Ran an die Patienten!

An seine erste Patientin erinnert sich Hendrik Rott noch gut. Eine alte Dame, die Schmerzen hatte beim Wasserlassen. Erst ließ er sie erzählen, dann fragte er nach: Wie lange schon? Wie oft? Trinken Sie viel oder wenig? Gerade einmal eine Woche studierte Hendrik damals an der Medizinischen Hochschule Hannover. In den Tagen zuvor hatte er in Vorlesungen und Kleingruppenunterricht alles über die Niere gelernt, ihre Lage im Körper, die Funktion, den Aufbau, die Erkrankungen. Dann durfte er sein Wissen anwenden. "Ich hatte von Anfang an vor Augen, wo meine Ausbildung hinführen sollte", sagt Hendrik Rott, heute im achten Semester.

Sein Kommilitone Marc Riemer befragte seinen ersten Patienten mehr als zwei Jahre später, im fünften Semester. Wenn er irgendwo seinen Studentenausweis vorzeigen musste, staunte er manchmal selbst, was er dort las: Medizin. "Da hätte genauso gut Chemie oder Physik stehen können. Von dem, was ich eigentlich studiere, habe ich in den ersten Semestern nicht viel mitbekommen", sagt Marc Riemer. Während er monatelang Kohlenstoffchemie und Hebelgesetze paukte, fragte er sich oft, wofür er das alles überhaupt brauchte.

Die Studenten sollen nicht nur Blut abnehmen, sondern auch wissen, warum

Marc Riemer und Hendrik Rott studieren beide Medizin an derselben Universität, aber ihre Ausbildung zum Arzt ist seit dem ersten Vorlesungstag grundverschieden. Die Weichen wurden schon bei der Einschreibung gestellt: Riemer hat sich im Regelstudiengang eingeschrieben, Rott im sogenannten Modellstudiengang. Dem diesjährigen Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) zufolge sollte man sich für den Weg entscheiden, den Hendrik Rott gewählt hat – Modellstudiengänge wie derjenige von der Medizinischen Hochschule Hannover werden von Studenten in Bezug auf Betreuung und Verzahnung der Studieninhalte in der Regel weit positiver beurteilt als die konventionellen Studiengänge (siehe Ranking kompakt).

Sieben Universitäten haben in Deutschland bisher einen solchen Modellstudiengang aufgelegt, rund 1200 Studenten nahmen sie alle zusammen zum Wintersemester 2008 auf, zahlreiche weitere Hochschulen treiben die Entwicklung eigener Modellstudiengänge zügig voran. Es wirkt gerade so, als sei eine optimale Medizinerausbildung anders nicht mehr möglich, als reichten die zentralen Vorgaben nicht aus. Dabei müsste seit dem Jahr 2002 eigentlich alles anders sein. Mit mächtigem Trommelwirbel hatte man damals eine neue Approbationsordnung eingeführt, die vom ersten Semester an sicherstellen sollte, dass sich der Medizinstudent von Anfang an auch als Medizinstudent fühlt: Theorie und Praxis sollten endlich stärker verzahnt, die seit Langem beklagte Fachfremde in den ersten Studienjahren behoben werden. Herausgekommen jedoch ist nur Stückwerk: Marc muss immer noch fünf Semester warten, bis er seinen ersten Patienten sieht. Was als Reform antrat, ist acht Jahre später als Reförmchen im Sande verlaufen.

Nach wie vor häufen Medizinstudenten Berge von Wissen an, lernen aber nur unzureichend, dieses auch anzuwenden. In den ersten Berufsjahren sind viele junge Ärzte dann überfordert. "Sie können zwar den Namen jedes einzelnen Muskels im Unterarm aufzählen, aber wenn sie einem Patienten verständlich eine Diagnose erklären müssen, sind sie ratlos", klagt Eckhart Hahn, Vorsitzender der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA). "Auch nach der Einführung der neuen Approbationsordnung kommen solche Dinge an den meisten Universitäten bisher viel zu kurz."

Die Devise lautet: Neue, andere Ärzte braucht das Land. Künftige Studenten sollen vom ersten Semester an Erfahrung im Umgang mit Patienten und Krankheiten sammeln, sodass sie sich am Ende der Ausbildung sicherer fühlen. Und anders in den Beruf einsteigen können als bisher – besser vorbereitet auf die täglichen Herausforderungen in der Klinik. Darin sind sich alle einige, von den Studenten über die Ärzte bis hin zu den Politikern.

Ran an die Patienten!

Aber wie? Hier gehen die Meinungen auseinander – entsprechend unübersichtlich sind die derzeitigen Angebote der Arztausbildung. Nicht nur in Hannover, auch etwa in Bochum, Heidelberg und Berlin bietet dieselbe Universität jeweils zwei verschiedene Wege parallel an, die am Ende zum Arztberuf führen. Die Grenze verläuft quer durch die Semester. So experimentieren die Universitäten munter und meist erfolgreich, aber untereinander unkoordiniert vor sich hin.

Im Modellstudiengang der Berliner Charité etwa setzt man Schauspieler ein, die Patienten spielen; an der medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg dagegen auf problemorientiertes und interdisziplinäres Lernen. "Die klassischen Fachgrenzen bei uns werden durchbrochen, der Unterricht orientiert sich an Organen und Krankheitsbildern", erklärt Jutta Becher vom Studiendekanat der Mannheimer Fakultät und verweist obendrein noch auf die überwiegend positiven Studierendenurteile der eigenen Evaluationen.

Während die Universitäten ihre Reformpläne umsetzen, plant man vonseiten der Kultusminister bereits den nächsten Umbruch: die Ausweitung des sogenannten Bologna-Prozesses. Nachdem fast alle anderen Studienfächer die europäische Hochschulreform durchlaufen haben, will man sich nun auch an die Bollwerke der alten Ära wagen, Jura etwa – und Medizin. Das Ziel: Auch das Medizinstudium soll in eine Bachelor- und eine Masterphase unterteilt werden.

Die Diskussionen sind bereits in vollem Gange. Die Kultusministerkonferenz will die Reform schon seit Längerem auf die Staatsexamens-Studiengänge ausweiten: um international wettbewerbsfähig zu bleiben, heißt es von den Politikern. Die Bundesärztekammer dagegen ist verschreckt von herumgeisternden Ideen, alle Pflege- und Heilstudiengänge im Bachelor zusammenzulegen. Das Qualitätsstudium der Medizin würde auf diese Weise völlig aufgeweicht, warnen die Ärzte.

Trotzdem wird der Bachelor wohl auch vor der Medizin nicht haltmachen. "Ich gehe davon aus, dass im kommenden Jahr die ersten Studenten anfangen werden, Medizin auf Bachelor und Master zu studieren", sagt Hahn von der GMA. Die Universität Hamburg sitzt schon in den Startlöchern und möchte sich als Vorreiter etablieren. Beim aktuellen Ranking dagegen ist sie vielfach noch Schlusslicht, was ihren Mut für den Neuanfang erklären mag. Ein konkretes Konzept für einen Bachelor- und Masterstudiengang Medizin haben die Hamburger bereits vorgelegt, das Land muss nur noch zustimmen. Wenn es so weit ist, will man die Ausbildung gleich mit verbessern. Als Vorbild könnten die Modellstudiengänge dienen.

Sie sind vor allem deshalb so erfolgreich, weil sie früher und stärker auf Kontakt mit den Patienten bauen – ohne dabei das theoretische Wissen zu vernachlässigen. Denn die Studenten sollen am Ende der Ausbildung nicht nur Blut entnehmen können, sondern auch wissen, warum sie das tun. Auch in Hannover lernte Hendrik Rott wie sein Kommilitone Marc Riemer Fotosynthese und Hebelgesetze. Daran führte kein Weg vorbei: Ob Modellstudiengang oder nicht, am Ende müssen alle Studenten ihr Wissen in der letzten Prüfung des Studiums, dem zweiten Staatsexamen, unter Beweis stellen.

Ran an die Patienten!

Die Menge von dem, was sie sich bis dahin aneignen, ist enorm: Anatomie, Physiologie, Biologie, medizinische Psychologie, Augenheilkunde, Chirurgie, innere Medizin, Kinderheilkunde, die Liste scheint endlos. Und die Ausbildung ist teuer. Zwischen 160.000 und 240.000 Euro lässt sich der Staat einen Studienplatz offiziell kosten – obwohl die Vorgaben in der Praxis nicht immer ganz umgesetzt werden. Kürzlich erst klagte der Fakultätentag, dass die Grundmittel pro Studierenden seit 2003 erneut um zwölf Prozent gefallen seien.

In Frankfurt etwa bekommt man weniger Geld pro Studenten als beispielsweise in Baden-Württemberg. In der Medizinischen Fakultät der Bankenstadt führte man im Jahr 2002 eine Reform durch. Mehr Praxisbezug – von der Krankenschwester über den Techniker bis zum Chefarzt wurden alle in den Entwicklungsprozess eingebunden. "Wir sind heute besser bei den Physikumsergebnissen und erhalten bessere Evaluationen", sagt der Frankfurter Studiendekan Frank Nürnberger, und seine Stimmung trägt ein wenig von der Aufbruchstimmung in sich, die jetzt überall herrscht. Bisher aber hat sich die Reformmühe noch nicht ausgezahlt: Im aktuellen CHE-Ranking liegt Frankfurt im Urteil der Studierenden in allen Bereichen in der Schlussgruppe, nur in zwei Kriterien, darunter der Praxisbezug, schafft es Frankfurt immerhin ins Mittelfeld. Bei der Studiensituation insgesamt aber ist Frankfurt nun in der Schlussgruppe anzutreffen, gemeinsam mit Universitäten wie Duisburg-Essen, Erlangen-Nürnberg oder Marburg.

Auf einen Studienplatz kommen heutzutage 4,2 Bewerber

In Lübeck hingegen gehört man auch ohne Modellstudiengang seit Langem zum Spitzenfeld. Immer wieder schafft es die kleine Hansestadt in den Vergleichen ganz nach oben, so auch in diesem Jahr beim CHE-Ranking erreicht sie überwiegend Plätze in der Spitzengruppe. Wie kommt das? Möglicherweise liegt es an der kleinen Fakultät mit nur 190 Studenten pro Jahr, die ein angenehmes Verhältnis zwischen Studenten und Lehrenden ermöglicht. Oder an den regelmäßigen Mentorentreffen, die die Semester miteinander vernetzen? Auch die gründliche Evaluation könnte eine Rolle spielen, sagt der Studiendekan Jürgen Westermann. So richtig erklären kann es keiner. Vielleicht von allem ein bisschen, zusammengehalten durch eine besondere Philosophie. "Unsere Studenten müssen nicht unbedingt die besten Noten im Physikum machen", sagt Westermann. "Das Wichtigste ist für uns, dass sie exzellente Ärzte werden." Und dann macht man an der Universität noch regelmäßig davon Gebrauch, sich in Einzelgesprächen einen Großteil seiner Studenten selbst auszusuchen.

Denn die Ausbildung zum Arzt ist nicht nur eine der teuersten, sondern auch eine der beliebtesten. Bis ein Bewerber einen der rund 8500 Studienplätze ergattert, muss er durch ein Nadelöhr: die Studienplatzvergabe. Sie soll die Ansprüche auf soziale Gerechtigkeit, Leistung und individuelle Eignung gleichzeitig berücksichtigen, woraus ein komplexes Zulassungsverfahren entstanden ist. Es bietet viele Möglichkeiten, aber am Ende kommt es in den meisten Fällen dann doch auf die Abiturnote an. "Mit einer Note von 1,1 kann der Bewerber sich die Universität meist aussuchen, mit einer Note von 1,7 sind die Chancen selbst an selten nachgefragten Hochschulen sehr schlecht", fasst Hans-Peter Kaluza von der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) zusammen. Und wer sich entschließt zu warten, sollte Geduld mitbringen: Die durchschnittliche Wartezeit beträgt fünf Jahre.

Doch das alles scheint nicht abzuschrecken: Kamen 2003 noch 2,8 Bewerber auf einen Studienplatz, sind es heute 4,2. Medizin boomt. Und das liegt nicht zuletzt an den Arbeitsmarktaussichten. Die sind ohnehin meist nicht schlecht, Kranke gibt es immer, aber in schwierigen Zeiten wie diesen erscheinen sie noch glänzender. Schlägt man das Deutsche Ärzteblatt auf, die Postille der Mediziner, findet man allein dort wöchentlich mehr als 150 Stellenanzeigen. Selbst wer nur mäßige Noten hat oder zu den schätzungsweise 30 Prozent der Absolventen gehört, die nicht promovieren, gelangt in der Regel zügig an einen Arbeitsplatz.

Das wird sich wohl auch in Zukunft nicht ändern. Gerade erst gab die Bundesärztekammer die Ergebnisse einer Untersuchung bekannt: 2008 arbeiteten knapp 320.000 Ärzte in Deutschland, ein Zuwachs von 1,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr, aber wegen der Veränderungen in der Medizin seien immer noch Stellen offen. Der Bedarf an Ärzten steigt weiter. Nur Schonfrist, die wird der frische Arzt kaum noch haben. Wegen Unterbesetzung und Sparmaßnahmen ist man heute vom ersten Tag an voll gefordert – und überfordert.

Ran an die Patienten!

Umso dringender ist es nötig, die Ausbildung zu reformieren. Denn durch die neue Approbationsordnung von 2002 änderte sich in der sogenannten Vorklinik, den ersten vier Semestern des Studiums, kaum etwas. Im Bereich der klinischen Ausbildung, die im fünften Semester beginnt, wurde zwar immerhin einiges erneuert: Unter anderem hat man zwölf zusätzliche Kurse verpflichtend integriert, sogenannte Querschnittsfächer, um die strikte Trennung zwischen den einzelnen Disziplinen aufzuweichen. Dazu gab es ein Paket an Optionen, die eine klinischere und interdisziplinärere Ausbildung stärken sollten. Doch von den Studenten wurde die neue Approbationsordnung zunächst misstrauisch beäugt. Dem Hammerexamen, wie die Zusammenlegung aller großen klinischen Prüfungen in eine einzige am Ende des Studiums in Studentenkreisen genannt wird, standen sie lange ablehnend gegenüber.

Hahn von der GMA sieht trotzdem die richtigen Ansätze: "Mit der neuen Approbationsordnung wurden zusätzliche Möglichkeiten geschaffen, das Studium vor Ort praktischer zu gestalten." In der Realität aber machen nur wenige Universitäten davon in vollem Umfang Gebrauch. Die einen versuchen, sich so wenig wie möglich umzustellen, den anderen reichen die Schritte nicht aus, und sie legen lieber direkt einen – meist erfolgreichen – Modellstudiengang auf. Solange dieser jedoch nicht vereinheitlicht und flächendeckend eingeführt wird, droht die Ausbildung zu einem Flickenteppich zu werden. Jeder Reformstudiengang steht wegen seines jeweils eigenen Systems auch für sich allein, niemand kann später von außen hier einsteigen. Würde jede Universität ihren eigenen Weg einführen, könnte man innerhalb Deutschlands während des Studiums nicht mehr die Universität wechseln. In den letzten beiden Semestern des Medizinstudiums, dem Praktischen Jahr, kurz PJ, ist das bereits heute so. Patrick Weinmann, Medizinstudent in Hamburg, wollte zum PJ nach Hannover wechseln – unmöglich. "Ich kann mein PJ auf Hawaii machen, aber nicht in Hannover. Es ist absurd", sagt Weinmann.

Eines der Probleme, die mit der Europäischen Hochschulreform behoben werden könnten, denn die Vorgaben des Bologna-Prozesses weisen den umgekehrten Weg: mehr Möglichkeiten, den Studienort zu wechseln, mehr Vergleichbarkeit, ein höherer Anteil ausländischer Studenten. Mithilfe der Bachelor- und Masterstudiengänge hat man das in den meisten Studienfächern schon erreicht.

Ob ein Bachelor und Master für Medizin gut ist oder nicht, kann Marc Riemer von der Medizinischen Hochschule Hannover nicht beurteilen. Den Modellstudiengang, in dem sein Kommilitone Hendrik Rott eingeschrieben ist, hält er aber auf jeden Fall für einen Schritt in die richtige Richtung.

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