DIE ZEIT: Herr Ministerpräsident, Angela Merkel hat in dieser Woche angedeutet, dass der Tiefpunkt der Wirtschaftskrise möglicherweise in Sicht sei. Teilen Sie diese Einschätzung?

Horst Seehofer: Ich möchte keine exakte Prognose abgeben, aber ich hoffe es ebenfalls. In meinen vielen Gesprächen mit Fachleuten und Unternehmern konnte niemand vorhersagen, wie es wirtschaftlich im Sommer oder im Herbst aussehen wird. Dafür haben wir in den vergangenen Monaten zu viel Dynamik erlebt – selbst in einem Land wie Bayern, das wirtschaftlich sehr robust ist.

ZEIT: Sehr optimistisch klingt das nicht.

Seehofer: Ich würde sagen: Es klingt realistisch.

ZEIT: Was bedeutet das für den bevorstehenden Wahlkampf? Wenn Sie ehrlich wären, müssten Sie den Bürgern sagen: Tut uns leid, wir wissen auch nicht, was in vier Monaten sein wird.

Seehofer: Wir müssen uns als CDU/CSU klar ordnungspolitisch orientieren und dürfen nicht einem Überbietungswettbewerb der Versprechungen erliegen. Im Prinzip hat die Bundesregierung die richtigen Antworten gegeben und bislang sehr klug und besonnen reagiert. Da bin ich nicht unzufrieden mit den Leistungen der Großen Koalition.

ZEIT: Die Union will ihr Wahlprogramm erst Ende Juni vorstellen. Warum so spät?

Seehofer: Wir haben kein Defizit des Handelns. Was die Bundesregierung und die bayerische Staatsregierung zum jetzigen Zeitpunkt leisten konnten, ist getan. Die Steuer- und Abgabenentlastung ist beschlossen. Das Investitionsprogramm wird umgesetzt. Deshalb besteht keine Notwendigkeit, das alles mit theoretischen Vorschlägen zu toppen. Als Union sind wir dabei, unser Wahlprogramm in aller Ruhe zu konzipieren. Der Termin Ende Juni liegt, wie ich finde, richtig.

ZEIT: Die Entscheidung für das zweite Konjunkturpaket fiel im Januar vor dem Hintergrund einer Wachstumsprognose von minus 2,25 Prozent. Jetzt lautet die Prognose minus 5 Prozent. Reichen die bisherigen Maßnahmen aus?

Seehofer: Man muss im Lichte der tatsächlichen Entwicklung entscheiden, was geboten ist. Wir können nicht einfach auf Vorrat Konjunkturprogramme schreiben. Wir haben aber beim Bankenhilfsprogramm und bei der Abwrackprämie gezeigt, dass die Politik – Gott sei Dank – sehr schnell reagieren kann. Wenn sich eine besondere Situation ergeben sollte, werden wir reagieren. Die Große Koalition muss deshalb bis zum letzten Tag handlungsfähig bleiben.

ZEIT: Wenn sich die Krise weiter verschärft, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Sozialpolitiker höhere Transferleistungen fordern, etwa die Erhöhung von Hartz IV. Zu Recht?

Seehofer: Wir haben exakt die umgekehrte Situation wie im Bundestagswahlkampf 2005. Damals gab es die offene soziale Flanke, und die Union hat darauf mit Kündigungsschutz, Kopfpauschale, Besteuerung von Schichtzuschlägen und so weiter geantwortet – mit dem bekannten Wahlergebnis. Im Sommer dieses Jahres wird der Satz "Sozial ist, was Arbeit schafft" im Mittelpunkt stehen. Ich habe diesen Satz nicht immer für richtig gehalten, auch weil er in wirtschaftlich guten Zeiten missbraucht wurde. Jetzt geht es darum, wie wir dazu beitragen können, dass die Menschen ihren Lebensunterhalt mit Arbeit verdienen. Unser ganzes Handeln muss den Arbeitsplätzen für die Menschen dienen.

ZEIT: Wäre es nicht ebenfalls sozial, die Hartz-IV-Sätze zu erhöhen?

Seehofer: Was gesellschaftspolitisch in diesem Lande getan wurde, vor und während der Krise, da stimmt die Bilanz eins a. Wir haben die Rentenformel ausgesetzt, mit der Folge, dass es in diesem Jahr endlich mal wieder eine Rentenerhöhung gibt, die man vorzeigen kann. Wir haben das Arbeitslosengeld und das Kurzarbeitergeld verlängert. Wir haben das Bafög und das Wohngeld erhöht. Wir haben die Familienleistungen verbessert, Kindergeld und Kinderfreibetrag sind gestiegen. Das heißt, wir haben das soziale Gesicht dieser Republik deutlich verbessert. Jetzt geht es um das zweite Standbein, das für die Teilhabe der Menschen an dieser Gesellschaft wichtig ist, nämlich das Einkommen aus Arbeit.

ZEIT: Die SPD will den Eingangssteuersatz auf 10 Prozent senken, die CSU fordert bislang 12 Prozent. Warum so zaghaft?