ZEIT: Aber Finanzminister Peer Steinbrück lehnt niedrigere Mehrwertsteuersätze ab. Und auch die Kanzlerin hat weiteren Steuersenkungen "in dieser Regierungszeit" bereits eine Absage erteilt.

Seehofer: Ich habe von Steinbrück schon zwei Mal gehört, dass die Steuern nicht gesenkt würden, bei der Erbschaftsteuer und bei der Einkommensteuer im Konjunkturpaket. Beide Male kam es anders. Dieser Salto der SPD ist schon faszinierend.

ZEIT: Wie sehr wird diese Wirtschaftskrise das Land verändern?

Seehofer: Ich habe große Hoffnung, dass wir Wirtschaft und Ethik wieder zusammenführen. Ich habe den Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus erlebt. Und ich erlebe jetzt den Zusammenbruch des Spekulationskapitalismus. Dazwischen waren manche Stationen politisch schwierig für mich, gelegentlich hatte ich das Gefühl, ein politischer Außenseiter zu sein. Aber ich habe diese Extreme nie mitgemacht. Bei mir gehörte zur Leistung immer auch die soziale Seite dazu. Ich muss heute keine meiner Reden von damals verändern, ganz im Gegensatz zu vielen anderen. Mit dieser Krise sind nicht nur einzelne Banken und Unternehmen zusammengebrochen, es ist ein Weltbild zusammengebrochen. Ich bin durchaus dafür, dass man die Schuldigen beim Namen nennt und eklatante Auswüchse abstellt.

ZEIT: An wen denken Sie?

Seehofer: An all jene, die jenseits von Augenmaß und Vernunft in systemrelevanten Banken an diesem Spekulationskapitalismus teilgenommen haben.

ZEIT: Also ist Josef Ackermann auch einer der Schuldigen, die man nennen müsste?

Seehofer: Natürlich gehört er zu den Schuldigen. Nicht im Sinne einer strafrechtlichen Schuldzuweisung, aber der Chef der Deutschen Bank hat das Weltbild, das nun einstürzt, wesentlich mit geformt.

ZEIT: Ein anderes Thema, das die Menschen derzeit bewegt, ist die grüne Gentechnik. Sind Sie zufrieden mit der Entscheidung der Bundeslandwirtschaftsministerin, in Deutschland den Anbau von Genmais zu verbieten?

Seehofer: Sehr zufrieden. Die Ministerin folgt damit dem Grundsatz, den wir in der Großen Koalition vereinbart haben: Der Schutz von Mensch und Umwelt behält in Deutschland oberste Priorität. Ich wundere mich deshalb über den Ministerpräsidenten aus Niedersachsen, der behauptet, die Entscheidung von Frau Aigner widerspreche der Koalitionsvereinbarung. Das ist falsch.

ZEIT: Frau Aigner legt Wert darauf, dass es sich um einen Einzelfall handele. Sie sind schon einen Schritt weiter, Bayern soll grundsätzlich gentechnikfrei werden.

Seehofer: Gentechnisch veränderte Organismen werden ja bislang auf europäischer Ebene zugelassen, nicht durch die Nationalstaaten. Wir in Bayern wollen aber selbst entscheiden, ob auf unseren Feldern grüne Gentechnik angewandt wird. Wenn ein anderes Land Genmais anbauen will, dann muss es das gegenüber der eigenen Bevölkerung vertreten. Wir in Bayern wollen das beim derzeitigen Forschungsstand nicht.

ZEIT: Der Präsident der TU München, ein CSU-Mann, fürchtet deshalb um den Forschungsstandort Bayern.

Seehofer: Man muss zwischen der ökonomischen Nutzung und der Forschung unterscheiden. Ich war immer der Meinung, dass wir in Deutschland Forschung betreiben sollten, damit uns andere nicht überholen. Aber auch die Forschung muss bestimmte Regeln einhalten. Es gibt ethische Maßstäbe und Grenzen der Verantwortung. Man sollte sich deshalb bei der grünen Gentechnik auf die Forschung in geschlossenen Einrichtungen konzentrieren.

Die Fragen stellten Marc Brost und Matthias Krupa