Umso dringender ist es nötig, die Ausbildung zu reformieren. Denn durch die neue Approbationsordnung von 2002 änderte sich in der sogenannten Vorklinik, den ersten vier Semestern des Studiums, kaum etwas. Im Bereich der klinischen Ausbildung, die im fünften Semester beginnt, wurde zwar immerhin einiges erneuert: Unter anderem hat man zwölf zusätzliche Kurse verpflichtend integriert, sogenannte Querschnittsfächer, um die strikte Trennung zwischen den einzelnen Disziplinen aufzuweichen. Dazu gab es ein Paket an Optionen, die eine klinischere und interdisziplinärere Ausbildung stärken sollten. Doch von den Studenten wurde die neue Approbationsordnung zunächst misstrauisch beäugt. Dem Hammerexamen, wie die Zusammenlegung aller großen klinischen Prüfungen in eine einzige am Ende des Studiums in Studentenkreisen genannt wird, standen sie lange ablehnend gegenüber.

Hahn von der GMA sieht trotzdem die richtigen Ansätze: "Mit der neuen Approbationsordnung wurden zusätzliche Möglichkeiten geschaffen, das Studium vor Ort praktischer zu gestalten." In der Realität aber machen nur wenige Universitäten davon in vollem Umfang Gebrauch. Die einen versuchen, sich so wenig wie möglich umzustellen, den anderen reichen die Schritte nicht aus, und sie legen lieber direkt einen – meist erfolgreichen – Modellstudiengang auf. Solange dieser jedoch nicht vereinheitlicht und flächendeckend eingeführt wird, droht die Ausbildung zu einem Flickenteppich zu werden. Jeder Reformstudiengang steht wegen seines jeweils eigenen Systems auch für sich allein, niemand kann später von außen hier einsteigen. Würde jede Universität ihren eigenen Weg einführen, könnte man innerhalb Deutschlands während des Studiums nicht mehr die Universität wechseln. In den letzten beiden Semestern des Medizinstudiums, dem Praktischen Jahr, kurz PJ, ist das bereits heute so. Patrick Weinmann, Medizinstudent in Hamburg, wollte zum PJ nach Hannover wechseln – unmöglich. "Ich kann mein PJ auf Hawaii machen, aber nicht in Hannover. Es ist absurd", sagt Weinmann.

Eines der Probleme, die mit der Europäischen Hochschulreform behoben werden könnten, denn die Vorgaben des Bologna-Prozesses weisen den umgekehrten Weg: mehr Möglichkeiten, den Studienort zu wechseln, mehr Vergleichbarkeit, ein höherer Anteil ausländischer Studenten. Mithilfe der Bachelor- und Masterstudiengänge hat man das in den meisten Studienfächern schon erreicht.

Ob ein Bachelor und Master für Medizin gut ist oder nicht, kann Marc Riemer von der Medizinischen Hochschule Hannover nicht beurteilen. Den Modellstudiengang, in dem sein Kommilitone Hendrik Rott eingeschrieben ist, hält er aber auf jeden Fall für einen Schritt in die richtige Richtung.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio