Doch so viel Anpassung ist vielen schon zu viel.

Und die 80 Euro, sagen Samuel Opokus Nachbarn, die könne er doch besser für später anlegen. "So do I" , antwortet er dann, "mache ich doch." Und seine Stimme bricht vor Zorn.

Felix ahnt, dass er und seine Brüder ihrem Vater etwas zurückzuzahlen haben. Nicht die 80 Euro, sondern einen Lohn für 27 Jahre. "Man soll keine Fünf haben", sagt Felix, als sei es das elfte Gebot. Für ihn wiegt jede Note schwerer als für die meisten Klassenkameraden. Denn sie bewertet ihn nicht nur als Schüler, sondern auch als Sohn. "Ich habe manchmal so ein komisches Schuldgefühl, weil meine Eltern selber ja nicht glücklich sind."

Wenn seine Brüder bei den Hausaufgaben nicht weiterwissen, hilft Felix ihnen. Wenn er selber nicht mehr weiterweiß, sucht er nach Antworten im Internet. Sein kleines Zimmer sieht aus wie die Schlafstätte eines Arbeiters auf Montage: ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Kleiderschrank und ein Poster der Fußballer von Arsenal London. Hier hat sich noch kein Leben abgelagert, nichts, was schon in eine Richtung weisen würde. Felix ist der Vorarbeiter seiner Brüder. Er wird ihnen den Weg weisen, so oder so. Ob er scheitert oder siegt, für Godwin, Winfried und Raphael ist er das Vorbild. Es ist, als habe er ein Ehrenamt übernommen. Das des Integrationsbeauftragten der Familie Opoku.

Vor ein paar Jahren, beim Fußball, stand es zur Halbzeit 0:6, und Haluk, der türkische Torwart, ist damals einfach abgehauen. Da stellte sich Felix zwischen die Pfosten. Ihm flogen die Bälle um die Ohren, viermal musste er hinter sich greifen. Aber er ist im Tor geblieben, bis heute.

Wenn Felix nachmittags aus der Schule nach Hause kommt, sitzt der Vater oft auf dem schwarzen Ledersofa, das zu groß wirkt für das kleine Wohnzimmer. "Wie war es?", fragt er dann. "Gibt es Neuigkeiten? Tell me! "

Die Wohnung, in der zunächst nur Unordnung und Enge zu erkennen waren, besteht bei näherem Hinsehen aus Details, die leicht zu lesen sind. Das Bild vom Abendmahl über dem Fernseher. Die Brockhaus-Bände in der Vitrine. Und die einzigen gerahmten Bilder: Fotos der Söhne bei der Einschulung. Urkunden, vom Leben verliehen.

Für einen 16-Jährigen wie Felix ist ein Vater kein unabänderliches Naturphänomen mehr, sondern ein Mann, den ein Sohn irgendwann zu hinterfragen beginnt. Bei Felix ist es noch ein stilles Staunen über den Vater, der zu Hause so stark ist und draußen so schwach. Der ihm das Leben erklärt, dem er aber Behördenbriefe übersetzen muss. Der ihm sagt, dass er mehr lesen soll, aber bei der Interpretation des Sandmanns nicht helfen kann. Der ihm eine Freundin verbietet, aber immer noch nicht den Genitiv beherrscht. Der wie ein Schatten durch die Stadt huscht, in der seine Freunde shoppen gehen. Der ein Ausländer ist, der seinen Sohn vor Ausländern warnt. Der sich mit jeder Mahnung, zu lernen, um nicht so zu werden wie er, immer auch ein wenig selbst erniedrigt. Und der, als die Familie im vergangenen Sommer nach Ghana flog, noch mal ein anderer war: der erfolgreiche Samuel Opoku aus Deutschland, der einen Container voller Geschenke vorausschickte für die Onkel und Tanten, die Cousins und Cousinen in Berekum und Kumasi. Einmal hat Samuel Opoku, der in Hamburg nur Bus und Bahn fährt, sogar einen gebrauchten Opel nach Afrika verschiffen lassen.

"So viele Geschenke. Das bin ich nicht gewohnt von meinen Eltern", sagt Felix, wenn sein Vater nicht mithört. "Ich glaube nicht, dass ich die Kraft hätte, so zu leben wie er."

Wenn seine Söhne nicht mithören, sagt der Vater, wie stolz er auf sie ist. "Sie haben Perspektive, sie haben Respekt. Noch nie stand ein Polizist vor meiner Tür und hat gesagt: Mister Opoku, kommen Sie mal mit und schauen sich an, was Ihr Sohn angestellt hat."

Hin und wieder überlegt Samuel Opoku, ganz bei sich, wie es wäre, nach Afrika zurückzukehren. Nicht mehr zu putzen. Seit ein paar Jahren überweist er Geld an seinen Bruder in Kumasi, der davon Orangenbäume kauft und einen Hain anlegt. Es sind schon viele, doch die Bäume sind noch nicht stark genug, um ihn daheim in Afrika zu tragen. "Ich glaube an Gott", sagt Samuel Opoku, "es ist sein Wille, dass ich immer noch hier bin." Auch in dieser Frage ist Gott Samuel Opokus Zuflucht. "Er will, dass ich bleibe. If my children are right here, so am I. " Auch falls er, was sein eigenes Leben betrifft, vor 27 Jahren in die falsche Richtung gelaufen sein sollte: Wenn er jetzt umkehrt, wäre niemandem geholfen.

In der Kirche finden die Opokus Worte, hier wird aus dem Putzmann ein tänzelnder Herr

Wenn die Opokus sonntags in die Kirche schreiten, vollzieht sich an den Eltern eine wundersame Wandlung. Aus Samuel, dem Putzmann, wird ein tänzelnder Herr im Anzug, seine vier gestriegelten Söhne im Gefolge. Mavis, 20 Jahre jünger als ihr Mann, trägt ein prächtiges Kleid in Grün, Rot und Braun und ruft "hello!" , "hello!" , "hello!" in die Bänke. All die Tage hat sie sich hinter einem Lächeln versteckt, freundlich, aber undurchdringlich, dahinter verborgen die Scham, auch nicht besser Deutsch zu sprechen als ihr Mann. In der Kirche haben Felix’ Eltern Worte.

Mit dem 116er-Bus sind sie von Hamburg-Horn nach Wandsbek gefahren, dort in den 8er umgestiegen und weiter nach Bramfeld in den Norden der Stadt. Die Busfahrpläne kleben an der Innenseite ihrer Wohnungstür, eine Stunde dauert die Reise. In der evangelischen Thomaskirche, etwas verloren am Rand eines Gewerbegebietes, hält die Presbyterian Church of Ghana wöchentlich ihre Gottesdienste ab. Zweihundert Menschen sind gekommen, alle schwarz, alle gut angezogen, geschmückt und geschminkt. Die Männer klatschen sich ab wie Basketballstars, die Frauen tragen Lipgloss, Nagellack und waghalsig hohe Schuhe, ihre Absätze schlagen auf den steinernen Boden. Hinten im Kirchenschiff verkeilen sich die Kinderwagen, vorn am Altar predigt Reverend Ebenezer Kofi Decker, im vergangenen Jahr aus Accra entsandt, auf Englisch und Twi. "Herrgott, wir danken Dir für jeden neuen Tag, auch dafür, dass es jetzt wieder regnet." Emmanuel Boakye, montags bis samstags arbeitslos, sonntags Organist, holt weit aus, dann setzt der Chor ein. Männer und Frauen klatschen, tanzen, singen. Oh, Lord! Die Gemeinde wogt drei Stunden lang.

Die Kinder sitzen währenddessen im Pfarrhaus etwas gelangweilt bei einem kleinen Gottesdienst – auf Deutsch, weil nicht mehr alle Twi verstehen. Felix würde sonntags gerne mal etwas anderes unternehmen, vor allem jetzt, da der Sommer naht. Ins Freibad gehen wie seine Klassenkameraden. Die Mädchen im Bikini sehen. Felix sagt, er mag besonders die weißen, die mit den langen, glatten braunen Haaren. Wenn er mit seiner großen Sonnenbrille und seinen weiten Hosen in die Schule kommt, sagen sie manchmal: "Du siehst aus wie P. Diddy." Das ist das größte Kompliment. Er könnte sich vorstellen, einmal zwei Kinder zu haben, einen Jungen und ein Mädchen, ein deutsches Leben in einem deutschen Haus. "Vielleicht gehe ich aber auch nach Amerika. Ich weiß noch nicht."