Wenn ich als kleiner Junge von der Schule nach Hause kam, ging alles blitzschnell. Den letzten Bissen vom Mittagessen noch im Mund, stürmte ich auf die Straße in Hamburg-Eppendorf. Wir spielten HSV gegen St. Pauli, die Spuren des Krieges an den Häusern ringsum störten uns dabei nicht. Ich war damals schon ziemlich treffsicher. Die Folge: Als Fensterscheiben-Schütze war ich in der Nachbarschaft gut bekannt. Wenn ich dann abends am Tisch in der Küche den Schaden beichten musste und dabei herumdruckste, mahnte "Vadder" Erwin stets: "Buttje, sag die Wahrheit." Dieser Satz hat mich mein Leben lang begleitet. Privat, beruflich, sportlich. 18 Jahre lang als Fußballprofi die Wahrheit zu pflegen – kein leichtes Unterfangen. Aber meinen Eltern sei noch heute Dank für den Rat.

Historische Momente aus 60 Jahren Bundesrepublik © Barbara Sax/​AFP/​Getty Images

Wie oft ich über die Wahrheit des 30.Juli 1966 befragt wurde, weiß ich nicht. Aber ich habe immer wahrheitsgetreu gesagt: "Der Ball war nicht drin." Weltmeisterschaftsfinale 1966 im Londoner Wembley-Stadion. 100000 Zuschauer in der Arena, 350 Millionen an den Fernsehbildschirmen weltweit. Zum ersten Mal wird ein Finale in Farbe übertragen. Nach 120 Minuten ist England Weltmeister, es steht 4:2 gegen Deutschland. Ein großes Drama hat sich vollendet.

Was ist passiert? Nach Toren von Helmut Haller auf der einen sowie Geoffrey Hurst und Martin Peters auf der anderen Seite hat Wolfgang "Bulle" Weber vom 1. FC Köln 90 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit den Ball ins englische Tor gegrätscht. Es steht jetzt 2:2. Verlängerung. Wiederanpfiff. In der 101. Spielminute geschieht es: Aus dem Lauf nimmt Hurst eine Flanke an und donnert den Ball gegen die Querlatte. Von dort spritzt er zu Boden, springt hoch und wird von Weber per Kopf über den Torbalken ins Aus befördert.

Gut erinnere ich mich an die Brutalität der nun folgenden Sekunden, auch an die Ohnmacht, die ich damals spürte. Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst pfeift zunächst einen Eckstoß. Ich bin Zeuge, denn ich stehe im Strafraum nur wenige Meter von ihm entfernt. Doch innerhalb von wenigen Augenblicken scheint er von seiner Entscheidung nichts mehr wissen zu wollen. Dienst läuft an die Seitenlinie zu seinem Assistenten Tofik Bachramow. Der schnauzbärtige, hochgewachsene Bachramow ist Physiklehrer von Beruf und stammt aus Baku in Aserbaijdschan. Die beiden reden einige Sekunden miteinander. Dann sehe ich ein kurzes Kopfnicken von Dienst und die Handbewegung in Richtung Spielfeldmitte. Nach dem Gespräch mit dem Linienrichter entscheidet der Schiedsrichter auf Tor! Damit steht es 3:2 für England.

Das 4:2, das dann noch fiel, war schietegal, wie wir Hamburger sagen. In der Kabine wurde geflucht. Einige schrien ihre Wut heraus. Andere hockten konsterniert auf der Bank. Bis Bundestrainer Helmut Schön den legendären Satz sagte: "Männer, denkt dran: Ein guter Zweiter ist besser als ein schlechter Erster."

Beim anschließenden Bankett straften wir Herrn Dienst und Herrn Bachramow mit Missachtung. Ich behaupte heute immer noch: Der Dienst war feige. Der Ball konnte, nach den Gesetzen der Physik, nicht hinter der Torlinie gewesen sein. Denn dann hätte ihn Wolfgang Weber nicht zur Ecke köpfen können. Er wäre oben unter dem Querbalken im Tor gelandet. Deshalb ist es mir unverständlich, wie Wissenschaftler der Universität Oxford herausgefunden haben wollen, dass das Tor regulär gewesen sei.

Diese Herren hätte ich gerne nach dem Bankett beim "Zug durch die Gemeinde" in London dabeigehabt. Da klopften uns wildfremde Engländer auf die Schultern und entschuldigten sich für die Fehlentscheidung. Es war ein schwacher, aber schöner Trost. Die Bemerkung unseres damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke, "der Ball war drin", kam uns dagegen wie ein verspäteter und misslungener Aprilscherz vor.