Die Warnung bestätigte alle Vorurteile. "Sehr steil", so betonte die Einladung, sei der Weg hinauf zum Treffpunkt auf dem Basler Münsterplatz. Klar, Wikipedianer sind nicht gut zu Fuß, untrainiert und kurzatmig. Grottenmolche eben, die Tag und Nacht im bläulichen Licht ihres Bildschirms hocken. Und kriechen sie mal aus ihrer Höhle, scheuen sie jeden menschlichen Kontakt. Beim Anblick von Fotoapparaten, so geht die Sage, tauchen sie gleich wieder ab. Ihren Namen halten sie geheim. Selbst mit ihresgleichen verkehren sie nur unter Pseudonymen, die wie aus Fantasyspielen klingen: Taxiarchos228 beispielsweise, Black Dragon, Wuzur oder Flaminator.

Die Materialisation der scheuen Wesen fand im Hinterstübli der Basler Beiz Zum Isaak statt und verlief unkomplizierter als befürchtet. Die jungen Männer tranken Tee und Apfelsaft und wirkten weit zahmer als ihre üppigen Pseudonyme, die sie an einem Band um den Hals trugen. Auch erreichte der Lärmpegel bald Kompanieabendstärke. Ans Tippen ihrer Mitteilungen gewöhnt, hatten sie schon fast vergessen, wie rasch sich vieles im Gesprächs-Pingpong von Mensch zu Mensch erledigen ließ. Der Organisator des Treffs, Manuel Schneider, zeigte sich zufrieden. Stammtische dieser Art stärken das "Feeling für die Community" und wirken der Vereinsamung entgegen. Denn ein engagierter Wikipedianer gerät leicht ins soziale Abseits. Mittags geht er, statt in die Kantine, auf Vandalenjagd. Abends und am Wochenende liefert er sich heftige Blog-Gefechte mit Besserwissern, die es wagten, an seinen Texten herumzuflicken.

Sie stellen ihr Wissen gratis und zum Wohle der Menschheit zur Verfügung

Tatsächlich kann jeder Laie, auch unangemeldet, am Onlinelexikon Wikipedia mitarbeiten. Das Prinzip: Ein Lehrer mit dem Hobby Heimatforschung kennt sein Dorf besser als der Historiker, dem der Ort nur als temporäres Quartier der napoleonischen Truppen ein Begriff ist. Also stellt er sein Wissen gratis und zum Wohle der Menschheit im Internet zur Verfügung, wo es alle kostenlos herunterladen dürfen. Um die Idee rein von kommerziellen Absichten zu halten, verzichtet das Non-Profit-Unternehmen, anders als andere Internetplattformen, auf Werbeeinnahmen.

Schüchterne Naturen werden von der Homepage ausdrücklich zum Mittun ermuntert: "Schön, dass du dir Sorgen machst, aber bitte nicht zu viele. Wenn du dich hier länger rumtreibst, wird dir alles klarer." Klagt jemand: "Ich würde gerne etwas schreiben, aber mir fällt nichts ein", empfiehlt man ihm die Putzkolonne. Auch mit Rechtschreibkorrekturen in fremden Beiträgen kann sich ein Wiki nützlich machen.

Derart gehätschelt, wächst die Zahl der Autoren ständig. In der deutschsprachigen Wikipedia schreiben mittlerweile 750000 angemeldete Benutzer mit, deren Artikel inzwischen 314 Brockhaus-Bände füllen würden. Noch dicker ist nur die englischsprachige Wikipedia mit 2,8 Millionen Beiträgen. Erst am Anfang stehen die Ausgaben auf Teluga und Rätoromanisch.

Keine Fachredaktion kontrolliert das Heer der ameisenfleißigen Zuträger. Wie im Wilden Westen sorgt jeder selbst für Recht und Ordnung. Unablässig schreitet er seinen abgesteckten Claim ab und prüft ihn auf mögliche Eindringlinge. Dabei helfen ihm sogenannte Beobachtungsseiten mit Themen, die ihn persönlich interessieren: Süntelbuchen beispielsweise, Bienenzucht oder Lokomotiven. Die Zahl der Tag und Nacht auf der Lauer liegenden Kontrolleure ist so groß, dass meist keine Minute vergeht, bis unerwünschte Beiträge und Ergänzungen wieder gelöscht sind. Besondere Wachsamkeit erfordern die Schulpausen. Dann sind Scharen von minderjährigen Vandalen unterwegs, um in den Artikeln "Penis" und "Geschlechtsverkehr" zu freveln.