In der Kunst brach sich die Moderne meist lautstark ihren Weg. 1909 erregte sich die ganze Stadt Wien über Adolf Loos’ Haus, weil er das Ornamentale hinter sich ließ; 1907 und 1908 hatte Arnold Schönbergs Erweiterung der Tonalität das Publikum zu heftigen Reaktionen animiert; 1913 wurde die Aufführung des Ballettes Le Sacre du Printemps in Paris zu einem Riesenskandal. Und als 1916 im Zürcher Cabaret Voltaire die Dadaisten vorführten, dass alles Kunst und Kunst nichts ist, ging auch das nicht ohne Randale ab.

In der Finanzwelt geschehen Revolutionen hingegen meist unbemerkt. 1973 war so ein Jahr des großen Umbruchs, von dem die Öffentlichkeit so gut wie nichts mitbekam. In diesem Jahr publizierten Fischer Black und Myron Scholes im Journal of Political Economy ihren Text The Pricing of Options and Corporate Liabilities. Unter anderem gossen sie Laufzeit, Zinssatz, Normalverteilungsfunktion und Varianz einer Aktie in eine mathematische Formel. Und heraus kam ein klarer Wert für die darauf basierende Option. Klingt kompliziert – ist es auch; klingt unspektakulär – ist es ganz und gar nicht. Denn nicht nur leiteten Black und Scholes die Mathematisierung des Finanzhandels ein, sondern sie katapultierten die Märkte mit einem Schlag in die (Post-)Moderne.

Derivate und Optionen gibt es schon seit Langem. In ihrer einfachsten Form verkauft ein Bauer sein Getreide bereits vor der Ernte zu einem festgelegten Preis. Das ist einerseits eine Absicherung gegen zukünftige Schwankungen, weil der Bauer weiß, welchen Preis er bekommt, und der Käufer mit einem fixen Einkaufspreis kalkulieren kann; andererseits ist es auch ein hervorragendes Mittel zur Spekulation. Bereits 1875 wurde in Chicago reales Getreide im Wert von 200 Millionen Dollar verkauft, der Handel mit Futures hingegen belief sich auf zwei Milliarden Dollar. Zehn Jahre später war der Future-Markt bereits 15- bis 20-mal größer als der für reales Getreide.

Das Problem der Optionen bestand bis 1973 darin, dass man ihren Wert nicht genau beziffern und sie deshalb nicht miteinander vergleichen konnte. Mithilfe der Black-Scholes-Formel war das nun möglich. Und da jede Option einen klar definierten Wert hatte, konnte man sie bündeln, daraus andere Optionen und Derivate basteln, diese wieder zu neuen zusammenfassen und so ein unendliches Netz aus Schuldverschreibungen, die wieder auf andere Schuldverschreibungen hinweisen, weben. Hinter jeder »Collateralized Debt Obligation« (CDO) oder jedem »Credit Default Swap« (CDS) lauern immer weitere CDOs und CDSs.

Der alchemistische Traum lautete: Wie mache ich aus Dreck pures Gold?

Diese endlosen Ketten von Schuldverschreibungen und Ausfallversicherungen, die schlussendlich auf nichts anderes hindeuten als auf sich selbst, ähneln dem, was Gilles Deleuze und Felix Guattri im Jahre 1980 in ihrem Klassiker 1000 Plateaus als »Signifikantenketten« bezeichnet haben. Im »signifikanten Zeichenregime« verweist jedes Zeichen wieder auf ein anderes Zeichen und nicht mehr wie früher auf etwas Reales. Alles wird zum Zeichen, und hinter jedem Zeichen lauern bloß weitere Zeichen und hinter all diesen Zeichen und Codes und Simulakren: das große, weite Nichts.

Das lässt die jetzige Finanzkrise so seltsam erscheinen. Die Erkenntnis, dass wir es nicht mehr mit realen Dingen, mit realem Handel, mit Waren und Produkten zu tun haben, sondern bloß mit »Signifikantenketten«. Nur so war es möglich, einen Markt zu schaffen, von dem niemand weiß, wie groß er wirklich ist. Auf das Zehnfache des weltweiten Wirtschaftsoutputs von 66 Billionen Dollar wird er geschätzt. Der alchemistische Traum schien in Erfüllung gegangen zu sein. Man nahm Dreck – mehr oder weniger besicherte Forderungen, Schulden und ähnlich unangenehmes Zeugs, das niemand in seiner Bilanz haben will – und formte daraus Gold. Glänzende und funkelnde Anlageprodukte, die famose Bezeichnungen trugen und tolle Renditen brachten.