Nichts stimmt mehr in dieser Krise. Eigentlich müssten Billiganbieter von ihr profitieren, weil die Verbraucher in schlechten Zeiten knausrig werden. Doch jüngst erwischte es sogar Woolworth. Der billige Jakob unter den Händlern ging in die Insolvenz. Und Woolworth ist nicht der einzige Kaufhauskonzern, dem es richtig schlecht geht. Auch die Zukunft von Hertie ist nach wie vor ungewiss. Die Warenhauskette befindet sich bereits seit neun Monaten in der Insolvenz.

Dramatisch zugespitzt hat sich in den vergangenen Tagen die Lage bei der Karstadt-Mutter Arcandor. Am vergangenen Wochenende verabschiedete der Aufsichtsrat einen Rettungsplan. Die Not muss groß sein: Selbst die Nobelkaufhäuser des Konzerns in Berlin, Hamburg und München sollen abgestoßen werden. Außerdem hat der neue Unternehmenschef, Karl-Gerhard Eick, bei der Bundesregierung bereits sondiert, ob und wie der Staat dabei helfen könnte, das Schlimmste zu verhindern.

Fast alle Warenhauskonzerne müssen in Deutschland um ihre Umsätze bangen. Doch in der Finanz-und Wirtschaftskrise rächt sich vor allem eines: der Verkauf ihrer Immobilien. Die große Abhängigkeit von fremden Eigentümern und deren Finanzgebaren engt den Spielraum der Handelsunternehmen drastisch ein – und kann sogar gefährlich werden. Vor allem dann, wenn es den Investoren nur am Rande um den Handel mit Hemden und Hosen geht, sondern in erster Linie um hohe Mieteinnahmen. Denn diese Konzepte klappen nur in guten Zeiten.

Die sind für Arcandor schon lange vorbei. Bereits vor vier Jahren stand das Unternehmen kurz vor der Pleite. Dann aber sah es eine Zeit lang so aus, als gelänge Thomas Middelhoff die Wende. Er wurde 2005 zum Vorstandsvorsitzenden, verkaufte unter anderem die Hertie-Häuser und verpasste dem Konzern einen neuen Namen: Aus KarstadtQuelle wurde Arcandor. Unter dem Dach dieser Holding firmieren inzwischen der Reisekonzern Thomas Cook, der Versandhandel namens Primondo mit Quelle als Hauptgeschäft – und die angeschlagenen Karstadt-Warenhäuser.

Der Geschäftsführer blieb nur wenige Wochen

Heute ist Arcandor wieder da, wo KarstadtQuelle endete: vor dem Ausverkauf. Der Konzern braucht Geld, stattliche 900 Millionen Euro. Außerdem werden im Juni Kredite in Höhe von 650 Millionen fällig. "Es geht mehr Geld raus, als reinkommt", sagt Eick. Der ehemalige Finanzvorstand der Deutschen Telekom ist erst seit wenigen Wochen im Amt. Er will nicht ausschließen, dass Mitarbeiter gehen müssen, obwohl es bereits einen Zukunftspakt mit ver.di gibt. Weil das Personal auf Einkommen verzichtet, spart das Unternehmen in den kommenden drei Jahren 350 Millionen Euro. Trotzdem bangen rund 50000 Beschäftigte jetzt erneut um ihre Arbeit.

Zu seinen größten Erfolgen zählte Eicks Vorgänger Middelhoff vor allem die seinerzeit "größte und komplexeste Immobilien-Transaktion in Deutschland". Middelhoff verkaufte im März 2006 Grundstücke und Gebäude im Wert von 4,5 Milliarden Euro an eine Gesellschaft, von der die Investmentbank Goldman Sachs 51 Prozent übernahm. Der Rest blieb bei Arcandor. Damit hatte Middelhoff den Konzern erst einmal entschuldet. Im vergangenen Jahr gelang es ihm schließlich, auch die verbliebenen 49 Prozent zu veräußern. Sie gingen an ein Konsortium unter der Führung einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bank. Wieder kam Geld herein, aber: Im Gegenzug stiegen die Mieten. Seit dem Verkauf der Immobilien 2006 musste Arcandor einen zusätzlichen Aufwand von 20 Millionen Euro im Jahr verkraften. Zuvor wurden die Mieten intern verrechnet und konnten je nach Geschäftslage gestaltet werden. Stattdessen hat Arcandor heute Mietschulden in Höhe von 1,26 Milliarden Euro. Sind die Gebäude mit langfristigen Miet- oder Leasingverträgen versehen, ist es außerdem nicht mehr so einfach, unrentable Häuser zu schließen. Die Verpflichtungen laufen schließlich weiter. Eine Sanierung wird dadurch schwer.

Woolworth und Hertie haben ähnliche Probleme. Beide Unternehmen verfügten über beträchtlichen Immobilienbesitz, als sie von Finanzinvestoren übernommen wurden. Deren Idee ist im Prinzip ganz simpel. Aus den Mieteinnahmen finanzieren sie jene Kredite, die sie für den Kauf der Grundstücke und Gebäude samt Warenhäusern brauchen. Das klappt allerdings nur, wenn der Kaufhausbetrieb die Mietbelastung tatsächlich verkraften kann. Schrumpfen Umsatz und Gewinn, wird es eng.