Seehofer: Die SPD will nur den Eingangssteuersatz senken, aber die kalte Progression nicht antasten. Damit verschärft sie das Problem, dass den Leuten netto immer weniger von dem bleibt, was sie brutto mehr verdienen. Das ist ein Schildbürgerstreich. Ich will, dass alle Bürger entlastet werden. Steuersenkungen sind das entscheidende Mittel zur Renaissance der sozialen Marktwirtschaft. Wir brauchen junge Leute, die Existenzen gründen, wir brauchen einen Anreiz für Leistung. Momentan erleben die Bürger nur, dass der Staat das, was sie brutto mehr bekommen, zum Großteil wieder kassiert.

ZEIT: Jetzt reden Sie wie Friedrich Merz 2005.

Seehofer: Mit Friedrich Merz habe ich viele Diskussionen bestritten, aber er lag auch häufig richtig. Das habe ich auch früher schon gesagt.

ZEIT: Was ist so falsch daran, den Spitzensteuersatz leicht zu erhöhen, wie es die SPD vorhat?

Seehofer: Unser Motto lautet: Steuern runter statt rauf! Was die SPD vorhat, ist ein staatlicher Raubzug. Weil es ein Problem mit den Finanzen gibt, greift man den Menschen in die Tasche. Das ist bei der SPD wie ein Naturgesetz.

ZEIT: Teilen Sie die Ansicht, dass es trotz Finanzkrise noch reiche Bürger gibt?

Seehofer: Ja.

ZEIT: Warum sollte man diese dann nicht stärker an der Finanzierung der Gesellschaft beteiligen?

Seehofer: Schauen Sie sich einmal an, wer da für die SPD alles schon reich ist! Sie wissen, welcher Anteil der Bevölkerung welchen Anteil des Steueraufkommens trägt: Den Großteil zahlen die oberen 20 Prozent. Die letzte Steuersenkung hat die Regierung von Gerhard Schröder 2000/2001 beschlossen. Nach fast zehn Jahren ist es höchste Zeit für die Botschaft: Wir lassen euch wieder mehr netto! Bisher haben doch die Finanzminister profitiert, nicht die Bevölkerung. Ich möchte, dass die Politik die Entlastung derjenigen Menschen in den Mittelpunkt stellt, die in der Früh zur Arbeit fahren und ihre Leistung erbringen, die daneben die Kinder großziehen und trotzdem jeden Euro umdrehen müssen.

ZEIT: Das von Ihnen so gescholtene Konzept der SPD ist immerhin aufkommensneutral. Sie versprechen dagegen Steuersenkungen, ohne zu sagen, wie Sie die Einnahmeausfälle kompensieren. Warum sollen die Bürger Ihnen das abnehmen?

Seehofer: Der beste Beitrag zur Glaubwürdigkeit ist die Tatsache, dass wir schon ab dem 1. Juli mit Steuersenkungen beginnen – nachrechenbar für jeden! Ohne die CSU hätte das nicht stattgefunden. Beginnend mit dem 1. Juli, gibt es Steuer- und Abgabensenkungen, die bis Ende des Jahres 2010 ein Volumen von 25 Milliarden Euro haben.

ZEIT: Um der schwächelnden Tourismusbranche zu helfen, will Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger nun den Mehrwertsteuersatz für Gastronomen und Hoteliers von 19 auf 7 Prozent senken…

Seehofer: …damit schließt er sich unserer bayerischen Bundesratsinitiative an!

ZEIT: Werden weitere Länder folgen?

Seehofer: Das ist nur eine Frage der Zeit. Ich wette, als Nächstes wird Mecklenburg-Vorpommern da mitmachen, auch ein Bundesland, das – wie Bayern oder Baden-Württemberg – sehr stark vom Tourismus lebt.