Vor neun Jahren gab es in der Berliner Volksbühne eine liebenswürdige Veranstaltung: Christoph Schlingensief und Alexander Kluge trafen sich zu einem öffentlichen Gespräch. Schlingensief redete in riesigen Mengen, wie ein von Daseinsbegeisterung berauschtes Kind, das nicht ins Bett zu kriegen ist. Kluge versorgte ihn mit Getränken und gelegentlichen Stichworten. Und manchmal stupste er Schlingensief am Arm, hin zum Ausgang seines Redelabyrinths. Eigentlich, dachte man damals, müsste jemand wie Schlingensief, geboren fürs Reden und Redenmüssen, immer jemanden wie Kluge dabeihaben, der mit einem Stups die Wortlawine bremst und verhindert, dass die Geistesblitze des Regisseurs und Aktionskünstlers Schlingensief nicht von ihm selbst zerrieben werden.

Zuzeiten war der 48-Jährige, dessen "Tagebuch einer Krebserkrankung" soeben unter dem Titel So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein erschienen ist, dem Mechanismus öffentlicher Aufmerksamkeit geradezu junkiehaft verfallen. Doch mitunter scheint er diese Daueranwesenheit selbst unterbrechen zu können. Bei der Pressekonferenz, auf der er das Buch in Berlin vorstellen wollte, fehlte Schlingensief. Man darf dies nicht symbolisch überbewerten. Schlingensief hatte, so berichtete sein Verleger Helge Malchow, in der Nacht einen Fieberanfall erlitten.

Er war in Hamburg gewesen zur Aufzeichnung der Talkshow von Beckmann, er war frohgemut in Berlin eingetroffen, dort aber von Nebenwirkungen seiner medizinischen Therapie eingeholt worden. So waren eine Menge Leute da, Berliner Presse, fünf Fernsehteams, ein Dutzend Fotografen, Stuckrad-Barre, Moritz von Uslar et cetera. Und Schlingensief eben nicht. Und die so fürchterliche wie einfache Botschaft seines Buches: Mich hat verdammt noch mal ein lebensbedrohlicher Krebs überfallen, ich will aber noch nicht sterben, ich will hierbleiben!, diese Botschaft erhielt eine größere Chance, dem Geräuschhaften und bizarr Inszenierten zu entgehen.

Denn die radikale Krankheitserzählung, die Schlingensief unternommen hat, ist ja von zwei Missverständnissen umweht. Erstens: dass das Thema Krebs, Krebsleiden, Krebstod in unserer Öffentlichkeit nicht vorkomme – ein einziger Blick in die Boulevardpresse macht klar, dass die prominente Krebsgeschichte unmittelbar nach der prominenten Sexaffäre rangiert. Und zweitens: dass das Gegeninstrument zur Verdrängung sich im unermüdlichen Berichten und Bereden finde. Dessen Funktion ist eher das unheimliche Kassieren von Not, Leiden und bodenloser Angst. All dies drückt sich in Schlingensiefs Buch auch wahrhaft aus. Raum inmitten der Gesellschaft haben Sterben und Tod, Krankheit und Kranker vielmehr, wenn diesem garantiert ist, nichts sagen zu müssen, wo es nichts, nichts Neues mehr zu sagen gibt. Nur zu hoffen.

So war, als man den Ort der ausgefallenen Pressekonferenz verließ, dies der Moment, in dem man inständiger als zuvor, als man Schlingensief im Fernsehen bei titel thesen temperamente, bei Kulturzeit, bei Beckmann gesehen, als man über ihn in der Springer-Presse gelesen und Kritiken von SZ bis FAS studiert hatte, dies der Moment, in dem man inständig hoffte, der Abwesende möge verlässlich gesunden und hierbleiben.

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