Wer eines Verbrechens verdächtigt wird, muss die Nerven bewahren – besonders, wenn er es begangen hat. Die besten Chancen davonzukommen hat, wer schweigen kann. Wer kaltblütig jeder Falle ausweicht, die ihm Polizisten stellen. Wer zu keiner Vernehmung freiwillig erscheint und nach dem Klingeln nicht zur Tür geht. Wer sich sofort einen Anwalt nimmt – am besten einen aggressiven. All das hat Nikolai H. nicht getan. Und deswegen steht er jetzt vor dem Landgericht Oldenburg – angeklagt wegen Mordes.

Nikolai H. soll vor gut einem Jahr, am Abend des 23. März, es war der Ostersonntag 2008, einen 5,9 Kilogramm schweren Holzklotz von einer Autobahnbrücke in Oldenburg auf die A29 geworfen haben. Der Klotz durchschlug die Windschutzscheibe eines die Brücke mit 130 Stundenkilometern unterquerenden BMW und zermalmte den Brustkorb der 33-jährigen Beifahrerin Olga Keksel. Sie starb sofort, ihr am Steuer sitzender Ehemann und die Kinder im Fond blieben unverletzt.

Zwei Wochen lang stocherte die 27-köpfige Sonderkommission "Brücke" der Oldenburger Kriminalpolizei im Nebel. Der Holzklotzwurf war ganz offensichtlich ein Verbrechen aus böser Laune. Es hätte jeden treffen können, ein anonymer Täter ermordete ein zufälliges Opfer. Niemand hatte den nächtlichen Vorfall beobachtet, die Spürhunde erschnüffelten nichts, die Indizienlage war deprimierend.

Deshalb griff die Soko zu einer List: Ihr Sprecher erklärte gegenüber den Medien, der Täter müsste beim Hochstemmen des Wurfgeschosses seine DNA darauf hinterlassen haben, und erwog öffentlich das Für und Wider eines Massengentests im Raum Oldenburg. In Wirklichkeit hatten die Sachverständigen keinerlei menschliche Spuren am Klotz gefunden, kein Erbgut, keine Haare, keine Fingerabdrücke, bloß ein bisschen Erde in einer Vertiefung des Holzes. Mit dem Bluff hoffte man, den Täter nervös zu machen und aus der Reserve zu locken.

Und wirklich. Am 5. April 2008 erschien ein bislang unbekannter Mann auf der Wache: der 30-jährige Nikolai H. Der arbeitslose, alleinstehende Russlanddeutsche wohnte in Rastede, einem kleinen Ort in der Nähe des Tatorts, und gab zu Protokoll, er habe am Ostersonntag die besagte Brücke auf dem Rad überquert und dort den in der Presse gezeigten Klotz liegen sehen. Damit niemand darüber stürze, habe er ihn vom Radweg ans Geländer gerückt, wobei er ihn zwangsläufig berührt habe. Warum er jetzt erst zu Polizei kam, sagte H. nicht. Der Verdacht liegt nahe, dass eine harmlose Erklärung für eventuelle eigene DNA auf dem Holzklotz geliefert werden sollte.

Seit dem vergangenen November sitzt H. hinter Panzerglas auf der Anklagebank, und man sieht ihm an, dass er inzwischen etwas begriffen hat: Wäre er seinerzeit still zu Hause geblieben, hätte den Fernseher nicht eingeschaltet und nicht in die Bild- Zeitung geblickt, er wäre immer noch ein freier Mann. So aber rückte Nikolai H. durch eigenes Dazutun in den Fokus der Ermittlungen. Sechs Wochen später hatte man ihn so weit: Am 21. Mai 2008 legte er ein umfassendes Geständnis ab. Gab zu, den Klotz "aus Frust" gezielt auf ein Auto geworfen zu haben. Den Tod von Menschen habe er dabei in Kauf genommen. Sollte H. demnächst wegen Mordes verurteilt werden, wird dieses Geständnis im Zentrum des Schuldspruchs stehen.

Obwohl Polizei und Staatsanwaltschaft dem Verdächtigen eine Tat – unabhängig davon, ob er sie zugibt oder nicht – nachweisen müssen, gilt das Geständnis bis heute als Regina Probationum, "Königin unter den Beweismitteln". Den Täter zum Bekennen seiner Schuld zu bewegen wird bei der Kriminalpolizei als Meisterleistung betrachtet. Bei Delikten wie der Steuerhinterziehung oder der Tötung des Intimpartners sind Geständnisse wegen dichter Beweislage meistens nicht nötig. Bei Verbrechen wie dem Holzklotzwurf liegt die Sache anders: kein Nahraum, keine Indizien, kein nachvollziehbares Motiv. Hier ist das Geständnis der Schlüssel zur Klärung des Falles.

In der deutschen Kriminalgeschichte kommen falsche Geständnisse immer wieder vor. Es gibt Verdächtige, die aus Müdigkeit gestehen, aus Wichtigtuerei, aus Furcht oder weil sie dem stundenlangen Trommelfeuer polizeilicher Fangfragen irgendwann nicht mehr gewachsen sind. Für einen Kriminalpolizisten, der in ein Beamtenleben versunken ist, gibt es diesen Königsweg zu Ruhm und Ehre: Er muss in einem verzwickten Fall ein Geständnis herausholen, dann ist er der Held. Um einen Verdächtigen zum Sprechen zu bringen, darf ihn die Polizei jedoch nicht misshandeln, ermüden, quälen, hypnotisieren oder mit Medikamenten gefügig machen. Und sie muss mit offenen Karten spielen: Der Vernommene muss ordnungsgemäß über seine Rechte belehrt werden. Die Beamten dürfen ihn nicht belügen oder über seine Beschuldigtenrolle im Unklaren lassen. Außerdem müssen sie seine Aussage und deren Genese sehr genau – am besten wörtlich – dokumentieren.

Das ist viel verlangt. Kein Normalbürger kann sich das Ausmaß an Verzweiflung ausmalen, das in einer Mordkommission herrscht, deren Ermittlungen feststecken. Auch im Holzklotzfall stand das Barometer zunächst auf Tief. Der öffentliche Druck war gewaltig, und es gab keine heiße Spur. Dann tauchte H. auf, und die Ermittlungen konzentrierten sich schlagartig auf ihn. Die Oldenburger Richter werden sich in ihrem Urteil gegen H. deshalb auch mit der Frage beschäftigen müssen, ob das Geständnis des Angeklagten unter Umständen abgelegt wurde, die der Gesetzgeber billigt. Wenn nicht, dann kann es sein, dass ein Schuldspruch vor dem Bundesgerichtshof keinen Bestand hat und aufgehoben wird.

Zwei Tage nach Nikolai H.s freiwilligem Hinweis suchen ihn zwei Kripobeamte auf und nehmen ihn mit auf die Wache – zwecks weiterer Zeugenvernehmung. Das allein ist schon ungewöhnlich, normalerweise werden Zeugen vorgeladen, nicht abgeholt. Zu diesem Zeitpunkt haben die Beamten aus dem Polizeicomputer längst erfahren, dass sie es mit einem Heroinsüchtigen zu tun haben, der bereits wegen Raubes, Beschaffungskriminalität und einer Reihe weiterer Straftaten gesessen hat. Das bedeutet: Seine Fingerabdrücke und sein genetischer Code sind in den kriminaltechnischen Systemen erfasst. Und wenn H. der Holzklotzwerfer war, hatte er also allen Grund, ein genetisches Massenscreening zu fürchten.

Vor Gericht beteuern die Beamten später, es habe sich an jenem 7. April um eine "ganz normale Zeugenvernehmung" des Herrn H. gehandelt, ja, sie hätten seine Geschichte vom Beiseiteräumen des Klotzes "ohne Weiteres geglaubt". Im Vernehmungsprotokoll erscheint H.s Zeugenaussage dagegen eher wie die Vernehmung eines Beschuldigten. Notiert wurden nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, nur die sachdienlichen Hinweise eines Passanten – nein, H.s ganzer Lebenslauf ist dokumentiert: seine Kindheit in Kasachstan, sein Umzug nach Deutschland, seine Drogensucht, seine Vorstrafen, seine Hartz-IV-Existenz und sein Tagesablauf. Lauter Informationen, die weniger für die Aufklärung einer Straftat wichtig sind als für die Strafzumessung bei einer Verurteilung.

Gegen Ende der Vernehmung wird H. noch gefragt, ob er mit dem Holzklotzwurf etwas zu tun habe (was er verneint), dann wird ihm eine Speichelprobe abgenommen und die Einwilligung zur Überprüfung seiner Handydaten. Behandelt man so einen Zeugen? "Wir waren am Ende der Zeugenvernehmung sicher, dass Nikolai H. mit der Tat zu tun hat", sagt der Leiter der Sonderkommission Brücke vor dem Landgericht Oldenburg aus. Hatten die Beamten also vorher H.s Geschichte geglaubt? Geglaubt, dass ein rauschgiftsüchtiger Krimineller auf einer Autobahnbrücke plötzlich das Gefühl hat, Ordnung schaffen zu müssen? Oder wurde H. bei jener ersten Vernehmung über seine Rolle getäuscht und galt schon als der einzige Verdächtige, während er sich selbst noch für einen Zeugen hielt?

In die Zeugenfalle sind schon unzählige Mörder getappt. Im Glauben, sich durch Kooperation besonders unverdächtig zu machen, reden sie sich um Kopf und Kragen. Und die Polizei hört zu, klopft jedes Detail in Gedanken nach Widersprüchen ab und dreht in aller Stille am Strick. Das ist in Ordnung und legal – bis zu einem gewissen Grad. Der Beamte muss dem Vernommenen nicht alles sagen, was er weiß, aber wenn er sein Gegenüber für einen möglichen Täter hält, muss er ihm das mitteilen. Der Polizist balanciert dabei auf jener dünnen Linie, die zwischen erlaubter kriminalistischer List und verbotener Täuschung des Vernommenen verläuft. Einen Zeugen muss man nicht über die Rechte belehren, die ein Beschuldigter hat: Er muss nicht darauf hingewiesen werden, dass er nichts zur Sache zu sagen braucht, einen Verteidiger hinzuziehen darf und Beweisanträge stellen kann. Der Zeuge hat fast nur Pflichten, schweigen darf er nur, wenn er sich selbst verdächtig machen würde.

Im Juli 2007 hat der Erste Strafsenat des Bundesgerichtshofs – bei dem Revisionen von Angeklagten sonst selten Erfolg haben – ein Urteil des Landgerichts Waldshut-Tiengen aufgehoben, in dessen Mittelpunkt der EDV-Kaufmann Reinhold H. aus Wehr im Schwarzwald stand. Der Mann war des Mordes für schuldig befunden worden, doch die Polizei hatte im vorausgegangenen Ermittlungsverfahren eine zwielichtige Rolle gespielt: Am 13. Mai 2002 hatte Reinhold H. seine Frau und seine elfjährige Tochter nach einem Familienstreit als vermisst gemeldet. Erst im August 2005 wurden die beiden skelettierten Leichen gefunden, versteckt in einem Waldstück. In der Zwischenzeit hatten die zuständigen Kriminalbeamten den Ehemann mehrfach vernommen, zunächst als Zeugen, später als Beschuldigten. Doch erst nach der Entdeckung der Toten konnten sie ihn festnehmen. Später wurde Reinhold H. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Urteil aber hielt der Revision nicht stand, denn es beruhte auf Angaben, die der Angeklagte als vermeintlicher Zeuge gemacht hatte, obwohl er längst Beschuldigter war.

Dies ergab sich für den ersten Strafsenat aus der Behandlung des Reinhold H.: Bei seiner Zeugenvernehmung hatten die Beamten ihm die Erlaubnis für eine Hausdurchsuchung und einen Mundabstrich zum Zweck der DNA-Analyse abgenommen. Diese Maßnahmen aber dienten dazu, weitere Ermittlungsansätze gegen den Kaufmann zu gewinnen, konstatiert der BGH, und sie ließen "ohne weiteres auf den Verfolgungswillen" der Behörde schließen. Auf den – unausgesprochenen – Verfolgungswillen der Beamten aber kommt es an. Obwohl der Erste Strafsenat in seinem Aufhebungsurteil durchblicken lässt, dass mit Reinhold H. durchaus der Richtige angeklagt gewesen sein könnte, hält er dessen Verurteilung nicht aufrecht. Denn: "Eine – aus der Sicht des Angeklagten zu beurteilende – Gesamtschau aller relevanten Umstände" ergebe, dass dessen Zeugenvernehmung vor allem dazu dienen sollte, ihn "zu überführen".

Der Russlanddeutsche Nikolai H., der mutmaßliche Holzklotzmörder, wird zwei Wochen nach seiner Zeugenvernehmung erneut von der Oldenburger Polizei abgeholt. Dank seiner Auskunftsfreudigkeit als Zeuge hat die Soko in der Zwischenzeit Gelegenheit gehabt, weiterzuermitteln. Deshalb wird H. mit einem Mal als Beschuldigter belehrt. Allerdings geht der Vernehmung ein anderthalbstündiges Gespräch voraus, dessen Inhalt nicht dokumentiert ist. Auch die Vernehmung selbst wird nicht auf Tonband mitgeschnitten und in weiten Teilen auch nicht wörtlich protokolliert, sondern von den Beamten sinngemäß zusammengefasst. Nikolai H. wird nun damit konfrontiert, dass seine Zeugenaussage nicht zutreffen kann, weil mehrere Spaziergänger zweifelsfrei ausgesagt hätten, dass an jenem Ostersonntag sicher kein Klotz auf der Brücke lag. Außerdem habe sich H.s Handy ziemlich genau zum Zeitpunkt des Holzklotzwurfes unmittelbar bei der Brücke ins Mobilfunknetz eingeloggt, weshalb dessen Eigentümer da nicht – wie behauptet – zu Hause ferngesehen haben könne. Jetzt gerät H. ins Schleudern, er stammelt und windet sich, bleibt aber bei seiner alten Aussage. Da keine Beweise für seine Täterschaft vorliegen, muss er entlassen werden.

Am Pfingstmontag, dem 12. Mai 2008, geschieht etwas Merkwürdiges. An der Haustür des Verdächtigen taucht überraschend eine freie Fernsehjournalistin auf und will ihn interviewen. Wer hat ihr die Adresse genannt? Weil Nikolai H. Entzugserscheinungen spürt, geht er für hundert Euro mit auf die Brücke. Dort aber wird er nicht interviewt, sondern vor laufender Kamera regelrecht vernommen. Er soll an den Täter appellieren, sich zu stellen, und wird gefragt, ob er nicht selbst der Täter sei: Solche Klötze, meint die Reporterin, lägen doch auch in seinem Garten herum. Ein Illustriertenfoto der getöteten Frau wird ihm vorgehalten. Die Journalistin klärt ihn darüber auf, dass Verbrecher, die sich selber stellen, "Haftmilderung" bekämen, und fragt den von sichtlichem Unbehagen erfassten H., ob er nicht ein "schlechtes Gewissen" habe.

Auffällig auch, dass die Journalistin über interne Informationen verfügt: So weiß sie, dass H. der einzige Zeuge ist, der den Klotz gesehen hat, und auch, dass seine DNA gespeichert ist. Seine Drogensucht ist ihr ebenfalls bekannt. Das Interview veröffentlicht sie zunächst nicht – sie reicht die Aufzeichnung vielmehr unverzüglich an die Polizei weiter. Das bestätigt ein Beamter vor Gericht und erklärt auch, dass die Oldenburger Polizei nie herausgefunden habe, woher die Frau ihr Vorwissen hatte und ob sie aus dem Inneren der Soko zu dieser Vernehmung angestiftet worden ist. Vor dem Landgericht beruft sich die Reporterin auf das Recht eines jeden Journalisten, seine Informanten zu schützen. Sie verhehlt nicht, dass sie schon beim Interview an H.s Schuld glaubte: Der habe sich doch "sehr, sehr verdächtig" benommen.

Die Beamten gossen dem Verdächtigen Kaffee nach und duzten sich mit ihm

Eine Woche später wird H. unter Mordverdacht festgenommen. Auch seiner zweiten Beschuldigtenvernehmung geht ein 90-minütiges Gespräch mit den Beamten voraus, über dessen Inhalt keine Aufzeichnungen existieren. In jenem Dialog, der vor Gericht zur Sprache kommt, gesteht H., den Holzklotz von der Brücke geworfen zu haben. Dabei hat wahrscheinlich eine Rolle gespielt, dass die Beamten – so berichten sie jedenfalls in der Hauptverhandlung – den Verdächtigen mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit behandelt haben. Sie kündigten ihm die Verabreichung des Heroinsubstituts Methadon an (das er auch schon in der letzten polizeilichen Vernehmung bekommen hatte), gossen ihm Kaffee ein und fragten ihn, ob man sich duzen wolle. Sie legten ihm – entgegen den Regeln – keine Handschellen an, begleiteten ihn zum gemeinsamen Rauchen in den Hof.

Der ältere Beamte setzte sich väterlich zu ihm und sprach von den zwei Nikolais, dem guten und dem bösen, die jetzt in seiner Seele gegeneinander kämpften. Und der jüngere wusste, dass viele Beschuldigte sich nach einem Geständnis besser fühlen. Da soll H. weich geworden sein und geantwortet haben: "Ja ich habe das Ding von der Brücke geworfen, und ich weiß nicht, warum."

Erst an dieser Stelle setzt die Dokumentation der Aussage ein. Der nur gebrochen Deutsch sprechende Nikolai H. klingt im Polizeiprotokoll so: "Ich vermute, dass ich Frust über das Nichterlangen von Drogen hatte und deswegen zu dieser Handlung gekommen bin." Und so: "Erst am heutigen Tage habe ich mich nach einem längeren Vorgespräch entschieden, die Wahrheit zu sagen und zu meiner Verantwortung zu stehen." Wer spricht hier, ein Verbrecher oder sein Souffleur, der Staat?

H. hat sein Geständnis wenig später übrigens widerrufen, er hat inzwischen sogar behauptet, von der Polizei bedroht ein falsches Geständnis abgelegt zu haben. Solche Anwürfe dürften allerdings jener späten Reue entspringen, die viele geständige Täter heimsucht, wenn sie im Grau der Gefängnisse merken, wohin ihr Bekenntnisdrang sie gebracht hat. Der bekannte Berliner Aussagepsychologe Max Steller hat H.s Aussagen für die Oldenburger Richter ausführlich analysiert – und ist davon überzeugt, dass der Angeklagte die Wahrheit gestanden hat: Er verfüge über "Täterwissen". Den Widerruf und noch viel mehr die Vorwürfe hält Steller dagegen für unplausibel. Und doch – wenn Nikolai H. wegen Mordes verurteilt wird, könnte den Bundesgerichtshof demnächst die Frage beschäftigen, ob die Wege, auf denen sein Geständnis erlangt worden ist, wirklich die des Rechts waren.

Um kontrollieren zu können, ob die Rechte ihrer Mandanten in der polizeilichen Befragung gewahrt sind, fordern Verteidiger schon lange eine gesetzlich vorgeschriebene lückenlose Aufzeichnung aller ihrer Angaben – am besten per Video. Dieses Verfahren ist in England längst üblich (siehe Unschuldig im Knast auf dieser Seite). In Deutschland wird es bislang nur bei der Befragung von minderjährigen Zeugen oder bei möglichen Opfern von Sexualdelikten angewandt.

Thomas Gundlach, Lehrer an der Hochschule der Polizei Hamburg, vermutet sogar, dass die Polizei selbst von der exakten Dokumentation am meisten profitierte: Wer seine Vernehmung von A bis Z dokumentiert wisse, könne später vor Gericht nicht in Erklärungsnot geraten. Genaue Aufzeichnungen könnten schon bei der Ermittlung hilfreich sein: "In Vermisstenfällen wäre es klug, die Aussage des Anzeigeerstatters so sauber wie möglich zu dokumentieren, denn es kann ein Verbrechen dahinterstecken, und womöglich steht der Täter gerade vor mir", sagt der Kriminalistikdozent. Zur realistischen Selbsteinschätzung des einzelnen Beamten trüge es außerdem bei, wenn der sich in einer videodokumentierten Beschuldigtenvernehmung selbst in Aktion erleben könnte: "Das verbessert die Performance deutlich." Dann nämlich kann der Kommissar erkennen, wo er zu lange gezögert und wo er zu hastig dazwischengegangen ist und warum er das Ziel seiner Befragung womöglich nicht erreicht hat. Jeder Fehler, den er macht, ist für immer festgehalten: die falsche Frage. Die richtige Frage zum falschen Zeitpunkt. Und, besonders verhängnisvoll, die vergessene Frage.

Aber vielleicht will mancher Beamte gar nicht, dass publik wird, was zwischen ihm und dem Befragten im Vernehmungszimmer abgelaufen ist, bevor das Geständnis im Kasten war. Will nicht, dass seine Taktik den Kollegen, dem Gericht und der Öffentlichkeit preisgegeben wird. Will mit seinen Methoden nicht gläsern und angreifbar dastehen. Und will vor allem nicht die Deutungshoheit über die Vernehmung gar verlieren. Wer von Anfang an von einer Kamera beobachtet wird, der muss auf zweifelhafte "Vorgespräche" verzichten und kann die Aussage eines Verdächtigen nicht mehr im Protokoll interpretierend zusammenfassen.

Wohin aber mangelhafte Dokumentation auch ohne bösen Willen führen kann, zeigt der Fall des Studenten Marcel B. aus Görlitz. Der hatte in der Nacht zum 27. Februar 2008 seine 52-jährige Mutter mit Benzin übergossen und angezündet. Die folgende Verpuffung zerstörte die Wohnung mit einem Knall, B. wurde mit leichten Verbrennungen am Tatort festgenommen. Er roch nach Benzin, in seiner Hosentasche fand die Polizei die Quittung einer Tankstelle über den Kauf eines Fünf-Liter-Benzinkanisters samt Inhalt. Im Vernehmungsprotokoll findet sich dann Marcel B.s Mordmotiv: Seine Mutter habe "immer Recht behalten" müssen und sei ihm deshalb mächtig "auf den Senkel" gegangen. Er habe in jener Nacht Streit mit ihr gehabt, Benzin verschüttet und Feuer gelegt.

In der Hauptverhandlung, die im Oktober 2008 vor dem Landgericht Görlitz stattfindet, kann jeder sehen, dass mit Marcel B. etwas nicht stimmt: Die Hände hat er nebeneinander auf die Tischplatte gelegt, den Blick darauf geheftet. In dieser starren Haltung lässt er den Prozess schweigend über sich ergehen. Der Vorsitzende wundert sich, dass B., dem vom psychiatrischen Sachverständigen eine schwere Wahnerkrankung bescheinigt wurde und der weder in der Hauptverhandlung noch bei der nervenärztlichen Untersuchung einen geraden Satz sagen konnte, der Polizei offenbar ganz klar Rede und Antwort gestanden hat. In seiner Zeugenaussage lüftet der vernehmende Beamte das Geheimnis: B. habe sich auch auf der Wache mit keinem Wort zur Tat geäußert, gibt er kleinlaut zu. Er habe nur gemurmelt: "Schreiben Sie doch, was Sie wollen." Und daran hielten sich die Beamten.

In den meisten Vernehmungen treffen keineswegs gleich starke Gegner aufeinander. Vielmehr steht auf der einen Seite ein geschultes, mit aller amtlichen Machtfülle ausgestattetes Ermittlerteam. Auf der anderen Seite, vor allem bei Kapitaldelikten, ein Mensch aus der Unterschicht, der einer suggestiven Befragung wenig entgegenzusetzen hat, auch wenn er geistig gesund ist. Ein Mensch, der dankbar ist für jedes bisschen Zuwendung und am Ende der Vernehmung oft genug gar nicht begreift, was er da unterschreibt.

Es sind oft die Schwachen und Labilen, die alles Mögliche zugeben, weil sie die Folgen ihrer Aussagen nicht abschätzen können. Der Essener Vernehmungsforscher Jo Reichertz beschreibt ihre Lage so: "Sie denken nicht bis morgen, sondern überblicken allenfalls die nächsten zehn Minuten. Es sind Menschen, die noch nie eine Gratifikation erwarten konnten und deren Perspektive auch bei der Polizei mit dem Abschluss der Vernehmung endet." Ihre Erleichterung am Ende der Befragung werde von den Beamten gern als Ausdruck eines gereinigten Gewissens fehlgedeutet.

Auch Frank D. soll nach Auskunft seiner Befrager "Rotz und Wasser geheult" haben und "wie befreit" gewesen sein, als die Bremerhavener Mordkommission mit ihm fertig war. Da hatte er zwei Morde gestanden, die er nicht begangen hatte. In der Nacht zum 5. September 1991 waren zwei Frauen in Bremerhaven und Bremen im Abstand von drei Stunden mit derselben Waffe per Kopfschuss getötet worden. Weil beide Taten in den Autos der Opfer begangen worden waren, fiel der Verdacht wenig später auf den 20-jährigen D., einen sozial verelendeten Kleinkriminellen, der wegen notorischer Einbrüche in Autos vorbestraft war. In den Verhören der Bremerhavener Polizei war D. – einem Vermerk zufolge – zunächst "nicht zu einem Geständnis zu bewegen". Eine Vernehmung am 15. Septem-ber wurde abgebrochen, weil er seine Anwältin sprechen wollte.

D.s Verteidigerin, Hella Stell, erfährt von der Lage ihres Mandanten aber erst anderntags durch einen empörten Jugendgerichtshelfer, der beobachtet hat, wie Frank D. in Handschellen, barfuß und ohne Gürtel zu den Vernehmungen geführt wurde. Als die Rechtsanwältin Frank D. im Untersuchungsgefängnis aufsuchen will, ist der nicht zu finden.

"Zuerst gestehst du, vorher kommst du hier nicht weg", sagt ein Polizist

Zu dieser Zeit sitzt er in einem "Vorgespräch" mit der Bremerhavener Kripo. Seine Bitten, die Verteidigerin sprechen zu dürfen, werden mit den Worten abgeschlagen: "Zuerst gestehst du, dann kannst du mit ihr reden, vorher kommst du hier nicht weg." So hat es die Rechtsanwältin später aufgeschrieben. Erst am 17. September habe sie mit dem Mandanten telefonieren dürfen, sagt die Anwältin, und dieses Gespräch ist ihr in bleibender Erinnerung: "Er schrie in den Apparat: Frau Stell, ich bin hier, ich habe ein Geständnis abgelegt, aber ich war’s nicht!"

Wie es bei D.s Befragung zugegangen sein soll, schildern die Verteidigerin und der von ihr zu Hilfe gerufene Bielefelder Strafrechtsprofessor Otto Backes in einem Beschwerdeschreiben an den Haftrichter, welches das Protokoll der polizeilichen Vernehmung wiedergibt: Zwei bis drei Beamte hätten abwechselnd auf ihren Mandanten eingebrüllt. Sie seien mit ihren Gesichtern ganz nah herangekommen und hätten geschrien: "Wir glauben dir kein Wort. Du bist ein Mörder! Gib’s doch zu! Du bist ja praktisch überführt! Deine Freunde haben dich in der blutigen Jacke gesehen."

Die blutige Jacke des Täters war auf einem Friedhof gefunden worden, gehörte D. aber nicht. Diese Behauptung war unwahr und ebenso die, man habe in einem von D. gestohlenen Kraftfahrzeug Glassplitter aus einem der Mordautos entdeckt. Einer der Beamten – so fährt das Protokoll fort – habe einen Stuhl mit großer Wucht gegen die Wand geschleudert und geschrien: "Das hab ich in zwanzig Dienstjahren noch nicht erlebt, dass einer so lügt!" Nach vier oder fünf Stunden dieser Prozedur habe Frank D. resigniert ein Geständnis abgelegt.

Plötzlich sind alle nett zu ihm. Jetzt wird auch ein Protokoll angefertigt. Der Beschuldigte hat jetzt allerdings ein neues Problem: Weil ein Geständnis durch Fakten abgesichert sein muss, will man nachprüfbare Details von ihm hören. Er soll ein Tatgeschehen schildern. Doch er kennt es nicht. D. nennt ein Motiv, das keinen Sinn ergibt, und ein Waffenversteck, in dem nichts gefunden wird. Er kann bei der Befragung keine einzige konkrete Angabe machen, die nicht schon in Funk und Fernsehen ausgebreitet worden wäre. Auf keine Frage hat er eine Antwort:

"Hattest du von den Frauen nichts?" (Gemeint ist Geld.) Nicken. "Wie viel?" – "Weiß nicht. Etwas über hundert Mark", rät D. – "Von der aus Bremerhaven oder der aus Bremen?" – "Weiß nicht." – "Hast du aus Bremerhaven nichts mitgenommen?" – "Weiß nicht." – "Kannst du dich an nichts erinnern?" – "Nein." – Kannst du dich an eine Tasche erinnern?" – "Nein." – "An ein Sparbuch?" – "Nein." – "Kannst du dich an einen Ring erinnern?" (Der Bremer Toten fehlte der Ehering.) – "Nein."

Am nächsten Morgen wird D. wieder vernommen. Diesmal von deutlich freundlicheren Beamten, die aus Bremen angekommen sind. Aus Dankbarkeit versucht D. nun den Fragestellern durch eigene Vermutungen entgegenzukommen, außerdem hat er dazugelernt:

"Hast du bei der Tat in Bremerhaven etwas mitgenommen?" – "Ja, eine Handtasche, glaube ich. " – "Hast du da reingeguckt?" – "Ja. Da war, glaub ich , Geld drin." – "Auch ein Ausweis, Führerschein, Scheckkarte?" – "Das kann drin gewesen sein, weiß ich nicht so genau." – "Befand sich in dem Wagen ein Lederlappen? Hast du damit irgendwas gemacht?" – "Da kann ein Lederlappen gewesen sein , es kann auch sein , dass ich damit etwas gemacht habe." – "Wo ist die Handtasche der Bremerhavener Frau denn geblieben?" – "Die habe ich bei einer Autofahrt aus dem Fenster geworfen."

Die einzig konkrete Auskunft des Frank D. ist frei erfunden. Der Beschuldigte weiß nicht, dass die Polizei die Tasche unmittelbar nach der Tat in Bremerhaven entdeckt hat. Auch stammen alle Details des Gesprächs von den vernehmenden Polizeibeamten, nicht von D. Obwohl der sich redlich müht, den Fragen der Kommissare zu entsprechen, ist die inhaltliche Substanz seiner Antworten gleich null. Um sich das Wohlwollen der Fragesteller zu erhalten, versucht er, an dem zu Unrecht abgegebenen Geständnis keine Zweifel aufkommen zu lassen.

Ein Jahr später wird D. aus der U-Haft entlassen, der dringende Tatverdacht hat sich zerschlagen. Ein Fasergutachten, in das die Ermittler große Hoffnungen gesetzt hatten, lieferte nichts Brauchbares. Außerdem hatte die Bremer Mordkommission inzwischen herausgefunden, dass Frank D. zu dem einen Tatzeitpunkt ein wasserdichtes Alibi hatte. Weil beide Frauen aber definitiv demselben Mörder zum Opfer gefallen sein mussten, kam Frank D. als Täter nicht mehr infrage. Auf Anfrage der ZEIT wollte sich weder die Polizei in Bremerhaven noch die Staatsanwaltschaft in Bremen zu dem lange zurückliegenden Fall äußern. Bestimmt aber ist er bis heute nicht aufgeklärt, weil sich die Polizei damals mit aller Kraft auf den Falschen stürzte.

Die Kompetenz eines Kriminalbeamten wird meist danach beurteilt, ob er einen Beschuldigten zum Sprechen bringt. Die gelungene Motivierung zum Geständnis bei Kollegen und Vorgesetzten häuft "symbolisches Kapital" an. Darum legen manche Ermittler die Vorschriften zur Belehrungspflicht "sehr weitherzig aus". Das jedenfalls berichtet der Essener Professor Jo Reichertz, der sich als Kommunikationswissenschaftler intensiv mit den psychosozialen Prozessen in der Polizeibefragung beschäftigt hat und bei Polizeifortbildungen als kritischer Referent gefragt ist. Der Verdächtigte gelte bei den Verhörspersonen als schwer einzunehmende "Trutzburg", die immer wieder verlustreich berannt und schließlich erobert werden müsse.

Doch klugen Vernehmungsbeamten ist auch klar, dass sie mit Gewalt und Drohung wenig erreichen und höchstens Gefahr laufen, durch ein erpresstes falsches Geständnis ihren Ruf zu verlieren. Deshalb gehen sie mit Offenheit und Freundlichkeit zu Werke. Sie legen vor der Befragung allen Abscheu vor der Tat, allen Grimm und alle Verachtung für den Täter ab und stürzen sich in eine tiefe Beziehung zu ihm. Der geschickte Kriminalbeamte wird zum besten Freund des Beschuldigten, zu seinem Beichtvater, zum Einzigen, der ihn versteht. Er ringt mit ihm, weint mit ihm. Er dringt vor in seine Gedankenwelt, in seine Seele, spürt seine weichen Stellen auf, schleicht sich in sein Wertesystem – und spielt dann alles gegen ihn aus.

Der Weg zum Vertrauen eines Verbrechers kann lang sein – manchmal jahrelang. Denn die meisten Kriminellen sind Menschen, die zahllose Enttäuschungen hinter sich haben. Von Misstrauen zerfressen, scannen sie die Umwelt nach Zeichen der Unaufrichtigkeit ab und werden zu wahren Sachverständigen für das Aufspüren aller Arten von Verrat. Einem Beamten, dem es gelingt, sich in das Herz des Täters zu stehlen, gelingt es auch, den Bauplan der Trutzburg zu erfassen. Dann wird die Vernehmung für beide Beteiligten zu einer existenziellen Begegnung. "Wenn seine Anstrengung schließlich mit einem Geständnis belohnt wird, also der Aufbau einer tragfähigen Beziehung zum Beschuldigten gelungen ist, dann ist das ein ganz großer Moment im Leben eines Kriminalbeamten", sagt Reichertz.

Manchmal überdauern die so entstandenen Bindungen zwischen Verbrecher und Kommissar sogar den "Treubruch" des Vernehmers, der im Prozess als Zeuge der Anklage auftritt: Mancher Kriminalbeamte bekommt auch nach der Verurteilung des Angeklagten noch lange Post aus dem Knast. Mancher geht auch selbst über Jahre regelmäßig in die Justizvollzugsanstalt, um dort einen Menschen zu besuchen, mit dem er diesen letzten, großen Kampf um die Wahrheit gekämpft hat. Dann sitzen sie einander wieder gegenüber – der Vernommene und der Vernehmer. Und sie wissen, dass sie durch jene Zeit der Nähe für immer zusammengeschweißt sind.