Die Geschäfte hier haben freudlose Namen, Biershop, Änderungsstube, Bakir Allgemeine Zeitarbeit. Nur Sein, kein Schein. Horn ist kein Viertel, in dem es für Neugeborene T-Shirts mit dem Aufdruck "Abi 2027" gibt. Samuel Opoku lebt hier, weil die Wohnungen billig sind. Der Preis, den er dafür zahlt, ist die Sorge um seine Söhne in diesem Meer von Menschen.

In der angejahrten Gesamtschule kleben an den Toilettentüren Plakate mit Notrufnummern für "Opfer von häuslicher Gewalt und Zwangsheirat". Pro Familia bietet Sexualkunde für muslimische Mädchen an, zur Schulzeit, damit ihre Väter nichts davon erfahren.

In einer kleinen Praxis an der Washingtonallee erzählt Erich Schröder, Allgemeinarzt und Psychotherapeut, von einem Stadtteil "voller Angst und Depression", in dem er seinen Patienten manchmal jede Zuversicht entgleiten sieht. Er lernt sie als junge Familien kennen, "Türken und Farbige voller Begeisterung für ihre Kinder, alles an ihnen sagt: So wie du bist, bist du in Ordnung." Die Deutschen im Viertel hingegen, unter ihnen viele mit Alkoholproblemen, vermitteln den Kleinen das Gegenteil: "Du bist lästig." Aber wenige Jahre später, sagt Schröder, sitzen die türkischen und afrikanischen Eltern "mit Schmerzen im Bewegungsapparat" in seinem Wartezimmer. Ihre Kinder, vor allem die jungen Türken, kommen mit Kopf- und Bauchschmerzen, "typischen Präsentiersymptomen", hinter denen Schröder pure Angst diagnostiziert: vor den Vätern, vor der eigenen Schwäche. Und die Afrikaner, das liest er aus ihren Blutproben, "rauchen Haschisch wie die Teufel".

Im Polizeirevier Billstedt, das auch für Horn zuständig ist, sagt dem Dienststellenleiter Kondoch seine Erfahrung, dass für die Kinder in den Straßen ein Messer eigentlich keine Waffe mehr ist, sondern "allgemeines Statussymbol". Dass bei manchen Schlägereien niemand mehr einschreitet, weil die Jugendlichen lieber alles mit ihren Handys filmen. Und dass seine Kollegen im Polizeicomputer mittlerweile phonetisch nach Namen suchen können, weil kein Deutscher mehr weiß, wie sich all die Schläger, Dealer und Ladendiebe schreiben, nach denen sie gerade fahnden. Mit 33.000 Einsätzen im Jahr ist das Polizeikommissariat 42 die einsatzstärkste Dienststelle in Hamburg. In der Asservatenkammer liegen Messer, Axtstiele, Hantelstangen, Schraubenzieher, Zangen, Hockeyschläger – fast alles, womit man einander fertigmachen kann.

In der Kindertagesstätte Blostwiete, einem unscheinbaren Bungalow zwischen Mietshausriegeln, erzählt die Erzieherin Marina Buske, wie oft ihr Eltern sagen, sie hätten keine fünf Euro für einen Ausflug. Und dass andere diese fünf Euro in Raten abzahlen. "Bitte und Danke sagen, den anderen ausreden lassen, montags nicht das Wrestling nachspielen, das sie sonntags im Fernsehen gesehen haben", dieses "Hinterhererziehen" sei Alltag in Hamburg-Horn. Kinder, die mühsam lernen müssen, mit einer Gabel zu essen. Und die sich fürchten in der Stille eines Museums.

Marina Buske weiß noch, wie 1993 das Ehepaar Opoku vor ihr stand. Vater und Mutter, in ihren Armen ein Kind namens Felix, in den Augen Zuversicht und Vertrauen, wie es selten geworden ist in Horn. Beide Opokus gingen putzen. Die Mutter brachte Felix ganz früh, "noch halb schlafend", der Vater holte ihn nachmittags wieder ab. Einmal, als der Vater warten musste auf seinen Sohn, ist er dabei eingenickt.

Marina Buske erinnert sich an Felix als ein Kindergartenkind, das die Geschichten aus der Bibel kannte und Schach spielen konnte, das Streit aus dem Weg ging und sich vor seinem eigenen Blut fürchtete, aber erzählte, sein Vater wolle, dass es Arzt werde. Manchmal lieh sie Felix Spielsachen, die er mochte und für die aber das Geld zu Hause nicht reichte. Zu den Weihnachtsfeiern erschien der Junge im Anzug.

Für die Erzieherin waren das alles Gründe, sich zu freuen. Und sich Sorgen zu machen. Felix erschien ihr "zu ergeben" für ein Leben in Horn. "Er wäre nie auf die Idee gekommen, mal in den Bonbontopf zu greifen." Sie fürchtete, dass Felix nicht robust genug sein würde für die Gesamtschule. Er würde zerbrechen, wie so viele. Wie könnte sie Felix helfen, über die Zeit im Kindergarten hinaus? Marina Buske dachte an die Schule ihrer eigenen Kinder, die Wichern-Schule, in der die Religion "der Mittelpunkt des Lebens" sei. "Ich dachte, das passt."

Samuel Opoku hatte noch nie etwas gehört von dieser "Wichern-Schule". Doch Frau Buske, an die er sich so gut erinnert wie sie sich an ihn, erzählte Samuel Opoku vom "aktiven evangelischen Leben" dort, von der Schulpastorin und den wöchentlichen Andachten.

Endlich war da etwas, das Samuel Opoku bekannt vorkam. Eine Schnittmenge zwischen ihm und Deutschland, das ihm bis dahin als Land ohne Eigenschaften erschienen war.

Die Wichern-Schule liegt in Horn wie eine Insel der Hoffnung oder wie eine elitäre Unverschämtheit – je nach ideologischer Sicht der Dinge. Schon ihre Lage in einem Park unter hohen, alten Bäumen hebt sie aus dem Grau des Stadtviertels heraus. Kleine Reetdachhäuser, das himmelstürmende Paulinum und schlichte Nachkriegsbauten fügen sich zu einem Campus, aus dem sich Entstehen und Wachsen der Schule ablesen lassen. Horn lag noch vor den Toren Hamburgs, als der Theologe Johann Hinrich Wichern hier 1833 das Rauhe Haus gründete, ein Rettungsdorf für verwahrloste Kinder eines neuen Stadtproletariats. 1874 wurde das Paulinum eingeweiht, bis heute Kern der Schule, die jedes Jahr Reisegruppen nach Taizé schickt und alle Zehntklässler zu einem sozialen Praktikum in Altersheimen, Suppenküchen, Krankenhäusern verpflichtet. Jüngere Schüler bekommen ältere Schüler als Tutoren zur Seite gestellt. In der Oberstufe heißt der Leistungskurs Geografie "System Erde – Mensch" und der Leistungskurs Biologie "Mensch – Natur – Forschung". Das klingt weich, doch die Lehrer hier gelten als streng und fordernd.

"Man soll keine Fünf haben", sagt Felix Opoku, als sei es das elfte Gebot

Die Wichern-Schule und die Gesamtschule in Horn sind nur durch den schmalen Horner Weg getrennt, der wie eine Demarkationslinie zwischen zwei Schülerschaften und zwei Bildungskonzepten verläuft. Es gibt hin und wieder Prügeleien, die immer die Gesamtschüler gewinnen. Wie auch die regelmäßigen Fußballspiele. Dem Direktor der Gesamtschule fällt es leicht, seine Schüler ansonsten als schuldlose Verlierer zu beschreiben, als Opfer eines ärgerlichen Systemkampfes. Die Schule auf der anderen Seite der Straße sei eben privat. Eine, die sich die besten Kinder aussuchen könne. Und die anderen sich selbst überlasse.

Privatschule. Für Samuel Opoku klang das anfangs unerreichbar fern. Aber er hat bald gemerkt, dass das Wort "privat" eine Täuschung ist. Die Schule seiner Söhne ist keine Schule für die Reichen, denn die Reichen scheuen dieses Viertel. Für die 112 Gymnasialplätze gibt es jährlich etwa 160 Anmeldungen. Auf dem Campus sind eine Grundschule, eine Hauptschule, eine Realschule und ein Gymnasium verteilt. Die Wichern-Schule nimmt Magersüchtige auf, Schüler mit psychischen Störungen aus dem Universitätsklinikum Eppendorf. Sie ist eine Privatschule, die sich sogar der Putzmann Samuel Opoku leisten kann. Er zahlt pro Monat 80 Euro für seine drei Söhne.

Samuel Opoku hat sich oft gefragt, warum die Nachbarn seine Begeisterung über diese Schule nicht teilen. Wieso viele nicht einmal wissen, dass es sie gibt, nur fünf Gehminuten von seinem Zuhause entfernt. Inzwischen glaubt er die Antwort zu kennen: Die Wichern-Schule teilt nicht die Kinder von Horn, sie teilt deren Eltern – in solche, die noch für die Zukunft ihrer Töchter und Söhne kämpfen. Und in solche, die das nicht mehr tun. Oder die nicht bereit sind, sich auf eine Schule einzulassen, die ihnen etwas abverlangt, die etwas präsentiert, woran es Deutschland so sehr fehlt: eine Haltung. "Discipline and respect." So sieht es Samuel Opoku. Einmal in der Woche müssen alle Schüler in die Andacht, auch die Muslime, Juden und Atheisten. Die Eltern sollten das "in neutralem Wohlwollen" mittragen, sagt die Direktorin. Mehr verlangt sie nicht, es solle ja jeder bei seinem Glauben bleiben.