Am nächsten Tag erwache ich, immer noch sanft schunkelnd. Kent hatte den Motor die ganze Nacht laufen lassen, damit die Heizung funktionierte. Nachdem ich mich im oberen Bett in meinen Schlafanzug gewurstelt hatte, tuckerte ich binnen Minuten ins Reich der Träume. Neben uns parkt nun ein Kollege, in dessen Anhänger sechs schwarze Rinder poltern. "Oh, Steaks", sagt Kent. Er hat wahrscheinlich schon oft gesehen, was mich gerade beeindruckt: Am Stadtrand unterhalb des Parkplatzes hat der Colorado River einen Canyon ins rote Gestein geschnitten, in dem die Morgensonne nun ein Schattenspiel aufführt. Seitlich davon krallt sich Lake Powell, der zweitgrößte künstliche See der USA, wie ein blauer Polyp in die hohlwangige Sandsteinlandschaft.

Wir sehen dieses vielarmige Ungeheuer noch eine Weile im Rückspiegel, als wir uns wieder auf den Weg durch die rostrote Dünenwüste Arizonas in Richtung Utah machen. Wenn es bergauf geht, keuchen wir etwas langsamer dahin, erspähen Tierspuren am Wegesrand. Bei Kanab, wo Utah beginnt, drosseln wir das Tempo auf acht Stundenkilometer. Auf einer Extraspur müssen wir über eine Waage rollen, eine Metallplatte im Boden. "Solche Waagen gibt es an allen Staatsgrenzen", sagt Kent. "Nur wer samt Fracht weniger als 36 Tonnen wiegt, darf weiter." Und wenn man schwerer ist? "Dann muss das Unternehmen noch einen Truck schicken, und es wird umgeladen." Kent lacht. Wir dürfen weiter. Er tritt aufs Gas. Doch mir scheint es, als kröchen wir noch immer dahin.

Abseits der Städte wirkt die weite Landschaft wieder wie ein Standbild, das nur gelegentlich ausgetauscht wird: Gestern wurde aus der gelblichen Wüste um Tucson irgendwann rotes Indianerland. Jetzt gleiten wir durch rosafarbene Tafelberge. Als wir gegen Mittag vom Highway 89 auf den Highway 20 wechseln, windet sich die Straße durch einen grünen Nadelwald ins Gebirge hinauf. Wer diese Standbild-Illusionen lange genug betrachtet hat, glaubt, die Vereinigten Staaten sähen aus der Luft aus wie ein bunter Ringelpulli.

Auf der Interstate 15 macht Kent schlapp. Er gähnt immer öfter, biegt auf einen Rastplatz ein, bei einem Ort namens Beaver, und legt sich eine Stunde hin. Ich ergreife sofort die Gelegenheit, seine Damentoilette NICHT zu benutzen. Ansonsten ist der Truckstop ein Männerreich. In dem einzigen Shop gibt es alles, was Kent und seine Kollegen unterwegs brauchen: Chicken Wings, Süßigkeiten, Antennen und Ersatzwischblätter. Außerdem: Herrenunterhosen im günstigen Dreierpack und CDs, auf deren Hüllen meist ein Cowboyhut prangt. In einem Gang stehen Waschmaschinen und Duschkabinen. Der Aufenthaltsraum gleicht einem Minirummelplatz. Zwei Flipper blinken in einer Ecke. Am Apparat daneben kann man mit Plastikgewehren Elche und Bären erlegen, an einem anderen kann man Britney-Spears-Sammelbildchen ziehen oder Aufkleber, die Scheibenrisse imitieren. Ich stelle mich auf eine Waage in Türkis, Rot und Gold, die nicht nur mein Gewicht anzeigt, sondern auch meine Lottoglückszahl und meinen Spruch des Tages: "Der frühe Vogel fängt den Wurm."

Als ich auf die Uhr sehe, ist eine Stunde vergangen. Diese Reise kommt mir immer mehr vor wie ein Film, der an ungewohnten Stellen sehr schnell oder sehr langsam läuft. Ein Film, für den man Geduld braucht; und an den ich mich langsam gewöhne wie an eine neue Zeitzone. Bald will ich nicht mehr aussteigen, wo Kent Gas gibt. Ich liefere mich dem neuen Rhythmus aus. Kent bringt mir die Grundregeln des Truckerlebens bei: Ich lerne, dass man in acht Tagen 70 Stunden arbeiten darf und an einem Tag 14 Stunden – davon aber nur elf am Steuer. Ich verstehe die Geheimcodes des Truckerfunks: Statt "Achtung, Polizei!" sagen wir "Achtung, Smokey!", weil viele Polizisten ähnliche Hüte tragen wie Smokey, die Figur aus einer Kampagne zur Vermeidung von Waldbränden. Ein schwarz-weißes Polizeiauto heißt "Pandabär".

Nach unserem Rastplatzstopp sagte Kent einmal: "Wow, jetzt haben wir 100 Kilometer lang geredet." Da begann ich, unsere Gespräche in Verkehrsbegriffen zu beschreiben. Ich nehme Diskussions-Umfahrungen, wenn er mir mal wieder sein Damenklo anpreist; registriere Konversationssperren, die erst allmählich passierbar werden – nicht sofort erzählt Kent mir von seiner Freundin in Tucson und seinen beiden erwachsenen Söhnen. Auf Rede-Autobahnen geraten wir, sobald Kent von seiner Pilotenvergangenheit schwärmt: "Wusstest du, dass Regenbögen in der Luft kreisrund sind?" Oder wenn er Trucker mit Wölfen vergleicht: "Erwachsene Wolfsrüden, die kein Alphamännchen sind, müssen ihr Rudel verlassen. Diese Tiere tun sich zusammen, wenn es nötig ist, können ansonsten aber prima alleine leben."

Als wir am dritten Tag frühmorgens die letzten Kilometer nach Salt Lake City zurücklegen, hüllt die Dämmerung das Grasland um uns noch in grauen Schlaf, am Straßenrand träumen Holzhäuschen. Die Wasatch Mountains in der Ferne, die Salt Lake City überragen, tragen Schneewipfel wie weiße Nachthauben. Kent erklärt, dass die Mormonen den Staat Utah gegründet haben, weil sie im Osten religiös verfolgt wurden. Als wir in Salt Lake City einfahren, deutet er auch auf die Türme ihres Tempels, die zwischen den Wolkenkratzern hervorschauen. Ich muss da nicht hin.