Die Menge von dem, was sie sich bis dahin aneignen, ist enorm: Anatomie, Physiologie, Biologie, medizinische Psychologie, Augenheilkunde, Chirurgie, innere Medizin, Kinderheilkunde, die Liste scheint endlos. Und die Ausbildung ist teuer. Zwischen 160.000 und 240.000 Euro lässt sich der Staat einen Studienplatz offiziell kosten – obwohl die Vorgaben in der Praxis nicht immer ganz umgesetzt werden. Kürzlich erst klagte der Fakultätentag, dass die Grundmittel pro Studierenden seit 2003 erneut um zwölf Prozent gefallen seien.

In Frankfurt etwa bekommt man weniger Geld pro Studenten als beispielsweise in Baden-Württemberg. In der Medizinischen Fakultät der Bankenstadt führte man im Jahr 2002 eine Reform durch. Mehr Praxisbezug – von der Krankenschwester über den Techniker bis zum Chefarzt wurden alle in den Entwicklungsprozess eingebunden. "Wir sind heute besser bei den Physikumsergebnissen und erhalten bessere Evaluationen", sagt der Frankfurter Studiendekan Frank Nürnberger, und seine Stimmung trägt ein wenig von der Aufbruchstimmung in sich, die jetzt überall herrscht. Bisher aber hat sich die Reformmühe noch nicht ausgezahlt: Im aktuellen CHE-Ranking liegt Frankfurt im Urteil der Studierenden in allen Bereichen in der Schlussgruppe, nur in zwei Kriterien, darunter der Praxisbezug, schafft es Frankfurt immerhin ins Mittelfeld. Bei der Studiensituation insgesamt aber ist Frankfurt nun in der Schlussgruppe anzutreffen, gemeinsam mit Universitäten wie Duisburg-Essen, Erlangen-Nürnberg oder Marburg.

Auf einen Studienplatz kommen heutzutage 4,2 Bewerber

In Lübeck hingegen gehört man auch ohne Modellstudiengang seit Langem zum Spitzenfeld. Immer wieder schafft es die kleine Hansestadt in den Vergleichen ganz nach oben, so auch in diesem Jahr beim CHE-Ranking erreicht sie überwiegend Plätze in der Spitzengruppe. Wie kommt das? Möglicherweise liegt es an der kleinen Fakultät mit nur 190 Studenten pro Jahr, die ein angenehmes Verhältnis zwischen Studenten und Lehrenden ermöglicht. Oder an den regelmäßigen Mentorentreffen, die die Semester miteinander vernetzen? Auch die gründliche Evaluation könnte eine Rolle spielen, sagt der Studiendekan Jürgen Westermann. So richtig erklären kann es keiner. Vielleicht von allem ein bisschen, zusammengehalten durch eine besondere Philosophie. "Unsere Studenten müssen nicht unbedingt die besten Noten im Physikum machen", sagt Westermann. "Das Wichtigste ist für uns, dass sie exzellente Ärzte werden." Und dann macht man an der Universität noch regelmäßig davon Gebrauch, sich in Einzelgesprächen einen Großteil seiner Studenten selbst auszusuchen.

Denn die Ausbildung zum Arzt ist nicht nur eine der teuersten, sondern auch eine der beliebtesten. Bis ein Bewerber einen der rund 8500 Studienplätze ergattert, muss er durch ein Nadelöhr: die Studienplatzvergabe. Sie soll die Ansprüche auf soziale Gerechtigkeit, Leistung und individuelle Eignung gleichzeitig berücksichtigen, woraus ein komplexes Zulassungsverfahren entstanden ist. Es bietet viele Möglichkeiten, aber am Ende kommt es in den meisten Fällen dann doch auf die Abiturnote an. "Mit einer Note von 1,1 kann der Bewerber sich die Universität meist aussuchen, mit einer Note von 1,7 sind die Chancen selbst an selten nachgefragten Hochschulen sehr schlecht", fasst Hans-Peter Kaluza von der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) zusammen. Und wer sich entschließt zu warten, sollte Geduld mitbringen: Die durchschnittliche Wartezeit beträgt fünf Jahre.

Doch das alles scheint nicht abzuschrecken: Kamen 2003 noch 2,8 Bewerber auf einen Studienplatz, sind es heute 4,2. Medizin boomt. Und das liegt nicht zuletzt an den Arbeitsmarktaussichten. Die sind ohnehin meist nicht schlecht, Kranke gibt es immer, aber in schwierigen Zeiten wie diesen erscheinen sie noch glänzender. Schlägt man das Deutsche Ärzteblatt auf, die Postille der Mediziner, findet man allein dort wöchentlich mehr als 150 Stellenanzeigen. Selbst wer nur mäßige Noten hat oder zu den schätzungsweise 30 Prozent der Absolventen gehört, die nicht promovieren, gelangt in der Regel zügig an einen Arbeitsplatz.

Das wird sich wohl auch in Zukunft nicht ändern. Gerade erst gab die Bundesärztekammer die Ergebnisse einer Untersuchung bekannt: 2008 arbeiteten knapp 320.000 Ärzte in Deutschland, ein Zuwachs von 1,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr, aber wegen der Veränderungen in der Medizin seien immer noch Stellen offen. Der Bedarf an Ärzten steigt weiter. Nur Schonfrist, die wird der frische Arzt kaum noch haben. Wegen Unterbesetzung und Sparmaßnahmen ist man heute vom ersten Tag an voll gefordert – und überfordert.