Und wer nicht hören will, muss fühlen. Unterstützt wird der Imam unter anderen von der Dschundullah, der Armee Allahs, einer bewaffneten Miliz, die Nichtregierungsorganisationen bedroht und Angehörige einer abweichenden islamischen Sekte verprügelt. Lobbyarbeit und Missionseifer, verbunden mit der Bereitschaft zur Gewalt – es ist das übliche Erfolgsrezept von Fundamentalisten aller Religionen, mit dem die radikalen Muslime langsam die Kontrolle in Bulukumba übernehmen. Sie drängen in Ämter, sie gründen Organisationen, sie gewinnen die Deutungshoheit über "guten" und "schlechten" Islam. Politiker in Sulawesi geben insgeheim zu, dass ihnen die Scharia-Verordnungen nicht passen, wagen aber keinen öffentlichen Widerspruch aus Angst, als unislamisch zu gelten.

Die Islamisten drängen in die Mitte der Gesellschaft

Was in Bulukumba passiert, geschieht auch anderswo. Zwar sind die Radikalen eine Minderheit, und Indonesien ist noch immer ein moderates Land. Doch gelingt es ihnen immer öfter, ihre Forderungen durchzudrücken. Die Radikalen sind gut vernetzt und gehören zu den einflussreichsten Lobbygruppen. Schon bei Gründung der Republik Indonesien 1945 kämpften Hardliner, wenn auch erfolglos, für die Einführung der Scharia. Unter Suharto wurden sie lange unterdrückt. Erst mit der Demokratisierung des Landes 1999 gewannen sie Spielraum. Und wurden zu den eifrigsten Schülern des Systems, das sie bekämpfen.

Viele Fundamentalisten haben der Gewalt mittlerweile abgeschworen. Sie setzen auf subtilere Methoden. "Sie tragen ihre Ideen in den Mainstream. Und ohne dass es ihnen bewusst wird, akzeptieren die Menschen plötzlich Dinge, die sie früher nie akzeptiert hätten", sagt Sunny Tanuwidjaja vom Zentrum für Strategische und Internationale Studien in Jakarta. Bereits 2004 befürworteten laut Umfrage 71 Prozent der indonesischen Muslime die Einführung der Scharia für das Alltagsleben.

Längst sitzen die Radikalen nicht nur in den islamischen Parteien. Die meisten der Bürgermeister und Kreisräte etwa, die Scharia-Verordnungen erließen, gehörten säkularen Parteien an. Bei den Parlamentswahlen am 9. April haben die islamischen Parteien einen herben Rückschlag erlitten, Schätzungen zufolge kommen sie nur auf etwa 24 Prozent, bei den letzten Wahlen waren es noch über 40. Den Wählern ging es dieses Mal vor allem um Wirtschaftsthemen. Viel wichtiger als die Frage, wie viele Radikale im Parlament sitzen, ist aber jene, wie erfolgreich sie sind.

Erfolgreich genug, um Dorfvorstehern wie Andi Rukman das Gefühl zu geben, Teil einer Bewegung geworden zu sein. Mit Befriedigung hat er das Gesetz gegen Pornografie zur Kenntnis genommen, das die Hardliner mithilfe der säkularen Parteien im vergangenen Herbst verabschiedeten. Die erste, mittlerweile überarbeitete Version hatte sogar einen Kuss in der Öffentlichkeit unter Strafe gestellt. Selbst der Koran, sagte der frühere Präsident Gus Dur, ein moderater Muslim, wäre demnach Pornografie.

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Nichtmuslimische Indonesier sind empört. Denn mit der schleichenden Islamisierung von Politik und Gesellschaft droht das Land den Zusammenhalt als Vielvölker- und Vielreligionenstaat zu verspielen. Um den zu wahren, hatte Staatsgründer Sukarno 1945 die Ideologie der Pancasila propagiert, die lediglich den Glauben an einen einzigen Gott vorschreibt. Islam, Buddhismus, Hinduismus, Protestantismus und Katholizismus gelten als gleichberechtigt.

Mit der Toleranz ist es mittlerweile nicht mehr allzu weit her, und wie so oft sind die ersten Opfer nicht die "Ungläubigen", sondern "abtrünnige" Muslime, in diesem Fall Anhänger der Sekte Ahmadiyya, weil sie den Religionsgründer Ahmad als Propheten verehren. Der konservative Islamrat erließ eine Fatwa, das Religionsministerium drängte auf ein Verbot, muslimische Gruppen organisierten Straßenproteste, während befreundete Schlägertrupps Ahmadiyya-Anhänger angriffen und eine Moschee niederbrannten. Meist nahm die Polizei die Opfer fest und ließ die Täter laufen. Im Juni vergangenen Jahres verbot die Regierung der Sekte alle öffentlichen Aktivitäten, angeblich, um ein Blutbad zu vermeiden.