So schön kann Leere sein. Eine nackte weiße Leinwand, davor eine Dame im hellen Seidenkleid, Karoline Luise, die Markgräfin von Baden, in der rechten Hand einen Kohlestift. Gleich wird sie mit dem Zeichnen beginnen. Noch aber schaut sie nur, schaut uns aus fragenden Augen unverwandt an. Als gälte ihr Interesse uns. Als wären wir ihr Malmotiv, mit dem sie die Leere ihrer Leinwand füllen will.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

In der Mitte des 18. Jahrhunderts kommt Karoline Luise in die neu gegründete Residenzstadt Karlsruhe. Dort malt sie nicht nur, sie sammelt auch: kauft die wunderbarsten Bilder, Chardin, Boucher, Frans van Mieris. Noch heute stehen wir verwundert davor, dankbar dieser Dame, die so keck aus dem Bild schaut, das Jean-Etienne Liotard 1745 von ihr gemalt hat. Wir sind tatsächlich ihr Motiv, wir sollen schauen, wie sie schaut, sollen staunen über das, was aus der Leere hervorging: wie aus dem markgräflichen Mahlerey Cabinett die heutige Kunsthalle Karlsruhe wurde, eine der eindrücklichsten Sammlungen weit und breit.

Mehr als 800 ältere und jüngere Bilder sind dort zu sehen, Cranach und Baselitz, Rembrandt und Richter, Rubens, Menzel und Kandinsky, dazu in der Grafikkammer rund 90.000 Blatt, und das alles nicht in irgendeiner pulsierenden Hauptstadt, sondern am Rande, im Städtchen Karlsruhe. Wie einst Karoline Luise können wir hier die Kabinette durchwandern, still und ungestört. Keine drängelnden Massen, niemand, der einem die Sicht versperrte, nur ein paar Museumswärter, die uns aufgeschreckt umkreisen. Auch das eine Form von Leere: Wir sind hier allein mit uns selbst und diesem ungeheuren Bilderschatz, ein geradezu aristokratischer Luxus. Und ein unheimlicher außerdem, denn leicht kippt die Leere um in Verlassenheit.

So ist das in Deutschland: Die Museen blühen und gedeihen, zählen über hundert Millionen Besuche im Jahr. Zugleich scheinen sie oftmals wie ausgestorben. Denn dort, wo nicht getrommelt wird für Sonder-, Extra-, Megaausstellungen, mag sich kaum noch jemand begeistern. Nur noch zehn Prozent der Besucher kommen, um die ständige Sammlung zu sehen, schätzt der Direktor der Hamburger Kunsthalle. Und selbst von diesen zehn Prozent habe sich vermutlich die Hälfte verirrt, auf dem Weg von der einen Sonderausstellung zur anderen.

Lässt sich das ändern? Lassen sich in Hamburg, Karlsruhe und anderswo wieder mehr Menschen für die ständigen Sammlungen begeistern? Diese neue Kolumne des ZEIT- Feuilletons will es versuchen. Will auf das schauen, was unser leerer, unser blinder Fleck ist. Will den Kunstreichtum zeigen, der uns so selbstverständlich geworden ist, dass wir ihn nicht mehr wertschätzen. Das Besondere, das Einmalige ist täglich geöffnet, außer montags – und doch mindestens so sehenswert wie die Sonderausstellung.

Natürlich hat auch diese ihr Gutes, sie bietet Orientierung. Ein Museum im Normalbetrieb hingegen, vor allem ein so großartiges wie die Kunsthalle Karlsruhe, macht es dem Besucher nicht leicht. Wo fängt man an bei so vielen Bildern? Am besten man sucht sich eine Nische: schaut bei den Niederländern vorbei, bei den Franzosen oder den Deutschen des 19. Jahrhunderts, bei C. D. Friedrich und Joseph Anton Koch. Oder man begibt sich in kunstreligiöse Andacht, eigens gibt es eine Bilderkapelle, ausgemalt von Hans Thoma, der von 1899 bis 1920 Museumsdirektor war.

Aber am wundersamsten ist die Kunsthalle bis heute dort, wo Karoline Luise einst mit dem Sammeln begann. Wo jene Bilder hängen, die das Intime und Stille zeigen. Lauter Alltäglichkeiten bevölkern die Leinwände, und das Gewöhnliche wird museumsreif. Samuel van Hoogstraten zum Beispiel stellt uns vor eine Pinnwand, vollgehängt mit zerknickten Briefchen, mit Kamm, Schere, einem Büchlein, mit Goldmedaille, Federkiel und Brille – und alles sieht aus, als wäre es nicht gemalt, als hinge es wirklich dort, zum Greifen nah. Wir sollen unseren Augen nicht trauen – und schauen doch nur umso begieriger. Es ist die ständige Sammlung des Künstlers. Und die schönste Verlockung, auch die des Museums neu zu entdecken.