Seine Mutter tanzt im Mittelgang der Kirche, mit einem Tuch wischt sie sich den Schweiß von der Stirn. Sein Vater geht durch die Reihen und sammelt Geld ein, er ist der Kassenwart der Gemeinde. Sein Anzug, ihr Kleid: Sie erzählen, dass doch nicht alles gleich wichtig oder gleich unwichtig ist. Dass es noch Gründe gibt, dem Leben hin und wieder mit geputzten Schuhen gegenüberzutreten. Und womöglich wäre es Samuel und Mavis Opoku leichter gefallen, in einem Land heimisch zu werden, das es genauso hält. Das weiß, was ihm wichtig ist. Das sich freuen und vielleicht sogar ein wenig selbst lieben kann. Seit 2002 hat Samuel Opoku einen deutschen Pass, aber seine emotionale Staatsbürgerschaft ist nach wie vor ghanaisch. Wenn es um Fußball geht, drückt er seine Daumen für Asante Kotoko, den Club der Ashanti. Und noch nie in seinen 27 Jahren Hamburg war er an der Nordsee.

Es wäre leicht, zu sagen, dass sich Samuel Opoku auch nach so langer Zeit nicht integriert hat. Er hat sich, fast ökonomisch, ausschließlich auf die Bildung seiner Söhne konzentriert. Das klingt nach wenig. Aber wenn Eltern stolz genug sind, die eigene Schwäche zu ertragen, und wenn Söhne stark genug sind, nicht zu zerbrechen unter der Erwartungslast der Eltern, dann ist das viel.

Dann ist das mehr, als viele Deutsche leisten.

Am Nachmittag fährt die Familie mit dem 8er-Bus durch die sonntagsleere Stadt nach Hamburg-Wandsbek und von da aus mit dem 116er nach Hause, in ihren Alltag aus Putzen und Lernen, der einige Tage später vom Elternsprechtag in der Wichern-Schule durchbrochen wird. Felix und sein Vater sollen um sieben Uhr abends bei Klassenlehrer Rengstorf sein, die Mutter geht mit Godwin und Winfried. Im Treppenhaus des Paulinums nimmt Felix gleich zwei Stufen. Sein Vater bleibt einige Schritte zurück. Er ist jetzt wieder klein.

Aus den Klassenzimmern ist das Gemurmel der Lehrer und Eltern zu hören, bedeutungsschwer in der Stille einer leeren Schule. Die Tür zu Raum P.05 steht offen. Rengstorf trägt wieder Jeans. Für ihn ist das hier Alltag, für Samuel Opoku ist es alles. Zehn Minuten Schicksal. Er hat wieder einen Anzug angezogen. Und gute Schuhe.

"Ah, Familie… Opoku!", ruft Rengstorf. Samuel Opoku gelingt ein heiseres "Guten Tag". Er setzt sich Rengstorf gegenüber und legt die Hände in den Schoß.

Der Lehrer blättert in einem Stapel Papier und sagt dann, Felix habe Probleme mit der Pünktlichkeit. Da sei wohl morgens viel zu tun zu Hause. Samuel Opoku schaut auf seine geputzten Schuhe. Felix fängt den Blick des Lehrers auf. Dann ist es wie so oft, wenn Vater und Sohn sich hinaus nach Deutschland begeben: Der Sohn wird zum Dolmetscher. Jetzt übersetzt er in eigener Sache.

Beim Elternsprechtag geht der Vater vor Demut rückwärts aus dem Klassenzimmer

"Felix", sagt Rengstorf, "in Französisch und Biologie musst du kämpfen."

"Ja. Da habe ich die Arbeiten verhauen, Papa."

Felix knetet die Mütze durch, die er seit dem Morgen trägt. Er sollte von einer dieser Fünfen runter, sagt Rengstorf, mündlich sei er da auf einem guten Weg.

"Willst du noch deine anderen Heldentaten wissen?"

"Okay."

"In Geschichte könntest du dich mehr zeigen. In Deutsch waren deine Arbeiten ganz ordentlich. Politik machst du allerdings lieber. Religion auch. Alles in allem wirst du wohl in die elfte Klasse versetzt werden."

Dann blickt der Lehrer Samuel Opoku an. "Herr Opoku, das heißt: Felix wird das Abitur schaffen."