Das Kaffeehaus ist Abdallah nicht ganz geheuer. Argwöhnisch mustert der 30Jährige die gepolsterten Sitzgarnituren, das gedämpfte Licht und die Kellner. Obwohl kein anderer Gast zu sehen ist, beginnt er zögernd zu flüstern: "Sie haben schon so viele umgebracht." Unruhig dreht er sich immer wieder zur Tür. "Unser Geheimdienst ist sehr stark", wispert er und zieht die buschigen Augenbrauen zusammen. Wie er tatsächlich heißt, will er verheimlicht wissen; sogar aus welchem Land er nach Wien gekommen ist, soll nicht bekannt werden. Zu groß ist die Angst, man könnte ihn aufspüren. "Dann verschleppen sie mich vielleicht zurück in meine Heimat", sagt er. Dorthin, wo man Leute wie ihn hinrichtet. Weil ihre Gefühle nicht geduldet werden.

Abdallah ist schwul. Sanft blickt er zu seinem Freund Mustafa hinüber, der gerade ein Stück Sachertorte verputzt. Vor zehn Jahren lernten sich die beiden in einer Großstadt im Nahen Osten kennen. Abdallah, der frischgebackene Schulabsolvent, der täglich ins Fitnesscenter ging, und Mustafa, der doppelt so alte Englischlehrer, der von der Straße aus die jungen Athleten beobachtete. "Ich habe gebetet, dass er nur einmal herübersieht", erzählt Mustafa und lächelt. Sein Wunsch ging in Erfüllung. Es funkte zwischen dem muskulösen Ringer und dem rundlichen, fast kahlköpfigen Lehrer. Zwei Jahre lang trafen sie sich bei Mustafa. Den Eltern erzählte Abdallah, dass er weiterhin trainieren würde, den Nachbarn erzählte Mustafa, dass der Jüngling nur einer seiner Englischschüler sei. Keiner schöpfte Verdacht. Trotzdem, die Angst war da. Immer wieder tauchten Meldungen über Hinrichtungen von Schwulen auf. "Jede Nacht hatte ich Albträume, dass wir die Nächsten sein könnten", sagt Mustafa und schiebt den Teller von sich weg. Seine Stimme verebbt. Jetzt blickt auch er nervös zur Tür.

Vor acht Jahren floh das Paar nach Österreich. Ihr Asylgrund: schwul. Wie viele Homosexuelle jedes Jahr in Österreich Zuflucht suchen, wird nicht erhoben. Der Menschenrechtsorganisation International Lesbian and Gay Association (ILGA) zufolge gibt es nur 15 Länder, die Homosexualität als Asylgrund anerkennen, darunter auch Österreich. Schwul zu sein ist dennoch kein Blanko-scheck für ein positives Asylverfahren. Schließlich wollen die Richter Beweise sehen. Beweise für etwas, das die Flüchtlinge jahrelang verheimlicht haben. Ein Geheimnis, für das sie in Iran gehängt, in Mosambik in Arbeitslager gesperrt, in Russland auf offener Straße verprügelt werden.

Sie wollten Namen von anderen "Schwuchteln", um diese zu erpressen

In Österreich angekommen, beginnt für die Verfolgten in den Flüchtlingslagern der nächste Spießrutenlauf. "Die anderen Flüchtlinge sind das Schlimmste", meint Abdallah. Nur ungern erinnert er sich an die ersten Monate nach der Flucht.

Die misstrauischen Blicke der Männer in den Schlafsälen und die Fragen, warum sie immer gemeinsam unterwegs seien. Zeit füreinander blieb höchstens in der Nacht, im Duschraum, während alle anderen schliefen. Doch auch in Österreich war das Paar nicht sicher. Eines Abends bekam Mustafa einen Anruf von einem Landsmann: "Ich bring dich um, du schwuler Muslim!" Seither ist die Angst auch in Wien sein ständiger Begleiter. Mehrfach vergewissert er sich auf der Straße, wer hinter ihm geht. Jeder ist verdächtig, vor allem Leute aus der eigenen Community.

"Man wird doch nicht glauben, dass diese Menschen in Österreich plötzlich das Selbstbewusstsein haben und sagen: Hach, ich bin homosexuell", sagt Johannes Wahala und schüttelt den Kopf. Der Psychotherapeut ist Leiter der Sexualberatungsstelle Courage. In den vergangenen fünf Jahren saßen knapp fünfzig homosexuelle Asylwerber in seiner Praxis in Wien-Mariahilf, meistens auf Anordnung des Bundesasylamts. Wahala hat einen heiklen Job: Er soll begutachten, wer tatsächlich schwul oder lesbisch ist und wer es nur behauptet, um sein Asylverfahren erfolgreich hinter sich zu bringen.

Angespannt sitzt der Mittvierziger mit den schmalen Lippen in seinem Altbaubüro. Ihm berichten afghanische Burschen, wie ihre Geliebten bei der Feldarbeit erschossen worden wären. Iranerinnen, wie sie nur knapp der Steinigung entkommen seien, als man von ihrem Doppelleben erfuhr. "Was ich hier erlebe, nimmt mir manchmal den Atem", erzählt er und vergräbt das Gesicht in seinen Händen. Mit Tabus kennt sich Wahala aus. Bis Ende der neunziger Jahre war der Sexualtherapeut Priester und Religionslehrer. Sein Engagement für die gleichgeschlechtliche Liebe war der Kirche ein Dorn im Auge. 1997 enthob ihn Kardinal Christoph Schönborn des Amtes. Seine Erfahrungen beschrieb Wahala in einer Autobiografie, in der er sich zu seiner Homosexualität bekannte.