Er war der bekannteste Unbekannte des Kaiserreichs, die Graue Eminenz der deutschen Politik von den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bis zu seinem Tod im Mai 1909. Otto von Bismarck hatte ihn "entdeckt", und in gewissem Sinne ist Friedrich von Holstein wohl sein Schüler geblieben, sein Zauberlehrling. Vielen Menschen war er unheimlich, nicht zuletzt seinem Meister. Den "Mann mit den Hyänenaugen" nannte Bismarck ihn einmal, und die stets wohlinformierte Fürstin Marie Radziwill verglich ihn gar mit Joseph Fouché, dem berüchtigten Polizeiminister Napoleons: So wie Fouché arbeite er "im verborgenen und fischt geheimnisvoll in mehr oder minder trübem Wasser." Kaiser Wilhelm II. selbst soll ihn einen "Höllensohn" genannt haben.

Dass Friedrich von Holstein, der ewige "Vortragende Rat" im Auswärtigen Amt, nach Bismarcks Abschied die Fäden der Berliner Außenpolitik zog, war für viele Beobachter eine ausgemachte Sache. Wenn er sich frage, bemerkte etwa der Berliner Korrespondent der Frankfurter Zeitung, August Stein, wer seit 1890 in Deutschland und Preußen regiert habe, so komme er zu dem Schluss, dass dies Holstein gewesen sei. Und der langjährige bayerische Gesandte in Berlin, Hugo Graf von und zu Lerchenfeld, pflichtete ihm bei: "Holstein hat einen geradezu unheimlichen Einfluss ausgeübt, er hat drei Reichskanzler und drei Staatssekretäre beherrscht."

In mancher Erinnerung an das Kaiserreich erscheint er wie ein Schatten, ein böser Dämon, ein Mann ohne Biografie. Dabei ist nichts an Holsteins Lebensweg und Karriere bis dahin wirklich außerordentlich gewesen.

Zur Welt kommt er am 24. April 1837 in Schwedt an der Oder. Seine Mutter Karoline ist bei der Geburt 45 Jahre alt, Friedrich bleibt ihr einziges Kind. Der Vater, August von Holstein, lebt nach Jahren in der Armee als Privatier von den Erlösen seiner Güter. Privatlehrer erziehen den kleinen Friedrich, Spielkameraden hat er kaum. "Im Allgemeinen", bekennt Holstein später, "war meine Kindheit zu einsam, um fröhlich zu sein."

Im April 1848 begibt sich die Familie auf eine lange Reise durch Italien, Südfrankreich und die Schweiz. Zurückgekehrt, mietet man in Berlin, Unter den Linden, ein Haus. Als Externer legt Friedrich von Holstein 1853 am Köllnischen Realgymnasium sein Abitur ab; zu dieser Zeit beherrscht er das Französische, Englische und Italienische bereits perfekt.

Bismarck ist sehr angetan und gewährt dem jungen Mann Familienanschluss

Er studiert Jura, absolviert das erste und das zweite Examen – und versucht alles, um in den diplomatischen Dienst zu gelangen. Preußens Gesandter in St. Petersburg, Otto von Bismarck, wird auf ihn aufmerksam. Er sorgt dafür, dass Holstein an seine Botschaft kommt. Im Januar 1861 trifft der schlaksige junge Mann in der Newa-Stadt ein. Und er macht seine Sache gut. Bismarck ist sehr angetan und gewährt ihm Familienanschluss. Bereits im April 1862 schreibt der Gesandte an den Außenminister Albrecht Graf von Bernstorff: Holstein sei ein Mann, der "für den auswärtigen Dienst in hohem Grade brauchbar zu werden" verspreche.

Im September 1862 wird Bismarck zum Ministerpräsidenten von Preußen berufen. Ein Dreivierteljahr darauf, im Mai 1863, besteht Holstein das diplomatische Examen. Bismarck konnte ein sehr unangenehmer Vorgesetzter sein. Es fällt deshalb auf, wie viel Wohlwollen und Großzügigkeit er Holstein auch weiterhin entgegenbringt. Er schickt ihn immer wieder an Orte, wo er viel erleben, viel erfahren kann: im Sommer 1863 nach Rio de Janeiro, 1864, während des Deutsch-Dänischen Krieges, in das Hauptquartier des Generalfeldmarschalls Friedrich von Wrangel, danach nach London. 1865 genehmigt er dem jungen Diplomaten eine Reise in die USA. Dort bleibt Holstein fast zwei Jahre. Ihn fasziniert die Natur, er reist durch die Prärie und schießt Büffel; Amerikas Demokratie berührt den jungen Preußen kaum.

1867 ruft Bismarck ihn zurück, schickt ihn nach Württemberg, dann nach Kopenhagen. Doch so angenehm sich Holsteins Diplomatenleben unter Bismarcks Protektion gestaltet – die Aussicht, die besten Jahre in einer untergeordneten Position zu versauern, erschreckt ihn. Er lässt sich beurlauben und wechselt probeweise in die Wirtschaft. Es wird ein Desaster: Holstein verliert fast das gesamte Vermögen, das er nach dem Tode seiner Eltern geerbt hat.