Tiefstapeln, das ist nicht Sache der Thüringer CDU. Wer die Landesgeschäftsstelle in Erfurt betritt, der sieht Dieter Althaus auf Augenhöhe mit Konrad Adenauer, Helmut Kohl und Angela Merkel. Ihre Konterfeis hängen gerahmt an der weißen Wand hinter der Eingangstür. Ministerpräsident Dieter Althaus, der einzige Spitzenkandidat, den die CDU in Thüringen hat und haben will, regiert seit Montag wieder.

Ausgelassen geht es an diesem Montagmittag in der Landesgeschäftsstelle zu, es ist jene Art von leicht überdrehter Ausgelassenheit, die sich einstellt, wenn die Anspannung weicht. 110 Tage hat Landesgeschäftsführer Andreas Minschke nichts anderes getan, als gegen die öffentlichen Zweifel an einer Rückkehr von Althaus anzukämpfen.

Jetzt, wo Althaus wieder da ist, kann Minschke sich seiner liebsten Beschäftigung widmen: Wahlkampf. Am 30. August, vier Wochen vor der Bundestagswahl, wird in Thüringen gewählt. Minschke zeigt die ersten Wahlpräsente, ein schwarzer Plastiktopf mit Senf, auf dem steht: "Geben Sie ihren Senf dazu: Wählen Sie die CDU!" Er amüsiert sich prächtig über den holprigen Schüttelreim und legt nach: Sonnenschutztücher mit der Aufschrift: "Damit Sie im Sommer nicht rot werden." Jetzt haut sich Minschke vor Lachen auf den Oberschenkel. Erstaunlich plumpe Sprüche für eine Kampagne, die ganz auf Althaus zugeschnitten sein soll.

Ohnehin muss sich die CDU nach dem ersten Auftritt ihres Spitzenkandidaten fragen, ob mit der Person Althaus im Mittelpunkt die Wahlen zu gewinnen sind. Nicht, weil er gerade erst eine schwere Krankheit überstanden hat und sich womöglich übernehmen könnte. Auch nicht, weil er wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden und damit vorbestraft ist. Die CDU muss sich die Frage stellen, weil Dieter Althaus am Montagmorgen seine Chance auf einen glaubhaften Neuanfang vergeben hat.

Im Barocksaal der Staatskanzlei triumphiert die Wahrheit über den rund 80 Journalisten und Dieter Althaus – so der Titel des Deckengemäldes aus dem 18. Jahrhundert. Unten am Boden scheitert die Glaubwürdigkeit. In Althaus’ erster öffentlichen Rede nach dem Skiunfall am Neujahrstag, bei dem eine junge Mutter ums Leben gekommen ist, geht es um Schuld und Vergebung, Tod und Trauer. Es sollte eine Rede sein, in der Politisches und Menschliches miteinander verbunden sind, in der Menschlichkeit zum politischen Maßstab wird.

"Aus dem Rechtsgutachten ergibt sich, dass ich die Schuld trage. Daran trage ich schwer", liest Althaus die Sätze von seinem Redemanuskript ab. Es klingt emotionslos, hölzern, distanziert, so, als spreche er nicht über sich, sondern eine andere Person. Die Wohlgesinnten werden später sagen, er habe mit seinem Schuldeingeständnis dazugelernt, denn noch vor Kurzem habe er gesagt, Schuld sei nicht die richtige Kategorie, um ein solches Unglück zu bewerten. Die weniger Wohlgesinnten werden kritisieren, er habe in seiner Rede gerade einmal zwei Minuten für das tragische Unglück, für die Familie der Toten übrig gehabt, um sich dann übergangslos der Wirtschaftskrise zuzuwenden.

Doch Althaus’ Integrität ist nicht in Minuten, Begrifflichkeiten oder rhetorisch geschickten Übergängen zu messen, sondern an seinem Umgang mit der Schuld. Dem aber scheint er sich zu verweigern. Er könne sich an den Unfall nicht erinnern, sagt er. Und man "kann ja Dinge" nicht persönlich bewerten, die man nicht erlebt habe. Was er damit meint, wird am Abend in einem Fernsehinterview deutlich. Auf die Frage des Moderators, ob er das Geschehene durch die fehlende Erinnerung nicht persönlich als Schuld wahrnehmen könne, antwortet Althaus: "So ist das."