Die Umgebung von Mardin lockt mit sanftgrünen Hügeln und Obstbäumen. Dahinter beginnen die Abgründe. Das Massaker von Bilge bei Mardin in der Nacht auf Dienstag erinnerte in seiner Brutalität an die vielen Kriege, die diese Gegend in den vergangenen hundert Jahren gesehen hat. Gegen Armenier und arabische Christen, gegen Türken, zuletzt gegen Kurden in den neunziger Jahren. Jetzt haben maskierte Mörder eine ganze Familie ausgelöscht – samt Kindern, Enkeln, Neffen, Nichten. Im Visier war die Zukunft des Celebi-Clans. Die Täter hatten sich eine Verlobungsfeier für die Vernichtung der Sippe ausgesucht.

Die ganze Türkei und mit ihr Europa ist schockiert über das Verbrechen in Südostanatolien. Während in Bilge Schaufelbagger die Gräber für 44 Tote aushoben, trat in Ankara die türkische Regierung vor die Mikrofone. "Kein Terrorakt", sagte der Innenminister. Er verzichtete auf die sonst übliche reflexartige Beschuldigung der kurdischen Guerillaorganisation PKK. Der Premierminister setzte nach: "Keine Tradition kann diese Bluttat rechtfertigen."

Tayyip Erdoğan verwarf die klassische Ausrede vom uralten Brauchtum im unterentwickelten Osten. Das ist schon mal gut so. Doch reicht es aus für eine aufrichtige Debatte über die Ursachen dieses Massakers? Am Dienstagabend war noch vieles unklar über den genauen Hergang der Tat. Aber das Umfeld des Verbrechens zeichnet sich schon ab. Kein Zufall, dass es im Südosten der Türkei passierte.

Der Ort des Verbrechens: Bilge bei Mardin in Südostanatolien, Grenzgebiet zu Syrien © ZEIT Grafik

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ahrhundertealte Traditionen sind keine Rechtfertigung, aber eben eine unleugbare Realität in dieser Gegend. Nichts steht höher als die Familienehre, nichts ist dringlicher als Sühne mit allen Mitteln, sollte jemand diese Ehre beschmutzt haben. Die Celebis waren eine große, stolze kurdische Sippe, hört man aus Mardin. Nicht alle Angehörigen seien mit der Wahl des Bräutigams für eine Tochter der Familie einverstanden gewesen. Was immer der Auslöser war: Bei solchen Fehden sind die Befürworter von Ausgleich und Nachsicht in der Minderheit. Die Vendetta gilt als das beste Mittel, das Gesicht zu wahren, auch wenn es einen das Leben kostet.

Blutrache ist nichts speziell Kurdisches oder Türkisches. Sie ist weder an islamische Tradition gebunden noch an diese Region. In den kaukasischen Staaten ist die Vendetta an der Tagesordnung, in Albanien ebenso, Fälle von Blutrache kommen in China und auf Korsika vor, zunehmend im Jemen und immer noch in Süditalien. Die Türkei ist also nicht allein mit diesem Problem.

Deshalb fällt es türkischen Politikern leichter, darüber zu sprechen. Weniger gern reden sie über eine zweite Besonderheit in Südostanatolien. Diese hat mit dem Krieg gegen die PKK zu tun und der Art, wie der türkische Staat Kurden gegen Kurden ausspielt.

Bilge bei Mardin ist ein sogenanntes mobilisiertes Dorf und steht unter der Kontrolle von "Dorfschützern". Das sind Kurden, denen die türkische Armee vor Jahren ein "Angebot" gemacht hatte, das sie nicht ablehnen konnten: Entweder ihre Häuser und Höfe gehen in Flammen auf, oder sie kämpfen auf türkischer Seite gegen die PKK. Manche Clans erklärten sich sogar freiwillig bereit, als Dorfschützer zu arbeiten, vor allem solche, die mit der PKK in Fehde lagen. Der türkische Staat zahlt ihnen seither ein regelmäßiges Gehalt und Sozialleistungen. Eine Rarität im armen kurdisch besiedelten Südosten. Seit der Einführung 1985 ist die Armee der Dorfschützer heute auf 70000 angewachsen.