Experiment mit Hieben

Der Stock. Sie kommen aus dem ganzen Land ins Dorf Padang, um ihn sich anzusehen. Halten ihn in Händen, lassen sich zeigen, wie man ihn über Waden, Po und Schenkel zieht. Wäre das nicht vielleicht auch was für ihr Dorf?

Der Stock. Wenn Dorfvorsteher Andi Rukman Abdul Jabar von ihm spricht, zuckt sein Arm, als halte er ihn in den Händen. Er sei, sagt Andi Rukman, die effektivste Art zu strafen. Der Stock spare Zeit und Geld! Statt wegen jeder Kleinigkeit zur Polizei zu rennen, regelten sie die Dinge in Padang jetzt selbst. Andi Rukman, ein unscheinbarer Mann mit feinen Händen, regiert aus einem unverputzten Büro mit Wellblechdach, das Regenwasser sammelt sich in Pfützen auf dem Boden. Darauf rote Präsidentensessel aus Plastik.

Andi Rukman ist Herr über Padang im Kreis Bulukumba, Südsulawesi. 3400 Seelen, alle muslimisch, neun Moscheen und eine Handvoll Krämerläden. Es gibt die Arbeit auf den Reisfeldern und sonst nicht viel zu tun. Abends mit dem Moped durchs Dorf preschen. Stehen, rauchen, schauen. Auf Berge, Palmen, Felder, die schnatternden Enten in den Bächen, ein Land, so schön, dass es den Atem raubt. Padang könnte ein Paradies sein.

Das war es nicht, zumindest nicht für Andi Rukman. Ging er früher durch sein Dorf, sah er viele Frauen, die kein Kopftuch trugen. Männer, die Bier und Palmschnaps tranken. Muslime, die ihren Glauben so praktizierten wie die meisten Indonesier – nach dem Motto: Leben und leben lassen. 190 Millionen der 225 Millionen Einwohner sind Muslime, so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Ihr Islam ist tolerant, verträgt sich mit demokratischer Rechtsordnung und anderen Religionen. An vielen Orten hat er sich mit Hinduismus, Buddhismus und Naturreligionen verwoben. Die muslimischen Bauern auf Java ehren Allah ebenso wie die hinduistische Reisgöttin Devi, die Fischer fürchten seinen Zorn genauso wie den der Göttin der Südsee. Und in Padang hielten die Leute ein Gläschen Palmschnaps durchaus nicht für unislamisch. Bis Andi Rukman mit dem Stock kam.

Genau hier spielt sich Indonesiens Kulturkampf ab, zwischen einer Mehrheit, die einen moderaten indonesischen Islam vertritt, und den Anhängern der reinen Lehre wie Andi Rukman, für den das Leben so aussehen muss, wie es dem Propheten Mohammed im siebten Jahrhundert vermeintlich offenbart wurde.

Zehn Schläge für einen Liebesbrief

Vor sieben Jahren kam seine große Chance. Die Kreisregierung von Bulukumba erklärte Padang neben elf weiteren Ortschaften zu islamischen Dörfern. Ein Experiment, eine Art Modell. Sie verhängte islamische Verordnungen über den ganzen Kreis, sie stehen auf einem Monument am Kreiseingang, "Religious Crash Programme": Alkohol ist verboten, islamische Kleidung Pflicht, islamische Almosen sind vorgeschrieben, Schüler und Brautleute müssen den Koran auf Arabisch rezitieren können.

Andi Rukman ließ Schilder im Dorf aufstellen, die verkünden: "Die ganze Menschheit muss zu perfekten Muslimen werden", und hieß alle Schulmädchen, egal wie alt, das Kopftuch tragen. Wer den Koran nicht auf Arabisch rezitieren kann, darf seither nicht auf eine weiterführende Schule. Kommt eine Frau ohne Kopftuch zu Andi Rukman ins Büro oder gar in sein Haus, schickt er sie wieder heim. Aber reicht das schon, um Padang von Sünde und Sittenverfall zu befreien?

Experiment mit Hieben

Wann genau diese schleichende Radikalisierung begonnen hat, vermag niemand genau zu sagen. Schon seit Jahren findet in Indonesien ein arabisch-nahöstlicher Kulturtransfer statt. Indonesische Muslime studieren an arabischen Universitäten, arabische Organisationen sind in Indonesien aktiv. Viele propagieren einen "reinen" arabischen Islam, in dem für Reis- und Meeresgötter kein Platz ist. Und nutzen, so paradox es klingt, den Zuwachs an lokaler Demokratie und die politischen Schockwellen des islamistischen Terrorismus. 2001 räumte die Zentralregierung in Jakarta den Kreisverwaltungen im Land mehr Macht ein. Seither haben 52 solcher Kreise, also mehr als ein Zehntel im ganzen Land, die Scharia eingeführt. Und das, obwohl religiöse Fragen eigentlich eine nationale Angelegenheit sind. Doch nach dem Bombenattentat der Terrorgruppe Dschamaa islamija 2002 auf Bali bekämpfte die Regierung unter Susilo Bambang Yudhoyono zwar erfolgreich militante Islamisten, gab den politischen Forderungen der Radikalen aber allzu oft nach. So interveniert sie auch nicht gegen lokale Scharia-Verordnungen. In Tangerang, einer Satellitenstadt Jakartas, patrouillieren Hilfskräfte der Polizei auf der Suche nach Prostituierten nachts auf Straßen und in Hotels. Verdächtig macht sich schon, wer einen Lippenstift bei sich trägt.

Vor fünf Jahren beschloss auch Andi Rukman, in Padang Aufgaben der Polizei zu übernehmen. Er ließ die Stockstrafe einführen, was er bis heute für seine beste Idee im Kampf um ein sauberes Padang hält. "Das nationale Recht reicht doch hinten und vorne nicht aus", sagt er. Es gründe auf den Überzeugungen der einstigen niederländischen Kolonialherren, was habe das mit dem muslimischen Glauben zu tun? Und wo die Menschen keinen Paragrafen fänden, der ihnen Sühne biete, griffen sie zur Selbstjustiz. Blutbäder habe es gegeben in anderen Dörfern, erzählt Andi Rukman, weil es ein Mann gewagt habe, mit einer unverheirateten Frau zu schlafen. Er gebe den Menschen die Sühne, die sie in keinem nationalen Gesetzbuch fänden. Andi Rukman ist seither nicht mehr nur Dorfvorsteher, sondern auch Richter und Vollstrecker.

Hundert Schläge für Herman und Wati, auf Waden, Po und Schenkel, man hatte sie beim vorehelichen Sex erwischt. Zehn Schläge für Suharman, er hatte einer verheirateten Frau einen Liebesbrief geschrieben. Zehn Schläge auch für Nasir, weil er einen anderen geschlagen hatte.

Die Menschen, da ist Andi Rukman überzeugt, stünden voll und ganz hinter der Scharia. "Denen ist es lieber, wenn sie von uns geschlagen werden, als wenn wir sie zur Polizei schicken", pflichtet sein Gehilfe bei. Drei Mal habe er mit dem Stock gestraft, sagt Andi Rukman.

Wer sich aber im Dorf umhört, erfährt von weiteren Fällen. Man muss es heimlich tun, denn Andi Rukman hat es nicht gerne, wenn sich seine Untertanen mit Journalisten treffen. Gab es da nicht den Jungen, der einen Fisch aus dem Teich klaute? Den Mann, der sich im Dunkeln in das Zimmer eines Mädchens stahl? Und hatten einige Dorfbewohner nicht gegen die Stockschläge protestiert und verlangt, dass ihr Fall vor die Polizei gebracht werde, weil sie doch unschuldig seien? Auf keinen Fall, habe Andi Rukman geantwortet, er selbst müsse das Gesetz durchsetzen. "Keiner weiß, für welche Vergehen die Stockstrafe genau gilt", erzählt eine Frau. "Nie hat man uns entsprechende Gesetze verkündet."

Wie ist das möglich? Ist Indonesien nicht eine Demokratie mit nationalen Gesetzen? Wie kann sich da ein gewählter Dorfvorsteher gebärden wie ein kleiner König? Ein wenig ist er das ja auch. Wie viele Dorfvorsteher der Region ist Andi Rukman ein Nachfahr des einstigen Königs. Und keiner im Dorf würde es wagen, dem Nachfahren eines Königs zu widersprechen.

Doch auch von außerhalb traut sich keiner, ihn zu stoppen. Denn Andi Rukman hat mächtige Verbündete. Sanfte und gewalttätige. Da gibt es solche wie den Imam Tjamiruddin, den ehemaligen Direktor des Religionsamtes von Bulukumba, der die Idee der islamischen Dörfer entwickelt hat. Der Imam vertritt seine Überzeugung, wonach alle Muslime unter der Scharia leben sollten, mit sanfter Stimme. Er trägt sie in jede der unzähligen Institutionen hinein, denen er vorsitzt. Er lehrt sie an der Universität, in der islamischen Schule und im Waisenhaus. Er diskutiert sie mit den Mächtigen und Wichtigen von Bulukumba.

Experiment mit Hieben

Und wer nicht hören will, muss fühlen. Unterstützt wird der Imam unter anderen von der Dschundullah, der Armee Allahs, einer bewaffneten Miliz, die Nichtregierungsorganisationen bedroht und Angehörige einer abweichenden islamischen Sekte verprügelt. Lobbyarbeit und Missionseifer, verbunden mit der Bereitschaft zur Gewalt – es ist das übliche Erfolgsrezept von Fundamentalisten aller Religionen, mit dem die radikalen Muslime langsam die Kontrolle in Bulukumba übernehmen. Sie drängen in Ämter, sie gründen Organisationen, sie gewinnen die Deutungshoheit über "guten" und "schlechten" Islam. Politiker in Sulawesi geben insgeheim zu, dass ihnen die Scharia-Verordnungen nicht passen, wagen aber keinen öffentlichen Widerspruch aus Angst, als unislamisch zu gelten.

Die Islamisten drängen in die Mitte der Gesellschaft

Was in Bulukumba passiert, geschieht auch anderswo. Zwar sind die Radikalen eine Minderheit, und Indonesien ist noch immer ein moderates Land. Doch gelingt es ihnen immer öfter, ihre Forderungen durchzudrücken. Die Radikalen sind gut vernetzt und gehören zu den einflussreichsten Lobbygruppen. Schon bei Gründung der Republik Indonesien 1945 kämpften Hardliner, wenn auch erfolglos, für die Einführung der Scharia. Unter Suharto wurden sie lange unterdrückt. Erst mit der Demokratisierung des Landes 1999 gewannen sie Spielraum. Und wurden zu den eifrigsten Schülern des Systems, das sie bekämpfen.

Viele Fundamentalisten haben der Gewalt mittlerweile abgeschworen. Sie setzen auf subtilere Methoden. "Sie tragen ihre Ideen in den Mainstream. Und ohne dass es ihnen bewusst wird, akzeptieren die Menschen plötzlich Dinge, die sie früher nie akzeptiert hätten", sagt Sunny Tanuwidjaja vom Zentrum für Strategische und Internationale Studien in Jakarta. Bereits 2004 befürworteten laut Umfrage 71 Prozent der indonesischen Muslime die Einführung der Scharia für das Alltagsleben.

Längst sitzen die Radikalen nicht nur in den islamischen Parteien. Die meisten der Bürgermeister und Kreisräte etwa, die Scharia-Verordnungen erließen, gehörten säkularen Parteien an. Bei den Parlamentswahlen am 9. April haben die islamischen Parteien einen herben Rückschlag erlitten, Schätzungen zufolge kommen sie nur auf etwa 24 Prozent, bei den letzten Wahlen waren es noch über 40. Den Wählern ging es dieses Mal vor allem um Wirtschaftsthemen. Viel wichtiger als die Frage, wie viele Radikale im Parlament sitzen, ist aber jene, wie erfolgreich sie sind.

Erfolgreich genug, um Dorfvorstehern wie Andi Rukman das Gefühl zu geben, Teil einer Bewegung geworden zu sein. Mit Befriedigung hat er das Gesetz gegen Pornografie zur Kenntnis genommen, das die Hardliner mithilfe der säkularen Parteien im vergangenen Herbst verabschiedeten. Die erste, mittlerweile überarbeitete Version hatte sogar einen Kuss in der Öffentlichkeit unter Strafe gestellt. Selbst der Koran, sagte der frühere Präsident Gus Dur, ein moderater Muslim, wäre demnach Pornografie.

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Nichtmuslimische Indonesier sind empört. Denn mit der schleichenden Islamisierung von Politik und Gesellschaft droht das Land den Zusammenhalt als Vielvölker- und Vielreligionenstaat zu verspielen. Um den zu wahren, hatte Staatsgründer Sukarno 1945 die Ideologie der Pancasila propagiert, die lediglich den Glauben an einen einzigen Gott vorschreibt. Islam, Buddhismus, Hinduismus, Protestantismus und Katholizismus gelten als gleichberechtigt.

Mit der Toleranz ist es mittlerweile nicht mehr allzu weit her, und wie so oft sind die ersten Opfer nicht die "Ungläubigen", sondern "abtrünnige" Muslime, in diesem Fall Anhänger der Sekte Ahmadiyya, weil sie den Religionsgründer Ahmad als Propheten verehren. Der konservative Islamrat erließ eine Fatwa, das Religionsministerium drängte auf ein Verbot, muslimische Gruppen organisierten Straßenproteste, während befreundete Schlägertrupps Ahmadiyya-Anhänger angriffen und eine Moschee niederbrannten. Meist nahm die Polizei die Opfer fest und ließ die Täter laufen. Im Juni vergangenen Jahres verbot die Regierung der Sekte alle öffentlichen Aktivitäten, angeblich, um ein Blutbad zu vermeiden.

Experiment mit Hieben

In Padang gibt es keine Anhänger der Ahmadiyya, hier gibt es keine Brandanschläge, hier riecht die Luft abends nach Magnolien und frischem Regen, vor einer Haustür sitzt eine junge, grazile Frau und trocknet ihr langes Haar. Ihr T-Shirt ist weit ausgeschnitten, die Nägel sind perfekt manikürt. Die Sache mit dem Kopftuch, sagt sie, sei nicht mehr so wild, "seit die Moralpolizei hier nicht mehr kontrolliert".

"Wir sind mit den Kleidervorschriften nicht mehr so streng", sagt Andi Rukman. "Das würde nur die Leute verschrecken." Er setzt auf warnende Worte, vor allem aber auf die Jugend. Die jungen Mädchen wachsen mit dem Kopftuch auf. "Man kann nicht alles sofort verändern", sagt der Dorfvorsteher. "Man muss es langsam tun, Schritt für Schritt." Der Dorfrat hat wochenlang darüber beraten, ob man Dieben die Hand abhacken soll, doch man konnte sich nicht einigen. "Vielleicht", sagt Andi Rukman, "könnte man es ja doch tun. Wenn die Diebe sich nicht bessern."

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