen kleinen Stoß bekommen. Nach zwei Sekunden war der Strom wieder da und die Musik auch. Ich dachte mir nichts.

Kurze Zeit später rasten draußen auf der Straße vorbei: Notarzt, Löschzüge, Krankenwagen, Polizei. Mein Bruder und ich rannten hinaus, den Sirenen hinterher. Etwa 300 Meter entfernt standen sie im Geflacker des Blaulichts, man sah einen umgerissenen Lichtmast und um den Sockel des Masten gewickelt ein Autowrack. Man erkannte Feuerwehrmänner mit Säge und Brecheisen und schließlich, in der Tiefe des Wracks, einen blutenden Mann mit starren, aufgerissenen Augen.

Vor unserem Haus führte die Bundesstraße, eine vorstädtische Raserautobahn, über eine Erhöhung, eine kleine Schanze. Der Mann musste in wahnsinnigem Tempo über die Schanze gefahren sein, sein Wagen hatte abgehoben, war schräg aufgekommen, von der Straße geschossen und gegen den Mast geprallt.

Mein Bruder zog mich fort, und was aus dem Mann wurde, weiß ich nicht. Seinen Blick habe ich nie vergessen. Und die Sekunde des Aufpralls war, wie ich Tage später feststellte, in meine Thick as a Brick -Aufnahme eingebrannt: In der 17. Minute hört man eine akustische Narbe, eine von Anderson nicht gewollte Synkope.

Ich hörte Thick as a Brick noch oft, und während ich auf den Knack, den kleinen Infarkt der Aufnahme, wartete, sah ich den Autofahrer vor mir, wie er auf seine Katastrophe zuraste, womöglich bester Laune und Musik hörend. Seitdem ist mir Ian Anderson ein wenig unheimlich (sein Haupthaar und sein Bart sind inzwischen kurz, er sieht fast so aus wie Manfred Krug). Jahre später schrieb er das Lied Skating Away on The Thin Ice of a New Day, und genau das war es, was er mir an jenem Herbstabend vor 37 Jahren beigebracht hat: wie dünn das Eis ist, auf dem wir gleiten.

Jethro Tull: Thick as a Brick, Chrysalis/EMI