Welchen Nachruhm verdient ein Folterknecht und Mörder? Einer, der einen Araber aus rassistischen Motiven absticht und bei lebendigem Leib begräbt? Der einen Journalisten abschlachtet, weil ihm dessen Artikel über seine Verbrechen nicht gefallen? Jacques Mesrine bekommt 30 Jahre nach seinem Tod im Kugelhagel französischer Polizisten gleich zwei abendfüllende Spielfilme verehrt, großes Kino in Erinnerung an einen Mann, der mit der Mentalität eines Kampfhundes Frankreichs Staatsfeind Nummer eins wurde.

Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt heißt der nun anlaufende erste Teil dieser Filmbiografie, Todestrieb der zweite, Start am 21. Mai. In insgesamt fast vier Stunden erzählt der Regisseur Jean-François Richet die Geschichte des Schlägers, Bankräubers, Entführers, Mörders Mesrine, der siebenmal aus dem Gefängnis ausbricht, Gerichtssäle in Bühnen für seine Charmeshow verwandelt und mithilfe der Presse und der schaudergierigen Öffentlichkeit zu einem Popstar des Bösen wird. Richet verwendet viel Mühe, diverse Sonnenbrillen und alte Autos auf die Rekonstruktion einer Sechziger- und Siebziger-Jahre-Krimi-Atmosphäre, die er mit den modernen Techniken von split screen und Handkamera wie mit einem Turbolader beschleunigt. Einer echten Dramaturgie folgen die immer neuen Verbrechen, Frauen, Verurteilungen, Ficks und Fluchtversuche freilich nicht, das Prinzip heißt Reihung bis zum bitteren Ende. Die wechselnden Komplizen sind nur prominent besetzte Staffage (unter anderem Gérard Depardieu als der Unterweltboss Guido) für den lebenslangen Amoklauf eines Junkies, dessen Drogen Gesetzlosigkeit und Größenwahn heißen und der nach der Losung lebt: "Frei oder tot".

Vincent Cassel spielt Mesrine mit wechselnden Bärten und wachsendem Bauch derart intensiv, dass man meint, dieser Irre mit dem Vogelgesicht habe einen im Kino tatsächlich zusammengeschlagen. Doch versteht man danach mehr von den Motiven dieses Triebtäters der anderen Art? Der echte Mesrine hatte sich zu Lebzeiten und in seiner im Knast geschriebenen Autobiografie diverse Selbstrechtfertigungen zusammengebastelt: dass er in den Banken nur die größeren Räuber beraube. Dass er Geld wolle, ohne jemanden ausbeuten zu müssen. Dass er nach den Jahren im Hochsicherheitstrakt mit allem Recht gegen einen Staat kämpfe, der ihn dort isoliert und gefoltert habe. Der Film nun sieht die Urszenen woanders: Daheim, wo der Vater, der während des Krieges mit den Deutschen kollaborierte, zur "Fußmatte" der Mutter geworden ist – ihm will der Sohn Jacques beweisen, was es heißt, ein stolzer Mann zu sein. Und im Algerienkrieg, wo der Soldat Mesrine in einer beklemmenden Folterszene auf Befehl seines Vorgesetzten einen Gefangenen tötet. Als er nach Paris zurückkehrt, hört man im Off den General de Gaulle voller Stolz sagen, dass in Algerien eine junge Generation geformt werde. Mesrines Formung sieht so aus, dass fortan er allein über Leben und Tod entscheidet.

Der Staat selbst hat jene Kreatur geschaffen, die ihm den Kampf ansagt – mit dieser Argumentation in suggestiven Bildern ist der Weg frei für zwei Filme auf Knien vor einem Mörder. Die Qual der Opfer wird nur breitgetreten, um Mesrines Einzigartigkeit auszumalen; den Polizisten bleibt die Rolle der Trottel, die sich vor Angst in die Hose machen und am Ende den Helden in einem Hinterhalt auf fragwürdige Weise exekutieren.

"Niemand erschießt mich, bevor ich es sage", erklärt Mesrine einmal. Public Enemy No. 1 tut ihm den Gefallen, zumindest seine Legende lebendig zu halten.