Meine Welt ist die Straße

Als wir mit 100 Sachen an Sedona vorbeifahren, habe ich das Gefühl, das Beste zu verpassen. Rings um dieses Städtchen in Arizona scheint es so etwas wie Steckdosen für Esoterikfans zu geben: Orte, an denen die Energie des Kosmos direkt in den Menschen fließt. Bis zu vier Millionen Besucher kommen jedes Jahr hierher, viele von ihnen lassen sich von einem Guru an diese kosmischen Stellen führen, um dort zu meditieren. Für manche, habe ich gelesen, liegt hier das "Herz-Chakra des Planeten". Auch wenn ich mich nicht für Esoterik interessiere, hätte ich mir diesen New-Age-Zirkus gerne angeschaut. Doch das geht nicht. Ich throne auf dem Beifahrersitz eines Trucks, und mein Truck muss übermorgen eine Fuhre Energy-Drinks und Energy-Riegel in Salt Lake City abliefern, um 10.30 Uhr. Deshalb bleibt er schön auf der Interstate 17, biegt nicht auf irgendwelche Nebenstraßen ab. Ich werde weiterleben müssen, ohne das "Herz-Chakra des Planeten" gesehen zu haben.

Dass ein Lastwagen keine Touristenkutsche ist, war mir klar, als ich diese Reise bei Truckrideamerica buchte. Das Unternehmen gehört Werner Egli und Günther Zöchbauer. Der Schweizer Egli ist in den Siebzigern als Hippie durch die USA getingelt, hatte jahrelang eine Ranch und lebt nun als Schriftsteller bei Zürich und in Arizona. Zöchbauer stammt aus Österreich, ist wegen seiner Frau nach Amerika ausgewandert und leitet heute die Firma A&G Transportation LLC. Als Zöchbauer seinen Freund einmal auf eine Tour mitnahm, kamen sie auf ihre Geschäftsidee: Warum die Beifahrersitze der Trucks nicht an Touristen vermieten? Viele Menschen träumen davon, ein paar Tage aus dem eigenen Leben aus- und in ein anderes einzusteigen, wie ein Vagabund durch dieses weite Land zu reisen.

Meine Tour begann in Tucson, nahe der mexikanischen Grenze. Wohin die Reise gehen würde, erfuhr ich vor Ort – da Frachten sich bisweilen ändern, stehen die Strecken erst kurzfristig fest. Ich hatte Glück, mein Ziel ist Salt Lake City in Utah : hin und zurück insgesamt 3400 Kilometer – in vier Tagen das halbe Land sehen! In einem Industriegebiet wartete ein weißer, 21 Meter langer Kenworth-Truck. Der Fahrer Kent Hubert, ein Mittfünfziger mit schulterlangen grauen Haaren und Kraftfahrerbauch, öffnete die Beifahrertür. "Steig ein!", rief er. "Ich habe extra geputzt."

In den ersten Stunden auf dem butterweichen Beifahrersitz fühlte ich mich, als wäre ich in eine fremde Wohnung eingedrungen: an der Rückwand zwei übereinandermontierte Betten, an den Seitenwänden Stangen mit ein paar Kleiderbügeln, zwischen den Sitzen eine graue Kühlbox. Die Sehenswürdigkeiten sausten hinter den blitzsauberen Fenstern einfach vorbei. Der Picacho Peak, bei Wanderern beliebt, weil hier viele Wildblumen wachsen: für mich ein braungrauer Riesenzinken, der kurz links im Fenster auftauchte. Downtown Phoenix: aus meiner Sicht eine Ansammlung von Hochhäusern. Sedona: komplett verpasst. Jetzt, am Nachmittag, schlängeln wir uns in Flagstaff zwischen Motels und Restaurants hindurch – auf einem winzigen Stück der ehemaligen Route 66. Diesen Weg nahmen auch die Pioniere auf ihrem Treck nach Westen. Die hatten wenigstens Zeit, sich die Gegend anzuschauen!

Kent scheint meinen Unmut zu bemerken. Er deutet auf den kleinen Metallwolf mit Flügeln auf dem Armaturenbrett. "Mein Pseudonym für den Funk ist Fliegender Wolf", sagt er. "Wölfe faszinieren mich, seit ich als Kind einem im Yellowstone Park begegnet bin." "Fliegend" erinnert daran, dass Kent früher Pilot war. Eine weitere Figur lugt aus einem Fach in der Rückwand, ein grimmig blickendes Steinmännchen. "Das ist ein Gargoyle, ein Fabelwesen, das nachts lebendig wird. Er bewacht den Truck."

Bist du abergläubisch? "Nun ja, ich betrachte mich als Hexer. Ich kann durch Handauflegen Schmerzen lindern und mit Runen weissagen." Das kann ja lustig werden, denke ich, da zieht Kent hinter meinem Sitz auch noch eine Getränkeflasche aus Plastik hervor, in deren Deckel er einen Trichter gebohrt hat. "Meine Damentoilette. Habe ich gebastelt, damit Frauen nachts nicht rausmüssen." Ich lobe seinen Erfindergeist und nehme mir vor, auf dieser Reise nicht mehr zu trinken als nötig.

Kent macht es sich bequem. Aus der Kühlbox holt er eine Plastiktüte mit Chicken Wings, kaut sie beim Fahren und wirft die Knochen lässig aus dem Fenster. "Das freut die Tiere am Straßenrand!" Viele Tiere sind dort allerdings nicht zu sehen – dafür ist die Landschaft nun wie verwandelt: Unendlich weit dehnt sie sich aus, nur hier und da stehen ein paar Hütten, vor denen ein Pony oder Maultier grast. Der karge rötliche Erdboden leuchtet in der Abendsonne. "Indianerland", sagt Kent. "Navajo Nation ist das größte Reservat der USA." Die Sonne sinkt immer tiefer, bald wird das Land grau, dann schwarz. Die Büsche und Hügel am Straßenrand erinnern nun an gigantische Maulwurfshügel. Mein Sitz wippt im Takt der Straße. Ich fahre auf einem Schaukelstuhl durch ein Land der Riesenmaulwürfe, über das eine Sternensippe wacht. Irgendwann funkeln die Sterne auch auf dem Boden: Es sind die Lichter der Stadt Page.

Meine Welt ist die Straße

Am nächsten Tag erwache ich, immer noch sanft schunkelnd. Kent hatte den Motor die ganze Nacht laufen lassen, damit die Heizung funktionierte. Nachdem ich mich im oberen Bett in meinen Schlafanzug gewurstelt hatte, tuckerte ich binnen Minuten ins Reich der Träume. Neben uns parkt nun ein Kollege, in dessen Anhänger sechs schwarze Rinder poltern. "Oh, Steaks", sagt Kent. Er hat wahrscheinlich schon oft gesehen, was mich gerade beeindruckt: Am Stadtrand unterhalb des Parkplatzes hat der Colorado River einen Canyon ins rote Gestein geschnitten, in dem die Morgensonne nun ein Schattenspiel aufführt. Seitlich davon krallt sich Lake Powell, der zweitgrößte künstliche See der USA, wie ein blauer Polyp in die hohlwangige Sandsteinlandschaft.

Wir sehen dieses vielarmige Ungeheuer noch eine Weile im Rückspiegel, als wir uns wieder auf den Weg durch die rostrote Dünenwüste Arizonas in Richtung Utah machen. Wenn es bergauf geht, keuchen wir etwas langsamer dahin, erspähen Tierspuren am Wegesrand. Bei Kanab, wo Utah beginnt, drosseln wir das Tempo auf acht Stundenkilometer. Auf einer Extraspur müssen wir über eine Waage rollen, eine Metallplatte im Boden. "Solche Waagen gibt es an allen Staatsgrenzen", sagt Kent. "Nur wer samt Fracht weniger als 36 Tonnen wiegt, darf weiter." Und wenn man schwerer ist? "Dann muss das Unternehmen noch einen Truck schicken, und es wird umgeladen." Kent lacht. Wir dürfen weiter. Er tritt aufs Gas. Doch mir scheint es, als kröchen wir noch immer dahin.

Abseits der Städte wirkt die weite Landschaft wieder wie ein Standbild, das nur gelegentlich ausgetauscht wird: Gestern wurde aus der gelblichen Wüste um Tucson irgendwann rotes Indianerland. Jetzt gleiten wir durch rosafarbene Tafelberge. Als wir gegen Mittag vom Highway 89 auf den Highway 20 wechseln, windet sich die Straße durch einen grünen Nadelwald ins Gebirge hinauf. Wer diese Standbild-Illusionen lange genug betrachtet hat, glaubt, die Vereinigten Staaten sähen aus der Luft aus wie ein bunter Ringelpulli.

Auf der Interstate 15 macht Kent schlapp. Er gähnt immer öfter, biegt auf einen Rastplatz ein, bei einem Ort namens Beaver, und legt sich eine Stunde hin. Ich ergreife sofort die Gelegenheit, seine Damentoilette NICHT zu benutzen. Ansonsten ist der Truckstop ein Männerreich. In dem einzigen Shop gibt es alles, was Kent und seine Kollegen unterwegs brauchen: Chicken Wings, Süßigkeiten, Antennen und Ersatzwischblätter. Außerdem: Herrenunterhosen im günstigen Dreierpack und CDs, auf deren Hüllen meist ein Cowboyhut prangt. In einem Gang stehen Waschmaschinen und Duschkabinen. Der Aufenthaltsraum gleicht einem Minirummelplatz. Zwei Flipper blinken in einer Ecke. Am Apparat daneben kann man mit Plastikgewehren Elche und Bären erlegen, an einem anderen kann man Britney-Spears-Sammelbildchen ziehen oder Aufkleber, die Scheibenrisse imitieren. Ich stelle mich auf eine Waage in Türkis, Rot und Gold, die nicht nur mein Gewicht anzeigt, sondern auch meine Lottoglückszahl und meinen Spruch des Tages: "Der frühe Vogel fängt den Wurm."

Als ich auf die Uhr sehe, ist eine Stunde vergangen. Diese Reise kommt mir immer mehr vor wie ein Film, der an ungewohnten Stellen sehr schnell oder sehr langsam läuft. Ein Film, für den man Geduld braucht; und an den ich mich langsam gewöhne wie an eine neue Zeitzone. Bald will ich nicht mehr aussteigen, wo Kent Gas gibt. Ich liefere mich dem neuen Rhythmus aus. Kent bringt mir die Grundregeln des Truckerlebens bei: Ich lerne, dass man in acht Tagen 70 Stunden arbeiten darf und an einem Tag 14 Stunden – davon aber nur elf am Steuer. Ich verstehe die Geheimcodes des Truckerfunks: Statt "Achtung, Polizei!" sagen wir "Achtung, Smokey!", weil viele Polizisten ähnliche Hüte tragen wie Smokey, die Figur aus einer Kampagne zur Vermeidung von Waldbränden. Ein schwarz-weißes Polizeiauto heißt "Pandabär".

Nach unserem Rastplatzstopp sagte Kent einmal: "Wow, jetzt haben wir 100 Kilometer lang geredet." Da begann ich, unsere Gespräche in Verkehrsbegriffen zu beschreiben. Ich nehme Diskussions-Umfahrungen, wenn er mir mal wieder sein Damenklo anpreist; registriere Konversationssperren, die erst allmählich passierbar werden – nicht sofort erzählt Kent mir von seiner Freundin in Tucson und seinen beiden erwachsenen Söhnen. Auf Rede-Autobahnen geraten wir, sobald Kent von seiner Pilotenvergangenheit schwärmt: "Wusstest du, dass Regenbögen in der Luft kreisrund sind?" Oder wenn er Trucker mit Wölfen vergleicht: "Erwachsene Wolfsrüden, die kein Alphamännchen sind, müssen ihr Rudel verlassen. Diese Tiere tun sich zusammen, wenn es nötig ist, können ansonsten aber prima alleine leben."

Als wir am dritten Tag frühmorgens die letzten Kilometer nach Salt Lake City zurücklegen, hüllt die Dämmerung das Grasland um uns noch in grauen Schlaf, am Straßenrand träumen Holzhäuschen. Die Wasatch Mountains in der Ferne, die Salt Lake City überragen, tragen Schneewipfel wie weiße Nachthauben. Kent erklärt, dass die Mormonen den Staat Utah gegründet haben, weil sie im Osten religiös verfolgt wurden. Als wir in Salt Lake City einfahren, deutet er auch auf die Türme ihres Tempels, die zwischen den Wolkenkratzern hervorschauen. Ich muss da nicht hin.

Meine Welt ist die Straße

Mein Ziel befindet sich in einem Industriegebiet im Nordwesten. Eine Halle mit nummerierten Garagentoren, vor denen die Trucks nebeneinanderstehen wie Kühe an einer Melkmaschine. Mit offenen Trailertüren rollen auch wir rückwärts an ein Tor. Es rumpelt, Gabelstapler fahren in den Truck, laden die Waren aus.

In Ogden, am Ostufer des Salzsees, holen wir die Ladung für die Rückfahrt. Die Wiesen und Wege um die Filiale der North American Salt Company wirken wie ausgeblichen, zwischen den Gebäuden türmen sich hohe Salzhaufen. "Auf der dünner besiedelten Westseite des Great Salt Lake sind große Bassins", erklärt mir eine Angestellte. "In denen lassen wir Wasser aus dem See ein Jahr verdunsten, bis eine dickliche Flüssigkeit entsteht. Die leiten wir unterm See hindurch in kleinere Becken bei uns, und nach zwei weiteren Jahren ist das Salz hart, wird von Bulldozern zerbrochen und verfeinert." Auch Kent ist zufrieden. Wir haben 20 Paletten Lecksteine für Tiere bekommen. "Eine gute Fracht, schön niedrig, schlingert nicht."

Von jetzt an läuft der Film unserer Reise rückwärts. Das Land wechselt von Weiß nach Grün nach Rot. Wir fahren, fahren, fahren, und mein Brummibraut-Ego steigert sich zu Fernfahrer-Größenwahn: Ich bin nun der Ansicht, dass die Straße uns gehört – schließlich arbeiten und wohnen wir hier. Und warum sollte man nicht auf alle herabschauen, wenn man nun mal größer ist? Putzig, das lichte Haar auf dem Kopf des Angeberschlittenfahrers neben uns! Verdächtig, die Delle im Dach des Polizeiautos! "Das ist noch gar nichts", sagt Kent. "Ich habe schon Paare beim Blowjob während der Fahrt gesehen."

Das Land färbt sich langsam wieder gelblich. Bei Tucson, der Endstation unserer Reise, recken riesige Saguaro-Kakteen ihre Arme in die Höhe, als würden sie von einem Revolver bedroht. Als ich von Kents Beifahrersitz steige, fühle ich mich plötzlich winzig. Auch das Auto, mit dem Günther Zöchbauer mich am nächsten Tag zum Flughafen fährt, kommt mir lächerlich klein vor. Der Asphalt saust so nah unter uns hindurch, dass ich die Beine anziehen möchte. Vor allem aber werde ich den Eindruck nicht los, dass mir irgendjemand ständig auf den Kopf schaut.

INFORMATION

Truckrideamerica nimmt Touristen in normalen Arbeitstrucks mit. Die Touren beginnen in Tucson und dauern zwei, vier oder sechs Tage. Passagiere können Wünsche zur Route äußern, doch letztlich entscheidet die Spedition. Übernachtung im Truck, auf Wunsch im Motel. Gegessen und geduscht wird in Truckstops. Einige der Trucker sprechen Deutsch. Ein Tag kostet inklusive Übernachtung im Truck und Vollpension 260 Euro. Truckrideamerica, Werner J. Egli, Glärnischstrasse 8c, CH-8132 Egg bei Zürich, Tel./Fax: 0041-44/5770505, www.truckrideamerica.com