Wann genau diese schleichende Radikalisierung begonnen hat, vermag niemand genau zu sagen. Schon seit Jahren findet in Indonesien ein arabisch-nahöstlicher Kulturtransfer statt. Indonesische Muslime studieren an arabischen Universitäten, arabische Organisationen sind in Indonesien aktiv. Viele propagieren einen "reinen" arabischen Islam, in dem für Reis- und Meeresgötter kein Platz ist. Und nutzen, so paradox es klingt, den Zuwachs an lokaler Demokratie und die politischen Schockwellen des islamistischen Terrorismus. 2001 räumte die Zentralregierung in Jakarta den Kreisverwaltungen im Land mehr Macht ein. Seither haben 52 solcher Kreise, also mehr als ein Zehntel im ganzen Land, die Scharia eingeführt. Und das, obwohl religiöse Fragen eigentlich eine nationale Angelegenheit sind. Doch nach dem Bombenattentat der Terrorgruppe Dschamaa islamija 2002 auf Bali bekämpfte die Regierung unter Susilo Bambang Yudhoyono zwar erfolgreich militante Islamisten, gab den politischen Forderungen der Radikalen aber allzu oft nach. So interveniert sie auch nicht gegen lokale Scharia-Verordnungen. In Tangerang, einer Satellitenstadt Jakartas, patrouillieren Hilfskräfte der Polizei auf der Suche nach Prostituierten nachts auf Straßen und in Hotels. Verdächtig macht sich schon, wer einen Lippenstift bei sich trägt.

Vor fünf Jahren beschloss auch Andi Rukman, in Padang Aufgaben der Polizei zu übernehmen. Er ließ die Stockstrafe einführen, was er bis heute für seine beste Idee im Kampf um ein sauberes Padang hält. "Das nationale Recht reicht doch hinten und vorne nicht aus", sagt er. Es gründe auf den Überzeugungen der einstigen niederländischen Kolonialherren, was habe das mit dem muslimischen Glauben zu tun? Und wo die Menschen keinen Paragrafen fänden, der ihnen Sühne biete, griffen sie zur Selbstjustiz. Blutbäder habe es gegeben in anderen Dörfern, erzählt Andi Rukman, weil es ein Mann gewagt habe, mit einer unverheirateten Frau zu schlafen. Er gebe den Menschen die Sühne, die sie in keinem nationalen Gesetzbuch fänden. Andi Rukman ist seither nicht mehr nur Dorfvorsteher, sondern auch Richter und Vollstrecker.

Hundert Schläge für Herman und Wati, auf Waden, Po und Schenkel, man hatte sie beim vorehelichen Sex erwischt. Zehn Schläge für Suharman, er hatte einer verheirateten Frau einen Liebesbrief geschrieben. Zehn Schläge auch für Nasir, weil er einen anderen geschlagen hatte.

Die Menschen, da ist Andi Rukman überzeugt, stünden voll und ganz hinter der Scharia. "Denen ist es lieber, wenn sie von uns geschlagen werden, als wenn wir sie zur Polizei schicken", pflichtet sein Gehilfe bei. Drei Mal habe er mit dem Stock gestraft, sagt Andi Rukman.

Wer sich aber im Dorf umhört, erfährt von weiteren Fällen. Man muss es heimlich tun, denn Andi Rukman hat es nicht gerne, wenn sich seine Untertanen mit Journalisten treffen. Gab es da nicht den Jungen, der einen Fisch aus dem Teich klaute? Den Mann, der sich im Dunkeln in das Zimmer eines Mädchens stahl? Und hatten einige Dorfbewohner nicht gegen die Stockschläge protestiert und verlangt, dass ihr Fall vor die Polizei gebracht werde, weil sie doch unschuldig seien? Auf keinen Fall, habe Andi Rukman geantwortet, er selbst müsse das Gesetz durchsetzen. "Keiner weiß, für welche Vergehen die Stockstrafe genau gilt", erzählt eine Frau. "Nie hat man uns entsprechende Gesetze verkündet."

Wie ist das möglich? Ist Indonesien nicht eine Demokratie mit nationalen Gesetzen? Wie kann sich da ein gewählter Dorfvorsteher gebärden wie ein kleiner König? Ein wenig ist er das ja auch. Wie viele Dorfvorsteher der Region ist Andi Rukman ein Nachfahr des einstigen Königs. Und keiner im Dorf würde es wagen, dem Nachfahren eines Königs zu widersprechen.

Doch auch von außerhalb traut sich keiner, ihn zu stoppen. Denn Andi Rukman hat mächtige Verbündete. Sanfte und gewalttätige. Da gibt es solche wie den Imam Tjamiruddin, den ehemaligen Direktor des Religionsamtes von Bulukumba, der die Idee der islamischen Dörfer entwickelt hat. Der Imam vertritt seine Überzeugung, wonach alle Muslime unter der Scharia leben sollten, mit sanfter Stimme. Er trägt sie in jede der unzähligen Institutionen hinein, denen er vorsitzt. Er lehrt sie an der Universität, in der islamischen Schule und im Waisenhaus. Er diskutiert sie mit den Mächtigen und Wichtigen von Bulukumba.