Es ist nicht das erste Mal, dass die sterbende Susan Sontag öffentliches Ereignis wird. Ihre ehemalige Lebensgefährtin, die Fotografin Annie Leibovitz, nahm Bilder eines aufgequollenen Körpers in ihre bildhaft erzählte Autobiografie auf, die als Ausstellung um die Welt geht und jüngst in Berlin zu sehen war, in ihrem Zentrum, wie Blei, das Aufbahrungsfoto von Susan Sontag. Hier verschränkt sich das Erzählen des eigenen Lebens, zu dem das Sterben der Freundin gehört, mit der Frage, wie viel Intimität ihr zugestanden wird. Auch im Buch des Sohnes schiebt sich die eigene Betroffenheit ständig vor den Tod der Mutter, Reflexionen über Schuldgefühle, Hilflosigkeit, Verantwortung, nichts Neues übrigens, aber doch auch ein gebildeter Diskurs, mit Anspielungen auf Didion, Canetti, Berger, ein wenig im Stile der Mutter. Dahinter ereignet sich eine Demontage der Toten.

Das Auge des Kindes ist gnadenlos. Schaut Mama stumpf? Wankt ihre Siegesgewissheit? Was bleibt der überragenden Intellektuellen von ihrem Forschungsoptimismus, wenn jedes Fundstück nur den Tod verheißt? Wie bei einer Zwiebel wird eine Schicht nach der anderen abgepellt. "Die Einserstudentin in meiner Mutter" – auf Normalmaß gestutzt. Aus unbesiegbar wird untröstlich. Die von der Welt Bewunderte – ist nun allein mit ihrer Qual. Sie sei bereit gewesen, alles außer ihrer Würde für mehr Zeit in der Welt zu opfern, heißt es, dann habe sie auch diese Würde nicht mehr bewahren können. Wohl wahr.

Man könnte versucht sein zu argumentieren, wer wie Susan Sontag das Wort führt über die Bedeutung von Krankheit, muss sich an der eigenen Theorie messen lassen. Ihr Sterben wäre dann so etwas wie ein Praxistest. Eine Geschmacklosigkeit. Es wäre auch eine Verirrung, denn der Wert von Gedanken, die Susan Sontag über Krankheit und Tod entwickelte, muss sich nicht mehr beweisen, es ist das Wesen des Buches, dass sich sein intellektuelles Gewicht vom Autor löst. Warum also sollte ein Interesse daran bestehen, dem Sterben der Susan Sontag zuzusehen?

In dem Buch Das Leiden anderer betrachten spricht Sontag mit Bezug auf Platon von jenem Trieb, den jeder in sich spüren könne, auch wenn er sich dafür verachte: ein menschliches "Verlangen nach dem Anblick von Erniedrigung, Schmerz und Verstümmelung". Das wäre also die Wahl des Fernsehkanals, auf dem ein Big-Brother- Groupie seinen Krebstod inszeniert. Sontag zitiert den Essayisten William Hazlitt mit der Einsicht, die Liebe zur Grausamkeit gehöre zum Menschen wie die Fähigkeit zum Mitgefühl. Letzteres könnte dazu führen, das Buch über Susan Sontags Sterben einfach beiseitezulegen.