Wenn man in einem Stück von Elfriede Jelinek sitzt, fragt man sich stets: Wer spricht da eigentlich? Theaterfiguren sind es jedenfalls nicht, eher schon sind es Plagen, Verbrechen, Katastrophen, Sünden, denen hier eine Stimme gegeben wird. Der deutsch-österreichische Faschismus etwa spricht gern aus Jelineks Stücken oder der US-Imperialismus oder auch der große weite Weltchauvinismus.

Die beste Illustration jener parahumanen Wesenheit, die aus Jelineks Dramatik tönt, hat der Künstler A. Paul Weber geschaffen, unabsichtlich und schon lange vor Jelinek, im Jahr 1943: Auf seiner Lithografie Das Gerücht sieht man, wie Tausende hässlicher, geiler Menschen sich in eine Orgie der Selbstaufgabe stürzen. Sie alle vereinigen sich mit einem riesigen Drachen, welcher mit gespitzten Ohren über eine Stadt hinwegfliegt. Dieser Drache ist der Protagonist und das Wappentier von Jelineks Theater.

In ihrem neuen Stück Die Kontrakte des Kaufmanns hat die Dramatikerin "das Menschliche" nun noch weiter hinter sich gelassen. Es geht um die Finanzkrise, und so kommen nun "die Bank" zu Wort und "der Markt". Genau genommen ist es das Geld selbst, das da spricht.

Zwei berühmte Bonmots übers Geld, so scheint es, haben Jelinek zu ihrem Stück inspiriert. Das erste ist der alte Makler- und Headhunterspruch "Geld geht dorthin, wo es sich wohl fühlt". Diesen Spruch führt Elfriede Jelinek kalauernd bis in jene Konsequenz, dass das Geld sich erst dann wirklich wohl fühlt, wenn es uns los ist – wenn es denn also die Menschen hinter sich gelassen hat, denen es gehört. Das zweite Bonmot ist der auf Kabarettbühnen immer wieder wonnig zitierte Satirikertrost an alle Kleinanleger: "Ihr Geld ist ja nicht weg. Das hat jetzt nur ein anderer." Diesen Witz reitet Jelinek so souverän zu Tode, wie sie es mit jedem Witz tut. Ungefähr so: Das Geld wollte nicht bei Ihnen bleiben, da hätte es sich ja gelangweilt, jetzt hat es Unterhaltung, Spiel, Spaß, Sport…

Erstaunlicherweise sieht man, wenn man das lange genug anhört, wirklich das Geld tanzen, feiern, sich vergnügen – ohne uns. Es hat Zukunft, wir nicht. Es wird leben, wir nicht. Es wird es einmal besser haben, wir nicht.

Jelinek, die stets und planmäßig Sprache zu dem Punkt treibt, da sie auf der Zunge des Sprechers fault und buchstäblich zu semantischer Scheiße zerfällt, sie hat im Geld, welches den Psychoanalytikern eh als Symbol des Kots gilt, ihr ideales Material gefunden: Der Mensch delegiert, was an ihm noch lebt, ans Geld, und das Geld verwandelt sich zu Kot. Was bleibt da vom Menschen? Bei Jelinek spricht der Bankberater: "15 % per Anus, per Rectus, per Verrectus – das bieten wir!"

Der Regisseur Nicolas Stemann hat am Schauspiel Köln jetzt Die Kontrakte des Kaufmanns uraufgeführt, und wer kürzlich bei der Daimler-Hauptversammlung der Aktionäre im Berliner Messezentrum ICC gewesen ist, der wird Stemanns Inszenierung als verspätetes Kolloquium zu jener Großveranstaltung begreifen. Wie in Berlin, so bleiben auch in Köln die Saaltüren offen, sodass man sich draußen in den Foyers Nahrung und Luft verschaffen kann. Auch in Köln wird, was drinnen gesprochen wird, mit Lautsprechern nach draußen übertragen. Auch in Köln herrscht hochgestimmte Langeweile. Jedoch, im Gegensatz zu der Berliner Veranstaltung, die mit äußerster Anstrengung den Anschein von Normalität erweckte, will Stemann seine Versammlung ins "Dionysische" treiben. Er sucht Reinigung im Chaos.