Stanford, Kalifornien - Die "Grey Lady" nennt die Journaille die New York Times spöttisch-ehrfürchtig. Ein Denkmal der Seriosität ist sie seit 1851. Und jetzt gehe es der alten Dame so schlecht, meldet die Redakteurin der Meinungsseite, dass es für Fremdbeiträge keinen Cent mehr gebe. Medienjournalist Michael Wolff höhnt, er habe diversen Verlegern ein Buch über das Ende der Times angeboten, aber alle hätten abgelehnt: Das interessiere doch keinen mehr.

Warum hat dann sein Kollege Mark Bowden gerade einen Monster-Artikel über die Times (14Seiten) in der Mai-Ausgabe von Vanity Fair unterbringen können, die sonst mit Sex & Society Auflage macht? Der Trauerfall ist also fast so interessant wie Supermodel Giselle Bündchen, die viel Haut auf dem Cover feilbietet. Kein Wunder: Stirbt die Times, die kürzlich eine Transfusion von 250 Millionen Dollar zu 14 (!) Prozent Zinsen erhalten hat, muss jede Qualitätszeitung um ihr Leben fürchten.

Die Moritat des Mark Bowden hat aber noch keine klare Moral. Vielleicht liegt der Niedergang ja nur an dem tapsigen Verleger Arthur Sulzberger und seinem Vater. Im Größenwahn wurde 1993 für eine Milliarde Dollar der Globe (Boston) und 2002 die noch fehlende Hälfte der International Herald Tribune (Paris) dazugekauft; das war, als würde einer in Kutschen investieren, während schon das Model T durch die Straßen tuckerte. Dazu hat er für knapp zwei Milliarden die eigenen Aktien für je 50 Dollar zurückgekauft, die heute kaum mehr bringen als die Sonntags- Times (die fünf Dollar kostet). Kaum bezogen, musste das neue Gebäude schon wieder verkauft werden.

Die Graham-Familie, der die Washington Post gehört, war smarter; was Print und Online nicht erwirtschaften, kommt über profitable Nebengeschäfte herein. Rupert Murdoch verdient Geld mit seinem Wall Street Journal, das tiefer recherchiert und besser redigiert wird. Schön wär’s, wenn diese Moritat nur vom Verleger handelte. Aber sie besingt leider auch die traurigen Umstände insgesamt. "Der US-Journalismus", schreibt Bowden, "lebt in einer Ära des Terrors." Das Internet schalte den "Zwischenhändler" aus, es ersetze den Redakteur, der auf Qualität und Verantwortung achte, mit einem "Algorithmus". Der fällt in der Suchmaschine keine Werturteile, sondern schafft nur herbei, was der "User" will. Alle Bytes sind gleich. Und sie liegen billionenfach herum, umsonst.

TimesOnline hat 20 Millionen Besucher pro Monat. Glücklich ein Blatt, das von so vielen Menschen in die Hand genommen wird. Nur kriegt die Times von ihren Lesern keinen Cent dafür, zumal die Hälfte von Google & Co. dort hingesteuert wird und gleich wieder verschwindet. Ein "one-bite stand" ist das, es entsteht kein Treueverhältnis, das Werbeeinnahmen brächte.

Irgendwie muss man den Netz-Nomaden Geld abnehmen, und sei es nur den Bruchteil eines Cents, bei dem es nicht lohnt, mühsam Raubkopien zu ziehen. Was sollen wir denn lesen, wenn die Times stirbt – und all die anderen großen Blätter dieser Erde mit dazu? Ein Albtraum: Wenn die alle tot sind, werden nur noch Firmen, Regierungen, Parteien Digi-Zeitungen feilbieten – cool gemacht, opulent bebildert, aber um zu manipulieren, nicht zu informieren.