Am 24. November 1974 gab die Polizei der West Midlands bekannt, dass sie innerhalb von nur drei Tagen eine schreckliche Tat aufgeklärt habe. In einem umfassenden Geständnis hatten vier von sechs Iren zugegeben, in der nordenglischen Stadt Birmingham mehrere Bomben gelegt zu haben. Bei der Explosion waren 21 Menschen getötet und 162 schwer verletzt worden. Schon zuvor hatte es Anschläge der Irisch-Republikanischen Armee, IRA, gegeben. Dieser war jedoch mit Abstand der schlimmste.

Zur Zeit der Detonationen sitzen die sechs späteren Verdächtigen in einer Kneipe und warten auf ihren Zug. Die Reise, später als Flucht ausgelegt, soll nach Belfast gehen – zur Beerdigung eines Folksängers der IRA, der bei der Explosion einer von ihm selbst gelegten Bombe umgekommen war. Noch bevor die sechs Männer Belfast erreichen, werden sie verhaftet.

Drei Tage später unterschreiben vier von ihnen ein Geständnis. An zweien wird außerdem der Bombenbaustoff Nitroglyzerin nachgewiesen. Obwohl ihre Geständnisse nicht zu den Indizien am Tatort passen und alle vier (keiner Mitglied der IRA) bald widerrufen, werden die sechs am 15. August 1975 zu 21-mal lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.

Die Familienväter beteuern ihre Unschuld: Die Polizisten hätten sie zusammengeschlagen, sie so verängstigt, dass sie ein vorformuliertes Geständnis unterschrieben hätten. Doch ihre Anträge auf Berufung werden abgelehnt, eine Zivilklage der sogenannten Birmingham Six gegen die Polizisten wird nicht zugelassen. Mit den Jahren werden immer mehr Menschen auf den Fall aufmerksam: Politiker, Bischöfe, Journalisten und Menschenrechtler sind überzeugt von der Unschuld der sechs Iren.

In den Geständnissen heißt es, die Bomben seien in Plastiktüten transportiert worden, ein kriminaltechnisches Gutachten beweist aber, dass ein Aktenkoffer als Versteck gedient haben muss. Zweifel gibt es auch am sogenannten Giess-Tests, mit dem das Nitroglyzerin nachgewiesen worden war. 1986 führt ein Journalist in einer Fernsehshow vor, dass der verwendete chemische Test auch auf den Lack von Spielkarten reagiert – vor ihrer Festnahme hatten die Männer Karten gespielt. Darüber hinaus zeigt das elektromagnetische Verfahren ESDA, dass die Geständnisprotokolle nicht zeitgleich mit den Vernehmungen angefertigt wurden. Trotz des massiven öffentlichen Drucks kommt es erst 1990 zur Wiederaufnahme des Verfahrens. Im März 1991 werden alle Urteile gegen die Birmingham Six aufgehoben – nach 16 Jahren Gefängnis.

Vergleichbares widerfuhr den Guildford Four, den Maguire Seven und den Tottenham Three. Alle saßen aufgrund zweifelhafter Geständnisse viele Jahre unschuldig hinter Gittern. Diese Justizirrtümer sind der Grund, warum in England seither alle polizeilichen Vernehmungen mit Tonband oder Kamera aufgezeichnet werden müssen.