Mein Ziel befindet sich in einem Industriegebiet im Nordwesten. Eine Halle mit nummerierten Garagentoren, vor denen die Trucks nebeneinanderstehen wie Kühe an einer Melkmaschine. Mit offenen Trailertüren rollen auch wir rückwärts an ein Tor. Es rumpelt, Gabelstapler fahren in den Truck, laden die Waren aus.

In Ogden, am Ostufer des Salzsees, holen wir die Ladung für die Rückfahrt. Die Wiesen und Wege um die Filiale der North American Salt Company wirken wie ausgeblichen, zwischen den Gebäuden türmen sich hohe Salzhaufen. "Auf der dünner besiedelten Westseite des Great Salt Lake sind große Bassins", erklärt mir eine Angestellte. "In denen lassen wir Wasser aus dem See ein Jahr verdunsten, bis eine dickliche Flüssigkeit entsteht. Die leiten wir unterm See hindurch in kleinere Becken bei uns, und nach zwei weiteren Jahren ist das Salz hart, wird von Bulldozern zerbrochen und verfeinert." Auch Kent ist zufrieden. Wir haben 20 Paletten Lecksteine für Tiere bekommen. "Eine gute Fracht, schön niedrig, schlingert nicht."

Von jetzt an läuft der Film unserer Reise rückwärts. Das Land wechselt von Weiß nach Grün nach Rot. Wir fahren, fahren, fahren, und mein Brummibraut-Ego steigert sich zu Fernfahrer-Größenwahn: Ich bin nun der Ansicht, dass die Straße uns gehört – schließlich arbeiten und wohnen wir hier. Und warum sollte man nicht auf alle herabschauen, wenn man nun mal größer ist? Putzig, das lichte Haar auf dem Kopf des Angeberschlittenfahrers neben uns! Verdächtig, die Delle im Dach des Polizeiautos! "Das ist noch gar nichts", sagt Kent. "Ich habe schon Paare beim Blowjob während der Fahrt gesehen."

Das Land färbt sich langsam wieder gelblich. Bei Tucson, der Endstation unserer Reise, recken riesige Saguaro-Kakteen ihre Arme in die Höhe, als würden sie von einem Revolver bedroht. Als ich von Kents Beifahrersitz steige, fühle ich mich plötzlich winzig. Auch das Auto, mit dem Günther Zöchbauer mich am nächsten Tag zum Flughafen fährt, kommt mir lächerlich klein vor. Der Asphalt saust so nah unter uns hindurch, dass ich die Beine anziehen möchte. Vor allem aber werde ich den Eindruck nicht los, dass mir irgendjemand ständig auf den Kopf schaut.

INFORMATION

Truckrideamerica nimmt Touristen in normalen Arbeitstrucks mit. Die Touren beginnen in Tucson und dauern zwei, vier oder sechs Tage. Passagiere können Wünsche zur Route äußern, doch letztlich entscheidet die Spedition. Übernachtung im Truck, auf Wunsch im Motel. Gegessen und geduscht wird in Truckstops. Einige der Trucker sprechen Deutsch. Ein Tag kostet inklusive Übernachtung im Truck und Vollpension 260 Euro. Truckrideamerica, Werner J. Egli, Glärnischstrasse 8c, CH-8132 Egg bei Zürich, Tel./Fax: 0041-44/5770505, www.truckrideamerica.com