Es ist überhaupt eine Ungeheuerlichkeit des Fußballs, mit welcher Regelmäßigkeit offenherzig die Kündigung eines Menschen gefordert wird: des Trainers. Wir haben uns allzu sehr an die Rauswurfsforderungsplakate auf den Rängen der Stadien gewöhnt, wenn ein Team eine unglückliche Phase hat, um uns noch darüber zu wundern.

Doch der Mathematiklehrer in der Pfalz wäre gedemütigt fürs Leben, würden Schüler und Eltern in der großen Pause mit Trillerpfeifen und Sprechchören auf dem Schulhof seine Demission verlangen, da Zweifel an seiner Befähigung bestehen. Die alte und eben deshalb etwas langsame Kassiererin im Berliner Lidl wäre erschüttert wie nie, würden Kunden ihr beständig zuzischen, sie solle endlich hinschmeißen und einfach nach Hause gehen, statt allen die Zeit zu rauben.

Bei Jürgen Klinsmann hingegen kann man seit dem 0:4 seines FC Bayern gegen Barcelona all das machen.

Der Kulturanthropologe René Girard hat anhand archaischer Gesellschaften aufgezeigt, wie sehr wir des Sündenbocks bedürfen, um friedvoll zusammenzuleben. Der Ausgangszustand aller Menschen ist geprägt vom Zusammenleben unter einer durch Nachahmung erhitzten Gewaltspirale. Es bedarf einer einheitsstiftenden Polarisierung der Gewalt, die sich in der Tötung oder Ausstoßung eines "Schuldigen" manifestiert, um diese Spirale zu durchbrechen.

Dieser reinigende Vorgang ist kein Rachevorgang, der wieder Gegenrache erzeugen würde, er versöhnt vielmehr die sich bekämpfenden Individuen. Wir verschmelzen zur harmonischen Gemeinschaft, wenn wir ein Opfer finden. Es liegt wiederum im Wesen des Opfers, dass es eigentlich gar nicht schuldig ist.

Wie es, bei Lichte betrachtet, auch selten der Fall ist, dass ein Trainer aufgrund seiner eklatanten Unfähigkeit zur Aufgabe gedrängt wird: Hinzu kommen oftmals ein misslauniger Vorstand, der unruhige Manager, ein Torwartproblem, schlicht Pech im Spielverlauf, eine Reihe verletzter und mittelmäßiger Spieler. Der Profifußball als eines der letzten gesellschaftlichen Refugien transportiert noch heute die archaischen Mechanismen des Mobs, die sich einst in kriegerischen Handlungen entfalten konnten.

Jürgen Klinsmann ist überdies ein besonders dankbarer Sündenbock, der einende Wut entfacht, reizt er doch durch einen – in seinen kalifornischen Jahren abgeschauten – Optimismus, der Unangreifbarkeit suggeriert und damit Angriffslust befeuert. Ein Glückskind der Vergangenheit, erfolgsverwöhnt allen Kassandrarufen zum Trotz, ein Kind der Götter, ein sonniges Gemüt. Ihn zu stürzen verspricht größte Genugtuung und größten Frieden – bis zum nächsten finsteren Ritual.