In den Reden der Politiker sind die Opokus "Menschen mit Migrationshintergrund". Sechs von 15 Millionen. Sie machen fast 20 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen aus und bekommen ein Drittel aller Kinder. Eine Minderheit kann man sie nicht mehr nennen, zur Mitte der Gesellschaft gehören sie trotzdem nicht: Sie sind fast doppelt so oft arbeitslos wie Deutsche, ihre Kinder verlassen die Schulen häufig ohne Abschluss. Und hinter den Debatten um Drogendealer und Ehrenmorde sind ihre Lebensgeschichten oft vergessen worden.

Es war 1982, im Sommer, als sich Samuel Opoku im Hamburger Hafen von einem Kakaofrachter stahl, weil er teilhaben wollte an dem Reichtum, den er so oft aus Afrika in alle Welt gefahren hatte. Und weil das Wort "Deutschland" für ihn nach Wohlstand klang, ging er hier von Bord. Er lief in die Stadt mit nichts als einem Hemd, einer Hose und seiner Zuversicht: Samuel Opoku, frommer Sohn eines Goldschmieds, Bruder von neun Geschwistern, plante einen Sturmlauf in den reichen Norden – und nach wenigen Jahren eine triumphale Rückkehr, mit Geld für einen Supermarkt zu Hause in Berekum.

Es ist nicht so gekommen. Bis heute gehört Samuel Opoku zum unsichtbaren Servicepersonal der Stadt, gemeinsam mit Tatjana aus der Ukraine, Folly aus Togo und Dionisia aus Venezuela putzt er die Oper, fegt den Orchestergraben, wischt den Ballettsaal, saugt die Samtsessel im Zuschauerraum. Wenn er sich allein wähnt in den Fluren, befeuert er sich mit Kirchenliedern: "On the mountain, in the valley, on the land and in the seas – hallelujah, the lord is mine." Samuel Opoku singt mit vollem Bariton, er gießt Wasser aufs Linoleum und verteilt es mit dem Mopp, in engen Kreisen, nah am Körper, immer aufrecht, damit abends der Rücken nicht schmerzt. Sein Putzen sieht aus, als tanze er auf einem Spiegel. Seine Arme, stark und sehnig, künden noch von seiner Jugend. Seine Hände sind rissig von Wasser und Seife, Müdigkeit hat seine Augen verschattet. Er ist jetzt 61 Jahre alt.

Sieht er im Spiegelbild den, zu dem er werden wollte?

Samuel Opoku hat lange über seine Antwort nachgedacht. Er hat mit seiner Frau und seinen Söhne beratschlagt, ob die Öffentlichkeit ihre Geschichte hören soll. Er hat die Anteile von Stolz und Scham in seinem Leben abgewogen. Und er hat dann zugestimmt, vielleicht auch aus der Überraschung, dass sich nach 27 Jahren jemand für ihn interessiert. Doch in seiner warmen Stimme, die zwischen Deutsch und Englisch mäandert, schwingt kein Groll mit, sondern die Ergebenheit eines Mannes, der sich damit abgefunden hat, dass aus seinem Sturmlauf ein Alltag voller Trippelschritte wurde.

Samuel Opoku kann sich heute noch wundern über das Land, dem er damals seine Zukunft anvertraut hat: Hier laufen Menschen und Hunde, mit Leinen verbunden, durch die Straßen. Hier geben Kinder ihre eigenen Eltern in sogenannte Altersheime; das erzählten ihm sehr bald andere Ghanaer, die dort Teller sauber kratzten und Matratzen wendeten. Hier rennen die Menschen zu den Haltestellen – und ärgern sich dann, dass der Bus noch nicht da ist. Samuel Opoku kommt immer wieder ein Sprichwort aus seiner Heimat in den Sinn: "Ihr Europäer habt die Uhren, wir Afrikaner haben die Zeit."

Und er staunt noch heute über die Stille überall, auf den Straßen, in den Läden, in den Zügen. Darüber, dass die Deutschen seinen Blicken ausweichen. Und nicht nur seinen, "sie haben ja sogar Angst, miteinander zu reden". Ihre Kneipen haben Vorhänge aus Leder. Ihre Gärten sind den Straßen abgewandt. Nach acht Uhr sind ihre Städte leer, dann flackert hinter den Gardinen das kalte Licht der Fernseher. Und als Samuel Opoku seine Söhne zum Aschenplatz des Horner TV brachte, weil Deutschsein doch vor allem Fußballspielen heißt, waren da fast nur Türken, Russen und Kroaten.

Er war in ein sprachloses Land geraten, wie sollte er da reden lernen? Außerdem musste er doch arbeiten. Und auch bei seiner Arbeit sind ja keine Deutschen, sondern nur Tatjana, Folly und Dionisia.

So sieht es Samuel Opoku, der die Deutschen bis heute eigentlich nur über den Müll kennt, den sie fallen lassen und den er wieder aufhebt, bei Schuhe Görtz und Brille Fielmann, in den Büros der Volksfürsorge und in der Oper. Er kennt ihre Brillen, die sie auf den Schreibtischen vergessen, ihre Mäntel, die sie in Garderoben hängen lassen, und ihre Liebe zu Laugenbrezeln, die ihn verzweifeln lässt: all die Körner und Krümel, die er Nacht für Nacht aus den Teppichen der Oper kratzt.

Doch Samuel Opoku hat vor Jahren schon begriffen, dass es für die Familie eines Einwanderers nur einen Weg gibt, um wirklich nach Deutschland zu gelangen, in die Logenplätze der Theater, in die Gärten hinter den Häusern, an die Schreibtische in den Büros. Einen Weg, auf dem seine Söhne jetzt die Schritte machen sollen, die ihm nicht gelungen sind. Den Weg, der zur Bildung führt. "The little that I know, I have to give it to them" , sagt Samuel Opoku tief im Bauch der Oper.

"Das wusste ich noch gar nicht." Diesen Satz sagt Felix ziemlich oft, seit sein Vater sich entschlossen hat, aus seinem Leben zu berichten. Es ist, als habe sich ein tiefer Spalt geöffnet. Ein Schiff? Seine Eltern erzählen ja nicht einmal von ihrer Arbeit. Nur manchmal hört Felix sie abends miteinander reden, leise, auf Twi, in ihrer Muttersprache. Daher weiß er, dass ihnen der Rücken schmerzt, die Arme, die Gelenke. Aber sein Vater – ein Abenteurer, der vom Schiff ging? Die Söhne wussten nichts von dem Moment im Hafen, in dem ihr Vater Schicksal spielte, auch für sie. Der Vater hat es nie erzählt, die Söhne haben nie gefragt. Als sei keine Zeit für einen Blick zurück gewesen, alles immer nur ein Vorwärts in eine bessere Zukunft.

Samuel Opoku aus der Sicht seines ältesten Sohnes: Das ist ein Vater, hinter dessen Strenge Felix erst allmählich die Fürsorge erkennt. "Er will immer, dass wir alles richtig machen." Deshalb holt der Vater nach der Arbeit Die Wilden Fußball-Kerle aus der Stadtbücherei und bittet seine Kinder zum Diktat. Deshalb lässt er sich die Hausaufgaben zeigen, Abhandlungen zum Sandmann von E.T.A. Hoffmann, die er kaum versteht. Deshalb sollen sie mit ihm Schach spielen und dürfen nur am Wochenende an die Playstation. Deshalb darf Felix, der 16-Jährige, erst eine Freundin haben, wenn das Abitur geschafft ist. Deshalb sollen sich die Söhne fernhalten von all den Ausländern in Horn, denn, so sagt der Vater seinen Söhnen, "zu viele Ausländer machen zu viel Scheiße". Deshalb ist Samuel Opoku aus gleich zwei Gründen froh, dass Felix der einzige Schwarze in Klasse 10 G4 der Wichern-Schule ist: Es macht ihn stolz. Und es erleichtert ihn.

Der Psychotherapeut spricht von einem Stadtteil "voller Angst und Depression"

Nun hat Felix diese Drei in Religion, ausgerechnet Religion. Auf seinem Halbjahreszeugnis hatte er in Biologie und Französisch eine Fünf. Er ist ins Wanken geraten. Er darf jetzt nicht auf die falsche Seite kippen.

Felix hat von seinem Vater gelernt, dass alles aus zwei Hälften besteht, "right" und "wrong" , "good" und "bad" . Sogar mit Hamburg ist das so. Es ist, als verlaufe eine gesellschaftliche Wasserscheide durch die Stadt: Die Reicheren fahren vom Hauptbahnhof aus nach Westen, nach Rotherbaum, Othmarschen und Blankenese. Die Ärmeren fahren nach Osten, nach Billstedt, Mümmelmannsberg und Horn.