Es sieht wie ein Spiel aus. Die Lehrerin holt immer neue Früchte aus dem zugedeckten Korb. »Öpfel!«, hatten zu Beginn der Stunde alle sechs Kinder gerufen, als ein Apfel zum Vorschein kam. Aber die richtige Antwort lautet: »Dies ist ein Apfel« – und das Spiel ist eigentlich Unterricht und heißt Deutsch im Kindergarten.

Was am Zürcher Zurlinden-Schulhaus schon seit einigen Jahren als Zweitsprachenunterricht für ausländische Kinder angeboten wird, soll nun in fast allen Kantonen neben dem Dialekt zur Umgangs- und Unterrichtssprache im Kindergarten werden: das Hochdeutsche. Die Kinder dürfen aber immer noch von Büsis und Finken und Znüni sprechen, und die schweizerdeutschen Lieder und Verse werden weiterhin gepflegt. Der Lehrplan hält fest: Wechselt die Lehrperson die Unterrichtssprache, deklariert sie dies, spricht dann die Hochsprache und »ermutigt« die Kinder auch dazu.

Das aber finden bei Weitem nicht alle richtig. Im Streit um Deutsch an den Kindergärten geht es um Schulerfolg, um kulturelle Identität und Integration.

Seit dem Schock von 2000, als Schweizer Schüler laut Pisa-Studie beim Leseverständnis schlecht abgeschnitten haben, ist ein »Aktionsplan« in Kraft. Frühes Hochdeutsch soll helfen. Heute gelten von Kanton zu Kanton jedoch unterschiedliche Regelungen zum Sprachgebrauch in den Kindergärten, sie reichen von »grundsätzlich Mundart« über »teilweise Hochdeutsch« zu »grundsätzlich Hochdeutsch«.

In Zürich ist mit Beginn des Schuljahres 08/09, Hochdeutsch Pflicht – mindestens ein Drittel und höchstens zwei Drittel der Zeit soll die Lehrperson Standardsprache sprechen. Solche Vorschriften riefen die Mundart-Befürworter auf den Plan, die Zürcher Volksinitiative »Ja zur Mundart im Kindergarten« ist nun eingereicht. Sie verlangt, dass an den Kindergärten wieder Mundart als dominierende Unterrichtssprache gepflegt wird.

Ähnlich hin und her ging es in Basel-Stadt. Hier will die IG Dialekt der Mundart den Platz als Grundsprache im Kindergarten sichern. Unterschriften sind auch hier mehr als genug gesammelt, die Volksinitiative wurde kürzlich eingereicht. Zuvor hatte der Erziehungsrat festgelegt, dass die Lehrpersonen im Kindergarten mindestens zur Hälfte der Zeit Hochdeutsch sprechen sollen. Das, nachdem Ende 2008 bei einer Begleitstudie zum zweijährigen Versuch an über 30 Kindergärten in Basel-Stadt 80 Prozent der Eltern und Kindergärtnerinnen die Einführung von Hochdeutsch am Kindergarten positiv beurteilt hatten.

Handelt es sich, polemisch gesprochen, bei der Idee, im Kindergarten Hochdeutsch zu sprechen, um überzogene Frühförderung von ambitionierten Pädagogen? Was spricht eigentlich dagegen, eine Sprache dann zu lernen, wenn es am leichtesten geht?