Gisbert, mein Sohn«, sprach der alte Vater. »Ich werde nicht mehr lange leben. Du weißt, dass ich arm bin und dass du unser Haus verkaufen musst, um meine Schulden bezahlen zu können. Hier hast du hundert Gulden, das ist alles, was ich besitze. Und noch eine Streichholzschachtel. Für die Beerdigung brauchst du nicht zu sorgen, wir sind in der Krankenkasse. Und jetzt gedenke ich meinen letzten Atemzug zu tun.« – »Ach nein, Vater, bitte, tu das nicht«, flehte Gisbert. »Nun gerade«, sagte der Vater und tat seinen letzten Atemzug. Jetzt war der junge Mann allein. Es gab eine schöne Beerdigung, denn sie waren ja in der Kasse, aber Gisbert weinte sehr auf dem Friedhof und ging dann in das teuerste Hotel der Stadt, wo er übernachtete und frühstückte, dann waren die hundert Gulden verbraucht.

Missmutig ging Gisbert in den Park und setzte sich auf eine Bank neben eine Krankenschwester. »Können Sie mir Feuer geben?«, fragte sie. »Gern, Schwester«, sagte Gisbert und holte seine Streichholzschachtel aus der Tasche. Es war gerade noch ein einziges Streichholz darin. Er gab ihr Feuer für ihre Zigarette und wollte die leere Schachtel wegwerfen. »Halt! Tu das nicht«, sagte die Schwester. »Das ist keine gewöhnliche Schachtel.« – »Wieso?«, fragte Gisbert. »Nein«, sagte sie, »das ist eine ganz komische Schachtel. Du kannst alles hineintun.« – »Was zum Beispiel?«, fragte Gisbert. »Diesen Hund«, sagte die Schwester. Sie nahm die Schachtel, schob sie auf und sagte: »Herein!« Gisbert sah, wie der große Hund gehorsam in die Schachtel ging. Die Schwester schob sie zu und klapperte damit. »Er sitzt drin«, sagte sie. »Wenn wir ihn wieder rauslassen wollen, sagen wir einfach: ›Psst.‹«.

Sie machte die Schachtel wieder auf, sagte: »Psst«, und der Hund stand wieder auf dem Rasen. »Gilt das für alles?«, fragte Gisbert. »Für alles«, sagte die Schwester. »Versuch es doch mal mit diesem Kinderwagen!« Gisbert machte die Schachtel auf und sagte: »Herein!« Da verschwand der Kinderwagen mit Baby in der Schachtel. »Hinaus!«, sagte Gisbert, aber es geschah nichts. »Nein, nein«, rief die Schwester hastig, »du darfst nicht sagen ›Hinaus!‹ Du musst sagen: ›Psst!‹« Gisbert gehorchte, und der Kinderwagen stand wieder auf dem Weg. »Du kannst dir das Leben leicht machen damit«, sagte die Schwester. »Was brauchst du denn am dringendsten?« – »Ein Haus«, sagte Gisbert. »Dort am Parktor stehen drei schöne Häuser«, sagte sie. »Welches möchtest du haben?« – »Das weiße«, sagte Gisbert. Er schob die Schachtel auf. »Herein!«, sagte er, und das große Bürogebäude ging tatsächlich hinein. »Bring es auf einen hübschen Platz«, sagte die Schwester. »Nicht hier in der Nähe, das würde auffallen. Und jetzt muss ich fort. Ach ja, das habe ich noch vergessen: Nie mehr als ein Ding in die Schachtel! Wenn etwas drin ist, musst du es erst herauslassen, bevor du etwas anderes hineingehen lässt.« Sie nickte ihm zu und verschwand hinter einem Jasminstrauch.

Gisbert spazierte zur Stadt hinaus. Am Flussufer fand er ein prächtiges Grundstück, und hier machte er die Schachtel auf. »Psst!«, sagte er, und da stand das Haus solide und behaglich unter den Bäumen. »Ein bisschen viel Schreibmaschinen stehen ja da«, sagte Gisbert, »aber sie stören mich nicht.« Jetzt konnte er ein herrliches Leben führen. Das Essen holte er sich vom Markt. Dann und wann brachte er ein Huhn mit. Und die Fische aus dem Fluss gingen willig in seine Schachtel. Das einzig Unangenehme war, dass er so viel hin- und herlaufen musste, denn es durfte ja immer nur ein Ding in der Schachtel sein.

Eines Tages hatte Gisbert Halsschmerzen und beschloss, sich eine Schachtel Bonbons in der Drogerie zu besorgen. Als er in den Laden kam, sah er ein allerliebstes Mädchen hinter dem Ladentisch stehen. Sie war so reizend, dass er seine Halsschmerzen vergaß. »Was hätten Sie gern?«, fragte das Mädchen. »Dich«, sagte Gisbert. »Willst du mich heiraten? Wie heißt du?« – »Ich heiße Liesje«, sagte sie, »und ich will dich nicht heiraten. Geh weg, sonst rufe ich meinen Vater, den Drogisten. Er ist sehr groß und stark.« Gisbert machte seine Schachtel auf und sagte: »Herein!« Da ging Liesje hinein, und er nahm sie mit nach Hause, machte die Schachtel auf und sagte: »Psst!« Sie kam wütend heraus und schrie: »Lass mich sofort gehen oder ich rufe die Polizei!« – »Komm, komm, das ist aber gar nicht nett von dir«, sagte Gisbert. »Sieh doch mal, was wir für eine Aussicht haben. Und sieben Schreibmaschinen!« – »Das ist etwas anderes«, sagte Liesje. »Ich bin ganz versessen auf Schreibmaschinen. Darf ich auf allen tippen?« – »So viel du willst«, sagte Gisbert. »Was soll ich mitbringen aus der Stadt?«, fragte er dann. »Eine Flasche Milch«, rief Liesje. Im Milchgeschäft schob Gisbert die Schachtel auf, sagte: »Herein!«, und die Milchflasche war drin. Aber der Milchmann, der schon lange misstrauisch war, weil immer wieder eine Flasche Milch verschwand, hatte es gesehen. »Stell sofort die Flasche Milch wieder hin«, sagte er. »Ich habe keine Milch«, behauptete Gisbert. »Wo sollte ich denn eine Flasche haben?« – »In deiner Streichholzschachtel«, sagte der Milchmann. Gisbert begriff, dass er nichts machen konnte. Er öffnete die Schachtel, sagte: »Psst!«, und die Milch stand auf dem Ladentisch. »So!«, sagte der Milchmann. »Und jetzt verrätst du mir, wie diese Streichholzschachtel funktioniert.« Aber Gisbert drehte sich um und rannte aus dem Laden. Was für ein Pech, dachte er. Jetzt kennt der Milchmann mein Geheimnis. Wo soll ich denn künftig meine Milch holen? Sorgenvoll machte er sich auf den Heimweg und kam an einer Wiese vorbei, auf der eine schöne braune Kuh zu ihm herübersah.

»Eine ganze Kuh, das ist die Lösung«, sagte er und holte das Tier in seine Schachtel. Kaum war es drin, als ein Streifenwagen neben ihm hielt und ein Polizist in barschem Ton befahl: »Mitkommen zur Polizeiwache! Sie haben versucht, eine Flasche Milch zu stehlen. Wir wissen alles.« Der arme Gisbert musste mitgehen zur Wache. Der Kommissar sah ihn streng an und fragte: »Sie sollen versucht haben, eine Flasche Milch zu entwenden. Stimmt das?« – »Jawohl«, flüsterte Gisbert. »Mir ist ebenfalls zu Ohren gekommen, dass Sie die betreffende Milchflasche in einer leeren Streichholzschachtel zu verbergen imstande waren. Wie haben Sie das bewerkstelligt?«, fragte der Beamte.

So«, antwortete Gisbert. Er holte seine Schachtel heraus, schob sie auf und sagte: »Psst!« Da stand die Kuh im Polizeibüro. Es war ein riesiges Tier, und sie trat um sich und stieß mit den Hörnern nach rechts und nach links. Gisbert machte sich die Verwirrung zu Nutze, kletterte aus dem Fenster und rannte davon. Um nicht aufzufallen, stellte er sich zu einer Gruppe Menschen, die auf einer Verkehrsinsel auf die Straßenbahn warteten. Er merkte nicht, dass der Milchmann zufällig neben ihm stand. Aber der Milchmann hatte ihn erkannt, und als die Leute sich zum Einsteigen drängelten, griff er flink in Gisberts Tasche, holte sich die Streichholzschachtel heraus und steckte eine gewöhnliche Schachtel hinein. Gisbert, der nichts gemerkt hatte, stieg in die Straßenbahn. »An der nächsten Haltestelle steige ich aus«, murmelte er. »Da ist der Selbstbedienungsladen, da haben sie Dosenmilch.« Ein ganzer Turm Dosenmilch stand in Laden, aber als Gisbert seine Schachtel aufmachte und »Herein!«, sagte, geschah nichts. Gisbert wurde nervös und versuchte es mit einer Büchse Suppe, einer Verkäuferin und einer Waschmaschine. Aber es glückte nicht. Er verließ den Laden, lief ratlos herum und versuchte fortwährend, etwas in seine Dose zu zaubern, aber nicht einmal eine Fliege kriegte er hinein.