Seitdem ich Arnold Stadler zum ersten Mal gelesen habe, hat er meine Sprache und meinen Stil verändert, und vor allem ist er mir als Person unhintergehbar geworden. Wir sind uns öfter begegnet, kennen uns seit einigen Jahren, aber mit "als Person" meine ich nicht diesen Menschen, der da vor mir steht, wenn ich ihm begegne. Der, der da vor mir steht, schreibt ja gerade nicht und ist kein Buch. Ich glaube, dass Bücherschreiben auch im Fach "Belletristik" eine Art sein kann zu denken. Es gibt sogar Leute, die können eigentlich nur auf diese Weise denken. Sie führen ein lebenslanges Denkgespräch mit sich selbst – manchmal in Erzählprosa, manchmal in anderer Form. Und sie werden durch das Schreiben mit sich vertraut. Sie entstehen, indem sie sich an sich abarbeiten. Sie bekommen immer mehr eigenen Wortlaut.

Mich hat nie die Handlung in einem Buch interessiert, mich hat nie ein Stoff interessiert, mich hat an einem Buch überhaupt noch nie etwas "interessiert". Eigentlich verlange ich von einem Buch viel mehr. Ich muss mit den Büchern leben und ebenfalls mit ihnen denken können. Vor der Denk- oder sagen wir sogar: Lebensbewegung, die ich sehe, wenn ich Stadler und sein Werk betrachte, stehe ich, behutsam gesagt, mit großer Achtung. Ich sehe darin so etwas wie eine aufrichtige Selbsterkenntnis, gepaart mit einer ebenso aufrichtigen (man könnte auch sagen, wahren) Selbstverhüllung, die sich aus der Erkenntnis speist, dass bloße Selbstenthüllung im Regelfall etwas absolut Vorschnelles ist, sagen wir, eine Art Wahrheitskitsch, an den man schnell selbst nicht mehr glaubt. Der Kipp-Punkt zwischen diesen beiden Polen ist Stadlers Erkenntnisbereich. Stadler hält die Wunde immer offen. Und er macht ein Lebensbild daraus: Es tut weh, also bin ich.

Stadler hat es geschafft, innerhalb seines Werkes gewisse Worte so zu seinen eigenen zu machen (vergleichbar zuletzt vielleicht mit Gottfried Benn, der hatte auch seine eigenen Worte, und wie), dass es viel Platz brauchte, diese Begriffe im Stadlerschen Sinn zu explizieren. Vor allem natürlich das Wort Sehnsucht. Erst war es die Sehnsucht nach dem anderen, die Sehnsucht nach einem anderen Land, dem Meer, oder sei es nur die nach der Nordsee. Dann war es die Sehnsucht nach der Liebe… wobei alles, was mit Liebe zu tun hat, bei Stadler sehr vielfältig sein kann, wie im Leben. Es gibt kein Liebesverbot. Aber es gibt auch keine Sprache (und soll auch keine geben) für die verschiedenen Arten der Liebe.

Peitschen (das wäre so eine Art) kommen bei Arnold Stadler jedenfalls nicht vor. Nadeln auch nicht. Gar keine Instrumente. Und doch zeigt er uns in jedem Satz die Instrumente. Und es ist alles, was da stattfindet, mit oder ohne Instrumente, Liebe und kann gar nicht anders sein. Dass ein Mensch leben muss und leben können will mit dem, was er ist und wie er nicht anders sein kann, das lese ich bei Stadler. Und dass er dabei dennoch immer die Sünde in sich spürt und die Sünde keine Lüge ist, sondern die Wahrheit, das lese ich ebenfalls bei Stadler. Und dass es dafür kein anderes Wort gibt als Sünde. Dass also auch dieses Wort dazugehört. Und dass es zugleich Leben ist. Daraus wird ein Weltbild oder, sagen wir – eine conditio humana. Wo es wehtut, ist Leben.

Nun, in seinem neuesten Buch Salvatore, kommt nach der Sehnsucht auch nach unausgesprochenen Dingen, die man eher in Schuppen versteckt, damit die anderen sie nicht finden, etwas Weitergehendes in den Bereich des Stadlerschen Wortes Sehnsucht und seiner anderen Worte. Das ist der liebe Gott. (Ich nenne ihn so.) Der war bei Stadler auch schon immer da, so wie bei einem großen Autor sowieso immer schon alles da ist, wenn auch manchmal erst im Hintergrund. Aber jetzt hat der liebe Gott ein Buch bekommen. Auslöser dafür ist Pasolinis Verfilmung des Matthäus-Evangeliums, von dem Stadlers Buch handelt. Ein Mann, konkurs, abgewirtschaftet und auch noch Salvatore heißend, gerät am Himmelfahrtstag, an dem die anderen Vatertag feiern und Bierkästen in Kinderwagen herumschieben, zum ersten Mal seit langer Zeit in einen Gottesdienst und anschließend auch noch in eine Vorführung des Matthäus-Evangeliums von Pasolini. Er kommt verändert aus dem Film heraus, beseelt und erleuchtet. Man könnte das Buch einen Roman nennen, wenn es nicht nach einem Drittel seinen erzählerischen Ansatz schon ad acta legen würde. Das nächste Drittel des Buchs besteht aus einer Nacherzählung des Pasolini-Films aus Salvatore/Stadler-Perspektive. Der Film wird zu einem Stadler-Text umgeschrieben, aber zugleich schreibt sich Pasolinis Film und seine Atmosphäre auch in Stadlers Stil und sein Wort Sehnsucht hinein. Dritter Teil: Eine Art Essay über Pasolini und sein Leben und sein Sterben und seine Liebe. Dann folgt noch eine Betrachtung über die gegenwärtige katholische Kirche. Stadler fällt hier völlig von seinem sonstigen Stil ab, lässt jeden Schutz fahren und schreibt Dinge, die im öffentlichen Diskurs sofort zerfetzt werden können. Dann folgt noch so etwas wie eine kunstgeschichtliche Betrachtung des berühmten Zöllnerbildes Caravaggios. Jesus bestellt den Zöllner zu seinem Jünger, und für Stadler ist der Bestellte natürlich nicht, wie für die Kunstwissenschaft, der alte bärtige Mann, sondern der schöne junge Mann am Tischende mit den üppigen Schenkeln. Alle diese Teile fallen im Buch auseinander. Und in allen geht es um dasselbe.

Das Buch ist ergreifend disparat und liebevoll hilflos in seiner Anlage, und vielleicht wäre es sonst weniger gelungen. Es wirkt auf mich fast kaputt, macht sich geradezu mit Absicht angreifbar und spricht doch gerade vom Salvatore, vom Retter. Wer dieses Buch zur Hand nimmt und glaubt, könnte auf den Gedanken kommen, hier finde gerade ein Pfingsterlebnis statt.

Stadler nennt den lieben Gott zwar nicht den "lieben" Gott. Aber ich tue das seit ein paar Jahren. Ich selbst habe irgendwann ganz aufgehört, von Gott zu sprechen, und spreche seitdem nur noch vom lieben Gott. Vielen ist das unangenehm. Einige halten das sogar für ganz und gar dumm und eine Pose. Eine Anmaßung. Kurz, eine Schweinerei vielleicht sogar. Vor allem paare ich das damit, dass ich mich auf keinerlei Diskussionen mehr einlasse. Ich habe vollkommen zu argumentieren aufgehört. Das verärgert besonders. Das darf man nicht. Und nun finde ich plötzlich dieses Buch Salvatore, das etwas ganz Ähnliches macht. Es beendet den Diskurs und wird selbst zum Funken.

Normalerweise teilen wir die Welt in zwei Gattungen ineinander unübersetzbarer Wesen. Da ist zum einen der, der an Gott glaubt. Das wird respektiert. Es erscheint allerdings auch als eine Krankheit. Manche "würden" sogar "gern glauben können", können es aber nicht (sagen sie). Und zum anderen sind da die, die die Gläubigen anschauen wie Wesen aus einer fremden Welt. Die Glaubenden reden meist in ihren eingefahrenen Glaubenssätzen, die anderen haben eine Batterie an "aufgeklärten" Instrumenten zur Hand, mit denen sie die Ersteren jederzeit für schwachsinnig erklären können, ehrlich gesagt.

Selten passiert es, dass plötzlich einer erleuchtet wird. Das ist, wenn das Wort erlaubt ist, unzweifelhaft geschehen, als der ungläubige Pasolini seinen Film Il Vangelo secondo Matteo gedreht hat. Man sieht das und ist erschlagen, früher hätte man gesagt: ergriffen, noch früher hätte man vielleicht gesagt: beseelt. Dass da Jesus anwesend sein könnte und vor allem der Heilige Geist, der mir das alles mitteilt, das würde heute keiner sagen.

Pasolini war ein Kulturmensch, einen Film zu drehen hat alles andere als heiligmäßige Qualitäten und erfordert eine Menge Sekundärtugenden. Also kann man den Film gern in seine rhetorischen Einzelteile zerlegen und zeigen, wie und warum er so auf den Zuschauer wirkt, bis nichts von ihm übrig ist. Man wird dann sagen: Pasolini versteht es sehr gut, im Betrachter die und die Reaktion zu erwecken, weil er den Betrachter und seine Gewohnheiten und Bedürfnisse sehr gut kennt – er ist ja Künstler.

Schwache Rede! Lese ich Heiligengeschichten, wird mir stets etwas sehr Ähnliches erzählt wie das, was Pasolini und seinen Film angeht. Da gab es Heilige, die liefen herum und brachten anderen den Glauben, das ist noch kein Wunder, aber sie brachten ihnen den Glauben an Wunder, und gleich an das größte, nämlich dass es für sie einen lieben Gott geben könnte.

Lese ich Stadlers Salvatore, lese ich Erschlagenheit, Ergriffenheit und Beseeltheit. Von einem Film. Oder vom Heiligen Geist? Die Gläubigen behaupten, der Geist Christi sei in die Welt gekommen und habe sich auf Jesu Jünger und von dort auf andere übertragen, und diese Kette riss nie ab, und wo man selbst keinen Beseelten traf, besorgte man sich wenigstens eine Reliquie und am Ende wenigstens eine Kontaktreliquie. So kam dieser Geist immer weiter und schließlich, wenn man reden dürfte wie die Alten, auf Pasolini. Stadler kann das erkennen (denn auf ihn kam er ja auch), aber nicht aussprechen. Aber man kann wenigstens die Sehnsucht danach haben, so denken zu können.

Stärkere Rede! Stadler war immer ein Autor des kontrollierten Tabubruchs. Nein, umgekehrt. Er bricht vornehmlich stets das Tabu, keine Tabus haben zu dürfen. Seine Helden und seine Sprache etwa brechen mit dem Zwang, sich zur Homosexualität (was für ein aseptisches Wort!) bekennen zu müssen. Da ist von Liebe die Rede oder von noch Allgemeinerem. Aber nicht von mehr oder weniger. Das Wort Homosexualität kam bislang, soweit ich sehe, nie vor. Jetzt, wo es um Pasolini und Jesus geht, zum ersten Mal.

Bei Stadler muss auch noch kein Sport getrieben werden. In Mein Stifter (2005) hat Arnold Stadler eine Hommage an den notorischen Dickwanst Adalbert Stifter geschrieben. Sport ist dem, der da in den Büchern Stadlers spricht, ebenso zuwider wie die moderne Hirnforschung. Überhaupt darf bei Stadler auch der Tod im Leben schon dazugehören. So altertümlich ist dieser Autor. Er ist so altertümlich, dass er sogar noch, und zwar sein ganzes Werk hindurch, Zeugnis abgibt, von sich und der Welt. Arnold Stadler hat ein Werk, und er hat ein Leben. Das kann man nicht über viele sagen.

Daher macht Stadler oft auch das, was Verlage und Lektoren hassen. Er wiederholt sich. Er übt sich ein, wie in eine Litanei, und er schließt dadurch seine Bücher immer mehr zu einem Großen und Ganzen zusammen. Sein letztes Buch hieß Komm, gehen wir, mit diesen Worten finden sich da Liebende am Strand zusammen und gehen sich lieben. Nun ist es Jesus, der auf die Fischer trifft und genau dasselbe zu ihnen sagt. Kommt, gehen wir. Daraus werden dann Petrus und all die anderen (vorneweg Andreas). Vorher waren es noch Liebende.

Es wird bei Stadler auch gegen die Gesundheit geraucht. Es wird bei Stadler, wo es um Sehnsucht geht, in den Swingerclub gegangen und dort schon mal vorsorglich angewichst, wenn man aus der Umkleidekabine kommt. Und das alles ist dann nicht Sexualität oder Lustbefriedigung oder sonst etwas in unserer Sprache, sondern es ist schlicht Sehnsucht und Leben – und hat stets, wie alles, was die Wahrheit berührt, poetische Kraft. Mitten dahinein kommt nun bei Stadler Jesus und sagt: Komm, gehen wir.

Und nun wird bei Stadler auch noch in den Gottesdienst gegangen. Und mehr noch, nun wird bei Stadler sogar darauf beharrt, dass man so etwas, wie es Pasolini gemacht hat, auch selbst machen kann. Nämlich ein Evangelium, auch wenn es von der Wissenschaft durchforstet ist, auch wenn der Text erst einmal von Philologen hergestellt werden muss, auch wenn ganze Komitees die Übersetzungen durchsprechen und alles von höchster institutioneller Ebene abgesegnet ist … nämlich ein Evangelium nehmen und lesen und erschlagen, ergriffen und beseelt sein können. Früher hätte man gesagt, den Heiligen Geist zu sich lassen.

Die Amseln, sagt Stadler, sangen, als blühten sie. Stadlers Sprache ist auch so ein stetes Blühen, und nun hat er das Evangelium nach Matthäus in sein Blühen hineingenommen. Stadlers Buch blüht wie der Film von Pasolini. Und wie das Evangelium selbst, von dem Stadler vielleicht ja sein eigenes Blühen hat. Und das alles könnte man dann vielleicht die Anwesenheit des Heiligen Geistes nennen.

Andreas Maier, geboren 1967, lebt in Bad Nauheim. In diesem Jahr erschien sein Roman Sanssouci