Der alte Kämpfer ist müde geworden. Wenn die Angriffe auf ihn nicht endlich aufhörten, werde er alle seine Auszeichnungen zurückgeben. Auch den Friedensnobelpreis. Er werde den Feierlichkeiten zum Runden Tisch in Polen fernbleiben. Er habe sich diesen Schritt gut überlegt, auch wenn er aus seiner Heimat nun doch nicht zu emigrieren plane, wie unter dem Eindruck der ersten Wut angekündigt. "Ich habe keine Kraft mehr zu kämpfen", sagt Lech Wałęsa. "Ich räume meinen Platz."

Verbittert hat ihn das Buch des 24-jährigen Historikers Paweł Zyzak. In seiner Magisterarbeit über Lech Wałęsa, die jetzt als Biografie unter dem Titel "Lech Wałęsa. Idee und Geschichte" erschienen ist, schreibt Zyzak, Wałęsa habe als Kind ins Taufbecken gepinkelt und sich geprügelt. Er habe als Agent für den Geheimdienst gearbeitet und außerdem seine Freundin mit einem unehelichen Kind sitzen lassen. Zyzaks Quellen: Zeitzeugen, deren Namen nicht preisgegeben werden. Innerhalb weniger Tage war die erste Auflage ausverkauft und Lech Wałęsa außer sich.

Zum zwanzigsten Mal jährt sich das Wunderjahr 1989, in dem Europa wieder zusammenfand. In die Euphorie über dieses Datum bricht die Wirtschaftskrise herein, streitet man sich in Brüssel darüber, ob das Neue Europa den Bach runtergeht und Konjunkturpakete verdient. Und jetzt noch der Fall Wałęsa. Man könnte seine Drohung als unkontrollierten Wutausbruch eines gealterten Helden abtun; aber ein leerer Stuhl auf den Festen zum Runden Tisch in Warschau würde dramatisch davon zeugen, wie sich der Zauber des historischen Wunders verflüchtigt hat, wie wenig von der Einigkeit, der Solidarität übrig ist, weil zerstrittene Eliten nicht müde werden, ihren Deutungskrieg um die Vergangenheit auszutragen.

Nirgendwo wird dieser Konflikt so heftig, so unermüdlich und so prominent ausgetragen wie in Polen. Und nichts symbolisiert die Zerrissenheit dieses Landes so gut wie die Gestalt des mittlerweile 65-jährigen Wałęsa und die Art des öffentlichen Umgangs mit ihm.

Nur zwei Polen, sagte ein amerikanischer Politiker 1989, kenne man in der ganzen Welt: Papst Johannes Paul II. und Lech Wałęsa, den eigensinnigen, sturen Elektriker aus dem kleinen Dorf Popowo, dem ein Priester in frühen Jahre sagte: "Entweder wird etwas Großes aus dir, oder du verkommst im Gefängnis." Lech Wałęsa landete im Gefängnis, für eine große Sache: Als Führer der Gewerkschaft Solidarność kämpfte er gegen das kommunistische Regime, bis es zusammenbrach.

Den Mut dazu gab ihm der Papst. "Fürchtet euch nicht, und verändert das Angesicht der Erde", sprach Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Polen. Lech Wałęsa erinnert sich an die Kraft dieser Worte. "Wir hatten wenig Kraft und wenig Willen. Nur zehn Leute wollten mit mir für die Freiheit von 40 Millionen Polen kämpfen." Danach folgten ihm Millionen. Jetzt kämpft er seinen letzten Kampf aus: Um Ehre, Stolz und Anerkennung in seinem Land geht es ihm.

Lech Wałęsa und Polen, das ist die komplizierte Liebe eines Patrioten zu seiner Heimat. Er hat die besten Jahre seines Lebens für Polen gegeben. Seine Frau saß mit den acht Kindern zu Hause. Der Vater fehlte, weil er kämpfen war. Wałęsa hat die Gewerkschaft Solidarność gegründet, die Unzufriedenen auf die Straße gelockt und die Parole "Keine Freiheit ohne Solidarność" mit den Arbeitern auf der Werft gebrüllt. Sie wählten ihn zum ersten demokratischen Präsidenten. Da erlebten sie, wie Wałęsa die erste polnische Regierung nach Kräften sabotierte und mit Dekreten herrschte, als sei er ein Zar.