Heftig ist in Berlin darüber gestritten worden, ob Religion ein reguläres Schulfach werden oder nur eine freiwillige Ergänzung zum Unterricht bleiben soll. Es hört sich nach Hauptstadt-Wichtigtuerei an, wenn wegen einer schulpolitischen Frage der Kulturkampf auszubrechen droht, aber die Auseinandersetzung um die Initiative Pro Reli hat eine weitreichende gesellschaftliche Dimension. Ein Volksentscheid wird die Frage des Religionsunterrichts am kommenden Wochenende klären.

In Berlin veranstaltet der Staat keinen Religionsunterricht, er hat lediglich die Teilnahme an einem werteuniversalistischen, zur Toleranz aufrufenden Fach "Ethik" ab Klasse sieben zur Schülerpflicht gemacht. Das wird sich ändern, falls gut 600.000 Bürger für das Volksbegehren stimmen. Dann müsste das Berliner Landesschulgesetz modifiziert werden, dann könnte sich jedes Kind zwischen Ethik und Religion entscheiden. Und dagegen sträubt sich der rot-rote Senat, der sich zum Wahrer der säkularen, genauer: atheistischen Tradition Berlins gemacht hat. Er beruft sich auf das weltanschauliche Neutralitätsgebot des Staates, der Bekenntnisse in die Privatsphäre verweist.

Gegen den Senat steht eine bunte Koalition aus Bürgern, die Religion als öffentliche Angelegenheit ansehen. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die "Identität" der alten plebejischen Hochburg der Konfessionslosen (60 Prozent der Berliner), es steht natürlich wieder mal Ost gegen West, unterschwellig auch Oben gegen Unten, gebildetes Establishment gegen Hartz-IV-Milieu, und wenn es nach den Regisseuren der Kampagnen geht, auch Rechts gegen Links. Der Streit ist verfahren und mit Sekundärinteressen verknotet.

Im Kern spielt sich etwas sehr Aktuelles ab. Berlin wird, vielleicht ohne dass es das will, zur internationalen Metropole. Die Stadt handelt, vielleicht ohne dass sie es merkt, über Streitfälle wie Pro Reli die Regeln aus, nach denen sie als die einzige wirklich von unterschiedlichen Kulturen geprägte Stadt Deutschlands in Zukunft leben will: wie kulturelle Diversität offiziell anerkannt werden soll, wo ihre Grenzen liegen. Es geht nicht um theologischen Raumgewinn, es geht um das Eigenrecht von Kulturen, deren Selbstverständnisse zu gewichtig geworden sind, als dass sie noch durch einen Staat "verfassungspatriotisch" neutralisiert – und das heißt auch: künstlich auf Abstand gehalten – werden könnten. Die soziale Wirklichkeit ist komplexer geworden. Das weist dem Staat eine andere Rolle zu als bisher.

Und dieser Gedanke schmerzt. Vor allem den Senat. Regieren kann in Berlin nicht länger heißen, einen abstrakten Multikulturalismus zu managen. Im zivilgesellschaftlichen Aufbegehren, das sich hinter Pro Reli verbirgt, wird der Senat sein bisheriges Verständnis von Integration revidieren müssen. Er wird das vermutlich auch tun müssen, wenn das Volksbegehren scheitert. Denn langfristig wird sich die Position nicht halten lassen, es müssten die richtigen, staatlichen Werte gegen die Irrationalismen religiöser Gruppen verteidigt werden.

Integration würde in Folge Sache der Bürger werden. Hätte dieser Senat Vertrauen in die Urbanität der Stadt, würde er die Vernünftigkeit der Religionsgemeinschaften als Normalfall annehmen und seine schulische Integrationspolitik nicht, wie geschehen, vom Extremfall islamistischer Ehrenmorde her entwerfen. Religionsunterricht eröffnete Chancen, Formen der Identitätsbildung zu entwerfen. Berlin hat noch immer kein Konzept für einen deutschsprachigen islamischen Religionsunterricht. Ein guter staatlicher könnte den islamistischen Bimsern in den Hinterhof-Koranschulen das Geschäft vermiesen.