Jürgen Klinsmann wird den FC Bayern München zum Saisonende verlassen. Blamabel ausgeschieden im Viertelfinale der Champions League und in der Bundesliga zurzeit ein knapp behaupteter zweiter Platz – damit sei der Trainer nach bereits einem Jahr nicht mehr tragbar. Alle, die das behaupten (und es sind viele), berufen sich auf "gut unterrichtete Kreise". Das ist nicht die ganze Wahrheit, denn die Vermutung, dass Klinsmann gehen muss, wird vor allem durch deutlich vernehmbares Schweigen gestützt.

Bis zum Saisonende wollen die mächtigsten Bayern, Manager Uli Hoeneß und der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, zum Thema Trainerzukunft am liebsten gar nichts mehr sagen. Eine nachvollziehbare Strategie, die alle Optionen offenlässt. Verliert Klinsmann eines der nächsten Spiele und bringt damit die Teilnahme an der Champions League im nächsten Jahr in Gefahr, können (und werden) sie den Trainer entlassen, ohne Treueschwüre brechen zu müssen. Landet das Team hingegen "irgendwann ganz oben" (Klinsmann) in der Tabelle, wird am besten Meister am Ende der Saison, kann in aller Ruhe über die Zukunft des Trainers beraten werden. So scheint die Schweigestrategie nicht nur klug, sondern auch ehrlich: Keiner weiß, ob es weitergeht, deshalb sagt auch keiner, ob es weitergeht.

"Umgib dich mit Stärkeren" lautete einst Klinsmanns Führungscredo

Wichtiger aber als die Frage, ob es weiter geht, ist die Frage, wie es weiter geht, wo der FC Bayern in, sagen wir, fünf Jahren stehen soll. Dazu rasch etwas zu sagen, das wäre klug von den Bayern-Bossen – und ehrlich zumal. Grundlagen für die Antwort auf diese Frage sind reichlich vorhanden: Es besteht kein Zweifel, dass Klinsmanns Philosophie, die Individualisierung der Trainingsarbeit, seine Ansätze im Fitnessbereich, die verfeinerten Methoden der Leistungsdiagnostik und die Begleitung der Spieler auch jenseits des Sportlichen, dass dies die Arbeitsgrundlagen nahezu aller europäischen Spitzenteams sind. Belegt ist zudem, dass radikale Umbrüche gleich jenem, den die Bayern bei Klinsmann bestellt haben, noch nie kurzfristig zu messbaren Erfolgen führten. Alex Ferguson, heute als Vereinstrainer gefeiert und mit Manchester United – neben Barcelona – das Maß aller Dinge im europäischen Fußball, brauchte sieben Jahre, bis er mit seiner Mannschaft den ersten nationalen Meistertitel errang.

Wahr ist aber auch, dass Jürgen Klinsmann Fehler gemacht hat, die daran zweifeln lassen, dass er in der Lage ist, seine Philosophie umzusetzen. Der folgenschwerste Fehler ist ihm im Vorfeld unterlaufen und hat eine seiner Grundüberzeugungen ad absurdum geführt. "Umgib dich mit Stärkeren", lautete stets sein Führungscredo. Mit dem auf dem Gebiet des europäischen Spitzenfußballs gänzlich unerfahrenen Martin Vasquez hat er sich einen Assistenztrainer mitgebracht, dessen mangelnde Autorität bei der Trainingsarbeit offen zutage tritt. Vasquez ist ein Schwächerer und hat Klinsmann in den Augen einiger seiner Spieler zu einem Schwachen gemacht. Vieles, was Klinsmann vorgehalten wird, hat mit dieser Schwäche zu tun.

Doch wenn der FC Bayern nicht, wie in den vergangenen Jahrzehnten, nur per Zufallsgenerator an die europäische Fußballspitze gelangen soll, gibt es zu dem im vergangenen Sommer mit Klinsmann eingeschlagenen Weg keine Alternative. Hoeneß und Rummenigge wissen das. Diese Wahrheit gegen die ungeduldigen Fans, den unbarmherzigen Boulevard und die vorurteilsgesättigten Experten der alten, reaktionären Schule zu verteidigen, das wäre nun die vornehmste Aufgabe dieser beiden charakterstarken Persönlichkeiten. "Der FC Bayern ist ein stolzer Verein", hat Karl-Heinz Rummenigge nach der 0:4-Niederlage beim FC Barcelona festgestellt. Wo aber ist der Stolz eines Vereins, der nach jedem Spiel den Puls des Boulevards, der Fankurve und der Ehemaligen fühlen muss, um zu wissen, wo er hinwill?

Vielleicht hilft ja der Blick in die jüngere Vergangenheit, das Schweigen zu überwinden, das nach der "Schande von Barcelona" einsetzte, dem Ausscheiden im Champions-League-Viertelfinale, das von vielen als beispiellos bezeichnet wurde. Apropos beispiellos: Seitdem die goldene Generation der MaierMüllerBeckenbauers vor 30 Jahren abgedankt hat, verzeichnet die Chronik zwei internationale Triumphe, 1996 (Uefa-Pokal-Sieger) und 2001 (Gewinn der Champions League). Ansonsten sah es in der Champions League folgendermaßen aus: 2002: raus im Viertelfinale, 2003: raus in der Vorrunde, 2004: raus im Achtelfinale, 2005: raus im Viertelfinale, 2006: raus im Achtelfinale, 2007: raus im Viertelfinale. Und dann kam das demütigende 0:4, als die Bayern fern der Heimat zeitweise vorgeführt wurden. Das war vor noch nicht einmal einem Jahr. Man spielte nicht in der Champions League, sondern im Uefa-Cup, dem "Verlierer-Pokal" (Beckenbauer). Der Gegner hieß: Zenit St. Petersburg. Der Trainer hieß: Ottmar Hitzfeld. Und im Tor stand: der beispiellose Oliver Kahn.